Eltern beeinflussen Bildungssystem

Mamas und Papas rocken die Schulen

Wo Eltern sich zusammentun, können sie derzeit im Bildungssystem eine Menge bewegen. Bisher nutzen vor allem gebildete deutsche Eltern diese Chance. Die anderen bräuchten dabei Hilfe, meinen Experten.

Eltern wollen mitbestimmen, was und wie ihre Kinder lernen sollen Bild: ap

"Wir denken darüber nach": Burkhard Entrups Antwort auf die Frage, ob der Landeselternausschuss Kita (Leak) ein Volksbegehren für mehr Personal in Schulhorten plant, klingt gelassen. Und Entrup, Vorsitzender des Gremiums, das die ElternsprecherInnen von Berlins Kitas auf Landesebene vertritt, hat zu Gelassenheit allen Grund. Denn so vage seine Antwort sein mag: In den Ohren der Politiker und für die Senatsverwaltung dürfte sie wie eine Drohung klingen.

Sechs Wochen ist es her, dass der Senat beschloss, gut 70 Millionen Euro mehr in die Personalausstattung von Kitas zu investieren. Vorangegangen war dem ein Antrag auf ein entsprechendes Volksbegehren, für den über dreimal mehr als die eigentlich nötigen 20.000 Unterschriften gesammelt werden konnten. Betreiber des Begehrens war der Leak.

GymnasiastInnen sollen den Mittleren Schulabschluss (MSA) künftig allein durch die Versetzung in Klasse 11 erhalten. Das fordert die konservative Vereinigung der Oberstudiendirektoren Berlin (VOB). Der MSA war 2006 eingeführt worden, um allen Schulformen einen einheitlichen mittleren Abschluss zu geben. Er ist Voraussetzung für die Versetzung in die Oberstufe.

An Gymnasien sei der Test unnötig, meint VOB-Vorsitzender Ralf Treptow: "Das Gymnasium ist ein einheitlicher Bildungsgang bis zum Abitur." Wer vorher abgehe, solle den MSA eben mit der Versetzung oder bei Nichtversetzung durch Teilnahme an externen Prüfungen erhalten.

Steffen Zillich, bildungspolitischer Sprecher der Linksfraktion, lehnt das ab: "Der MSA wurde eingeführt, um mehr Durchlässigkeit im Schulsystem zu schaffen." Mit der Schulreform solle die Aufteilung von Schülern auf verschiedene Schulformen nach Abschlüssen abgeschafft werden: "Ein Sonderweg des Gymnasiums wäre kontraproduktiv."

Gerade die Schulreform spricht laut Treptow für den VOB-Vorschlag: Mit der Verkürzung der gymnasialen Lehrzeit um ein Jahr sei viel Lehrstoff der Oberstufe in die zehnte Klasse geflossen: "Die Fragen des MSA entsprechen nicht dem Stoff der gymnasialen Zehnten", so Treptow. Schlecht sei auch der Zeitpunkt der Prüfungen: Der MSA wird zeitgleich mit den Abiturprüfungen abgelegt.

Dass die Abschaffung des MSA eine Arbeitsentlastung darstellte, sieht auch Paul Schuknecht von der gewerkschaftlichen Schulleitervereinigung: "Die könnte man aber auch anders erreichen." Es sei falsch, nach der Schulform zu entscheiden, wer Prüfungen abzulegen hat. AWI

Er sei froh über den Senatsbeschluss, sagte bei dessen Verkündung Ende Oktober der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Ein Erfolg des Begehrens hätte den Senat erheblich mehr Geld gekostet als der mit Elternvertretern ausgehandelte Kompromiss. "Wir alle wollen bessere Kitas", sagte der Regierende. Dass das Engagement der Eltern bei dem Entschluss zur Personalaufstockung "Druck gemacht hat, will keiner bestreiten", so Wowereit.

Der Kita-Kompromiss ist nicht der einzige Erfolg, den Eltern derzeit feiern können. Vergangenen Monat gab der Bezirk Steglitz-Zehlendorf der ersten staatlichen Gemeinschaftsschule grünes Licht - mit den Stimmen von CDU-Stadträten und dem CDU-Bürgermeister, deren Partei das rot-rote Schulmodell sonst heftig bekämpft. In Charlottenburg-Wilmersdorf hat zu Beginn dieses Schuljahres eine staatliche reformpädagogische Gemeinschaftsschule ihre Tore aufgemacht. Auslöser waren Eltern, die angekündigt hatten, sonst eine Privatschule aufzubauen. Und in Wedding hat die Gustav-Falke-Grundschule spezielle Klassen für deutsche und gut Deutsch sprechende Kinder eingerichtet - auf Druck von Eltern aus dem angrenzenden Bezirksteil Alt-Mitte.

Steffen Zillich, bildungspolitischer Sprecher der Linken im Abgeordnetenhaus, begrüßt das Engagement der Eltern. "Eltern werden immer geschickter darin, ihre Interessen durchzusetzen", sagt er. "Es ist in der Demokratie ja auch nichts Schlimmes, wenn Menschen das können." Zudem würden manche Anliegen der Eltern - wie etwa das Volksbegehren Kita - "politisch grundsätzlich geteilt". Ungut sei es dagegen, wenn "bestimmte Gruppen von Eltern" ihre Ziele auf Kosten anderer durchsetzten. Denn nicht alle Eltern hätten die gleichen "Möglichkeiten und Kontakte" zur Artikulierung und Durchsetzung ihrer Anliegen: "Das hat mit Bildung, mit sozialer Stellung zu tun", so Zillich.

Bislang sind es tatsächlich vor allem gut ausgebildete, bildungsorientierte und deutsche Eltern, die ihre Ziele durchsetzen können. Eltern, die über diese Basis und die nötigen Kompetenzen nicht verfügten, bräuchten mehr Unterstützung, meint Remzi Uyguner, Mitglied im Bezirkselternausschuss Friedrichshain-Kreuzberg. Er beobachtet auch bei Eltern nichtdeutscher Herkunft zunehmend den Wunsch, mitzureden: "Aber viele trauen sich das nicht zu."

Projekte für Eltern mit Problemen wie Arbeitslosigkeit oder schlechten Deutschkenntnissen gebe es zwar viele: "Doch die behandeln oft Themen wie gesunde Ernährung, Erziehung oder Medienkonsum", sagt Uyguner. Er wünsche sich mehr Projekte, die "Eltern nicht deutscher Herkunft dabei unterstützen, ihre politischen Forderungen zu formulieren und dafür einzustehen".

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