Berliner Adventskalender (20)

Die 20 grünen Hauptwege

Der Senat hat 20 Wanderwege durch die Hauptstadt definiert. Die sind zwar ńicht ganz einfcah zu finden, aber immerhin ist der Name rechtlich geschützt.

Auf der Internetkarte blau eingezeichnet: Der grüne Hauptweg am Reichstag Bild: Senat

Der Name allein erinnert schon an Paul Klees Gemälde "Hauptweg und Nebenwege" von 1929. Eine weitere Parallele zu der abstrakten Ansammlung an Rechtecken verschiedener Größe und Farbe tut sich auf, wenn man die so genannten 20 grünen Hauptwege auf der Berliner Stadtkarte zusammen sucht: Plötzlich stechen einem unter dem bunten, topographischen Allerlei die Farben Blau und Grün ähnlich ins Auge wie auf des Künstlers Bild. Doch wer kennt sie schon, die von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ausgewiesenen Hauptwege? Und was soll dieser spröde Begriff, der sogar namensrechtlich geschützt ist?

Gemeint sind im weitesten Sinne grüne, also naturierte oder am Wasser liegende Routen durch die Stadt. Zum "Flanieren" sollen die Hauptwege einladen, zum "Erholungsspaziergang" und nicht zuletzt zu solch banalen Dingen wie dem "Erledigen von Besorgungen", ist im Internet unter www.gruene-wege-berlin.de nachzulesen. Während die gedruckte Wanderkarte von vielen Nutzern als unübersichtlich und veraltet kritisiert wird, erscheint die im Netz angebotene digitale Variante aktuell und vergleichsweise benutzerfreundlich.Schnell lässt sich darauf erkennen, dass durch das politisch grüne Kreuzberg auch nicht unbedingt mehr grüne Wege verlaufen als durch andere Bezirke. Aber immerhin: Der 23 Kilometer lange Tiergartenring führt etwa zu großen Teilen durch Kreuzberg, vorbei am Urbanhafen, dem Oranienplatz und dem Engelbecken. Eine durchgängige Oase der Ruhe und Einsamkeit ist der Tiergartenring aber ebenso wenig wie die anderen 19 Hauptwege. Vielmehr sind die grünen Strecken, die insgesamt über 500 Kilometer umfassen sollen, lediglich als Bereiche zu verstehen, in denen es mitten in der Stadt mal ein wenig ruhiger zur Sache geht - unmittelbare Nähe einer lärmenden Hauptverkehrsader nicht ausgeschlossen.

Durchgängig ist das Wegenetz noch lange nicht. "Es gibt viele Lücken, die erst noch geschlossen werden müssen", bestätigt Carmen Schultze des BUND. Die Naturschutzorganisation half dabei, die grünen Wege ausfindig zu machen. "Die Planungen der Stadt waren jahrezehntelang sehr autofixiert. Das hat sich jetzt zum Glück etwas verbessert, so dass Fußgänger und Fahrradfahrer mehr in den Mittelpunkt rücken", sagt Schultze. Die grünen Hauptwege seien eine sinnvolle Planungshilfe. "Das Ziel ist klar: Irgendwann soll es ein durchgängig fußgänger- und radlerfreundliches Streckennetz durch die Stadt geben."

Weder bei BUND noch bei dem zweiten Partner der Senatsverwaltung, der Fußgänger-Initiative FUSS, ist man mit der nicht gerade marketingfreundlichen Bezeichnung der 20 grünen Hauptwege wirklich glücklich. "Ein bisschen sperrig", sagt etwa FUSS-Sprecher Stefan Lieb zu dem Griff ins Bürokraten-Jargon. Der Leiter der Berliner Naturschutzbehörde, Michael Gödde, sieht das anders: "Gerade das Sperrige an dem Name macht das Ganze zu etwas Besonderem." Weil verhindert werden sollte, dass Verlage andere "grüne Hauptwege" als die von der Senatsverwaltung angedachten in ihre Karten einzeichneten, sei der Name sogar geschützt worden. "Unsere Überlegungen sollen im Alltag helfen, haben aber auch eine strategische Qualität. Jetzt haben wir die wichtigsten Routen markiert, und wissen, wo wir, wenn wir mal welches haben, noch Geld investieren müssen", so Gödde. Wenn man so will, haben Berlins 20 grüne Hauptwege und Paul Klees Bild "Hauptweg und Nebenwege" am Ende sogar das gleiche Motiv: So schreibt der Philosoph Arnold Gehlen zum Gemälde: "Es ist als hoffnungsvoller Ausblick in eine bessere Welt, als Weg zu gesteigertem Wohlbefinden und Hinweis auf ein nicht sich selbst bedeutendes Anderes zu verstehen."

.

„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de