Alternativ Wirtschaften

Aufbruch in anderen Schuhen

Ob ökologisches Inselprojekt oder Re-Regionalisierung: Während das offizielle Wachstumsprimat weiterbesteht, basteln Forscher längst an Gegenmodellen.

Ausdruck der Konsumgesellschaft: Schuhe vom Fließband. Bild: Mo Riza – Lizenz: CC-BY

Dem Kopenhagener Chaos von oben einen Aufbruch von unten entgegenzustellen, darum ging es am Donnerstagabend in der Galerie Listros in Berlin. "Listros" bedeutet "Schuhputzer" in der äthiopischen Sprache Amharisch. Und Schuhe kamen immer wieder vor: Wer neue Ufer erreichen will, braucht gutes Schuhwerk. Und der Veranstalter f hoch x – Institut für zukunftsfähiges Wirtschaften hatte mit den Buchautoren Christine Ax und Eric Bihl und dem Gewerkschafter Udo Blum Vertreter eines Aufbruchs zu neuen Wirtschaftsweisen eingeladen.

Ob zehenverkrüppelnde Damenschühchen oder schweißtreibende Turnschuhe: Die meisten von uns tragen teure und schlechte Schuhe, befand Ax, Autorin des Buches "Die Könnensgesellschaft". Gute Schuhe müssen in Weite, Größe und Passform von Schustern individuell angepasst werden.

Stattdessen kaufen wir Durchschnittsdeutschen pro Jahr drei bis fünf Paar vom Fließband, die bei der Herstellung viel Energie verbrauchen, Chemikalien enthalten und kranke Füße produzieren. Sie kosten 100 Euro und mehr, von denen die Näherinnen in südlichen Ländern ganze 40 Cent erhalten.

Das Schuhsystem ist so krank wie das gesamte Wirtschaftssystem. "Wir brauchen eine Befreiung der Arbeit", schlussfolgerte die Handwerksforscherin. "Menschen sehnen sich nicht nach Arbeitsplätzen, sondern nach einem tätigen Leben, wo sie ihr Können beweisen können."

Bihl, Vorsitzender des Vereins Equilibrismus und Träger unauffälliger Herrenschuhe, stimmte dem zu. Die Equilibristen wollen nach eigenem Bekunden den "dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus" einschlagen – und zwar ganz praktisch: Auf Tahitis Nachbarinsel Moorea, die zu Französisch-Polynesien gehört und von rund 16.000 Menschen bewohnt wird, soll eine vollständig ökologische Wirtschaftsweise ausprobiert werden – eigene Währung, neues Renten- und Gesundheitswesen und partizipative Demokratie inklusive.

Derzeit wartet man noch auf das Okay der Insulaner. Mitinitiator ist der freie Journalist Dirk C. Fleck, der in seinem Kultroman "Das Tahiti-Projekt" die Idee skizziert hat. Aber warum so weit weg und auf einer Insel? In Europa und auf anderen Kontinenten sei aufgrund der restriktiven Rechtslage ein Modellprojekt mit eigener Währung und eigenen Regelwerken nicht möglich, so Bihl.

Aber wir können nicht alle nach Tahiti abhauen. Wir brauchen auch hierzulande dringend re-regionalisierte Modellprojekte, befand der IG-Metaller Blum, der sich jahrelang für das Programm Humanisierung der Arbeitswelt engagierte. In seinem Berliner Innovationskreis "Alternativen in Arbeit, Technik, Betrieben und Regionen" versucht er, bestehende Erfolgsprojekte zu vernetzen: "Wir wissen voneinander zu wenig."

Die Menschen, die früher in der DDR lebten, glaubt er, seien dafür besser geeignet, denn "sie waren Könner", auch im Umgehen von Patenten. Doch die Idee, den Osten auf eine selbstständige regionale Entwicklung auszurichten, sei bei den Parteien leider überhaupt nicht verankert. Nicht einmal in der Linken.

Dabei könne man sich etwa vom Berchtensgadener Land abschauen, dass so etwas geht: Bayrische Konservative und Progressive befördern gemeinsam in verschiedenen Initiativen die Re-Regionalisierung. Und unabhängig von der Region kann sich Blum perspektivisch sogar vorstellen, ein Grundeinkommen für alle mit der Einführung von Regiogeld zu verbinden.

Wäre das nicht auch was für Berlin? Heide Wohlers von f hoch x bot an, einen Diskussionsprozess über die Errichtung einer "kommunalen Plattform" für solche Regioprojekte zu initiieren. Eine Plattform, auf der dann in neuen Schuhen getanzt werden kann.

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