Wirtschaftsexperte kritisiert den Wachstumszwang

"Wir müssen bremsen"

Der Glaube an ein unendliches Wachstum führt in die Irre, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Hans Christoph Binswanger. Auch ökologisch ist ein ungebremster Wachstumsdrang fatal.

Die Ausschläge nach oben und unten an der Börse müssen begrenzt werden. Bild: ap

taz: Herr Binswanger, sind Sie ein glücklicher Mensch?

Hans Christoph Binswanger: Ich denke schon. Ich lebe glücklich mit meiner Frau und freue mich über den guten Kontakt mit meinen Söhnen. Ich kann auch nach meiner Emeritierung einer spannenden Arbeit nachgehen und habe sogar mehr zu tun, als ich leisten kann.

Das klingt allerdings eher nach viel Stress als nach großem Glück …

Es macht aber auch Spaß. Vielleicht bin ich da ein wenig verdorben. Aber viele Aufgaben zu haben ist für mich ein wichtiges Kriterium für ein glückliches Leben. Und ich erlebe besondere Glücksmomente, wenn ich mir trotz aller anstehenden Arbeit die Freiheit nehme, ein gutes Buch zu lesen oder eine schöne Musik zu hören.

Arbeit ist also in Ihren Augen ein bedeutender Glücksfaktor. Doch für Arbeitsplätze brauchen wir eine starke Wirtschaft. Dabei gelten Sie doch als Wachstumskritiker. Wie passt das zusammen?

Wir brauchen ein gewisses Minimum an Wachstum, damit unser Wirtschaftssystem funktioniert. Die Unternehmen müssen ständig investieren, und das tun sie nur, wenn sie Aussicht auf Gewinn haben. Damit können sie die Ansprüche der Kapitalgeber befriedigen, Zinsen für Kredite und die Löhne der Arbeiter bezahlen. Die wiederum geben ihr Geld für die hergestellten Produkte aus. Sinkt der Gewinn nun dauerhaft, bleiben Investitionen aus, Arbeiter und Angestellte verlieren ihren Arbeitsplatz und können weniger Produkte kaufen. Die Wachstumsspirale wird zur Schrumpfungsspirale mit entsprechenden Folgen für die Bevölkerung.

Foto: taz

Dies ist ein Text aus der sonntaz, die am 5./6. Dezember erscheint – und sich komplett der Frage widmet: "Was macht uns glücklich?". Die taz mit einer glückstaz: Ab Samstag am Kiosk.

Die Politiker haben dann also doch recht, wenn sie nach möglichst hohen Wachstumsraten in ihrem Land streben?

Nein, denn es gibt neben dem Wachstumszwang offenbar auch einen Wachstumsdrang, der über das notwendige Maß hinausgeht. Aktionäre streben nach höchstmöglicher Rendite. Viele nehmen Kredite auf, um damit auf den Finanzmärkten mehr zu verdienen, als sie an Zinsen zahlen müssen. Das führt zur Spekulation und zur Inflation. Wenn dann die Leitbanken die Zinsen erhöhen, platzt die Spekulationsblase.

So wie wir es bei der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise gesehen haben …

Ja, aber auch ökologisch ist ein solcher Wachstumsdrang fatal. Denn jedes Wachstum verbraucht natürlich Ressourcen, und zwar verschwenderisch, weil die Nutzung für den Eigentümer der Ressourcen gratis ist. Außerdem werden schöne Landschaften, sauberes Wasser, gute Luft - also alle Grundlagen unserer Existenz - durch das ausufernde Wachstum der Wirtschaft immer knapper.

Wir brauchen Wirtschaftswachstum, gleichzeitig bedroht es unsere Lebensgrundlagen. Wie ist das zu lösen?

Wir müssen das Wachstum bremsen, damit unser Wirtschaftssystem ökonomisch stabiler wird und der Raubbau an der Natur möglichst gering ausfällt. Das Ziel muss sein, den Reichtum gerade dadurch zu halten, dass man auf seine kurzfristige exzessive Steigerung verzichtet. Das ist nicht möglich ohne Mäßigung. Die globale Wachstumsrate muss gesenkt werden, nach meinen Schätzungen auf rund 1,8 Prozent.

Aber auch eine Volkswirtschaft, die nur ein geringes Wirtschaftswachstum verzeichnet, verbraucht Ressourcen. Sind 1,8 Prozent langfristig nicht auch noch zu viel für eine ökologisch nachhaltige Wirtschaft?

Ja, wir sollten die Wachstumsraten soweit mindern, dass das verbleibende Wachstum durch zusätzliche Maßnahmen qualifiziert werden kann. Zum Beispiel durch eine Fortführung der ökologischen Steuerreform. Der zusätzliche Ressourcen- und Umweltverbrauch sollte auf diese Weise auf null gesenkt werden.

Das alles lässt sich leicht sagen, wenn man in einem reichen westlichen Land wie der Schweiz oder der Bundesrepublik wohnt. Aber was ist mit Schwellenländern wie China oder Indien, in denen ja noch weite Teile der Bevölkerung in Armut leben?

Auch diese Länder werden ihre hohen Wachstumsraten nicht durchhalten können. China kauft halb Afrika auf, um seine Rohstoffversorgung zu sichern. Es gab schon eine weltweite Rohstoffknappheit vor der Wirtschaftskrise, was man an den hohen Preisen gesehen hat. Und dieser Trend wird sich verstärken, wenn die Weltwirtschaft wieder anzieht. Spätestens dann müssen die 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer über Gegenmaßnahmen reden. Auch das Wachstum in China und Indien muss qualifiziert werden.

Gegenwärtig reden die G-20-Regierungschefs auf ihren Gipfeln vor allem darüber, wie ihre Wirtschaft wieder in Gang kommt.

Sie reden aber auch über die Einführung eine Art Tobinsteuer, die bereits vor 20 Jahren entwickelt wurde. Das hätte noch vor Kurzem niemand für möglich gehalten. Man muss also einen langen Atem haben und Ideen präsentieren, bevor die nächste Krise kommt.

Glauben Sie, dass der Versuch, den Klimawandel zu begrenzen, für eine gemäßigte Wirtschaft sorgen wird?

Nicht, wenn man meint, man könne allein mit erneuerbaren Energien alle Probleme lösen, auch bei weiterhin hohem Wachstum. Das wird nicht funktionieren. Auch die erneuerbaren Energien brauchen viel Umweltressourcen, vor allem Boden und Landschaft. "Grünes Wachstum" ist daher keine Lösung, wenn wir damit weiterhin dem Wachstumsfetisch huldigen. Es ist aber sinnvoll bei niedrigem Wachstum.

Und was ist mit dem Emissionshandel? Damit bekommt der Naturverbrauch einen Preis.

Im Prinzip ist die Idee gut. Aber sie sorgt für ein doppeltes Preissystem. Die Unternehmen handeln künftig nicht nur mit ihren Produkten, sondern auch mit ihren Verschmutzungsrechten. Solche Systeme sind kompliziert und korruptionsanfällig. Eine Energie- oder Ökosteuer wäre da viel leichter zu handhaben. Der Emissionshandel ist die zweitbeste Lösung. Sie setzt aber auf jeden Fall eine globale Deckelung des CO2-Ausstoßes voraus, damit der Emissionshandel sinnvoll ist.

Aber wie wollen Sie denn nun dafür sorgen, dass die Weltwirtschaft künftig auf die Bremse tritt?

Ein Ansatzpunkt sind die Aktiengesellschaften. Die wurden ja mal gegründet, um Seehandel und Eisenbahnbau zu ermöglichen. Heute dienen sie im Wesentlichen der Spekulation. Die Aktionäre setzen vor allem auf Kurssteigerungen, kurzfristige Renditen und drängen nach unendlichem Wachstum. Das verträgt sich nicht mit der Endlichkeit der Ressourcen.

Sie schlagen als Gegenmaßnahme eine Reform der Aktiengesellschaften vor?

Ja, wir sollten wieder zwei Kategorien von Aktien einführen. Zum einen Namensaktien, die weiterhin eine unendliche Laufzeit haben, die aber nicht an der Börse gehandelt werden dürfen. Zum anderen Inhaberaktien, die an der Börse gehandelt werden, deren Laufzeit aber auf 20 oder 30 Jahre begrenzt ist und die dann wieder zum Nennwert zurückgegeben werden. Dadurch würden die Ausschläge nach oben und unten begrenzt.

Das allein dürfte noch nicht ausreichen, oder?

Nein, wir müssen die nachhaltigeren Unternehmensformen stärken. Genossenschaften oder Stiftungen zum Beispiel, die in der Regel viel besser durch die Krise gekommen sind als die meisten Aktiengesellschaften. Denn ihre Kapitalgeber sind langfristiger orientiert. Sie sind auch nicht dem Börsenhandel unterstellt.

Einen weiteren möglichen Bremsklotz sehen Sie in der Rolle der Zentralbanken und in der Geldschöpfung.

Ja, denn ein zentrales Problem ist, dass die privaten Banken derzeit durch Kredite Buchgeld schöpfen können. Das sind Guthaben auf den Girokonten der Banken. In einer Krise müssen die Zentralbanken dann auch faule Kredite übernehmen, obwohl sie selbst dieses Geld nie ausgegeben haben. Sie müssen es tun, damit das System nicht zusammenbricht. Aber sie reagieren nur, sie agieren nicht.

Wie lautet Ihr Gegenvorschlag zu Lösung?

Besser wäre es, wenn nur die Zentralbanken Geld in eigener Regie schöpfen und damit die Kontrolle über die Menge der ausgegebenen Kredite bekommen. Die Idee ist übrigens nicht neu, der US-Ökonom Irving Fischer hat sie bereits in den 1930er-Jahren formuliert.

Wir würden unsere Kredite also künftig direkt bei der Bundesbank bekommen?

Nein, die bekommen Sie weiter bei den Geschäftsbanken. Aber diese müssten alle Kredite, die sie ausgeben, mit Zentralbankgeld unterlegen. Damit hätten die Bundesbank und andere Zentralbanken volle Kontrolle über das Kreditgeschäft und damit auch über die Menge des zirkulierenden Geldes. So könnten die Zentralbanken auch dafür sorgen, dass das Wachstum der Wirtschaft so weit begrenzt wird, dass eine nachhaltigere Nutzung der Ressourcen durch Qualifizierung des Wachstums möglich wird.

Haben Sie denn schon mal mit Notenbankern und Finanzministern über diese Ideen gesprochen?

Nein. Zuerst geht es darum, entsprechende Ideen in die Welt zu setzen. Sie müssen auch noch ausreifen. Vielleicht müssen wir auch noch eine weitere Krise erleben, bis es so weit ist. Aber dann wird es wichtig sein, dass die zuständigen Instanzen auf entsprechende Modelle zurückgreifen können.

 

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