Zeuge im Demjanjuk-Prozess

"Sobibor war wie eine Fabrik"

Thomas Blatt hat als 15-Jähriger das Vernichtungslager Sobibor überlebt. Am Montag tritt der 82-Jährige als Zeuge gegen den Wachmann John Iwan Demjanjuk auf.

"Eine sehr späte Gerechtigkeit", nennt Blatt das Verfahren. Bild: dpa

MÜNCHEN taz |Das dreigeschossige graue Gebäude aus dem Jahre 1894 steht zehn Meter von der vierspurigen Stadelheimer Straße entfernt. Doch dazwischen befindet sich eine meterhohe, weiß gestrichene Mauer. Der Raum zwischen dem Haus mit seinen vergitterten Fenstern und dieser Mauer ist videoüberwacht. Ebenso wie die Flure mit ihrem gemusterten Steinfußboden. Die Krankenabteilung der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim mit ihren 89 Betten, die in dem Haus untergebracht ist, beherbergt derzeit 39 Gefangene, die sich jeweils ein Zimmer teilen. Hinter einer der mit Eisenbeschlägen verstärkten Holztüren sitzt seit dem Sommer John Iwan Demjanjuk. Der 89-jährige Untersuchungshäftling ist angeklagt wegen Beihilfe zum Mord in 27.900 Fällen. Er wird beschuldigt, zwischen März und September 1943 im NS-Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen als ukrainischer Hilfswilliger für die Nazis die Schmutzarbeit bei der Ermordung der Juden erledigt zu haben. Heute beginnt vor dem Münchner Landgericht sein Prozess.

Der gebrechliche Angeklagte bereite im Vollzug keine Probleme, sagt Anstaltsleiter Michel Stumpf. Die uniformierten Wachen hätten "einen guten Draht zu ihm gefunden". Demjanjuk nimmt regelmäßig am täglich einstündigen Umschluss auf dem Hof teil. Zum Hofgang kommt Demjanjuk im Rollstuhl. Oder er benutzt seine Gehhilfe. Der Untersuchungshäftling hält sich eine Zeitung in ukrainischer Sprache und bereitet sich in seiner Zelle gerne einen Salat zu. Den Fernseher in seiner Zelle lässt er meist unbeachtet. Sein Lieblingsessen ist Weißbrot, das er vor dem Verzehr in den Kaffee tunkt. Eine Fluchtgefahr besteht nicht, sagt Michael Stumpf.

Blatt hat überlebt, als einer von 53 Juden

Ein paar Kilometer vom Stadelheimer Gefängnis entfernt, im Besprechungszimmer seines Anwalts, sitzt Thomas Blatt. Der 82-Jährige mit der Brille und den grauen Haaren ist zum Prozess aus den USA angereist. Blatt hat Sobibor überlebt, als einer von 53 Juden. Etwa 250.000 aber kamen zwischen 1942 und 1943 dort um. Sie entstiegen den Zügen direkt am Lager, sie trafen auf einen freundlichen deutschen SS-Mann, der ihnen erklärte, sie befänden sich in einem Übergangslager. Der SS-Mann bat sie, "aus hygienischen Gründen" ein heißes Duschbad zu nehmen.

"Die holländischen Juden hatten keine Ahnung, wo sie da hingekommen waren", sagt Blatt. Bis zuletzt versuchten SS und ihre ukrainischen "Hilfswilligen" ihnen die Illusion zu geben, es ginge lediglich um eine Körperreinigung. "Ich bin mir sicher, dass sie, als sie bemerkten, dass nicht Wasser, sondern Gas aus den Duschköpfen austrat, glaubten, es handele sich um einen technischen Defekt. Sie starben, ohne dass sie wussten, dass sie ermordet wurden", berichtet Blatt.

Bei Juden aus Osteuropa sparten sich die Nazis ihre freundliche Begrüßung, denn diese wussten häufig schon Bescheid. Die Menschen wurden unter Gebrüll und mit Peitschenhieben durch einen engen Weg getrieben. Wer nicht mehr mitkam, den erschossen die Ukrainer. Der Weg endete vor den sechs Vergasungskammern. Diese besaßen eine Fläche von vier mal vier Metern und fassten jeweils bis zu 80 Menschen. Der Auspuff eines Achtzylinder-Benzinmotors endete in diesen Kammern. Der Tod trat gewöhnlich nach 20 bis 30 Minuten ein. Danach wurden die Leichen verbrannt.

Nur selten ließen die SS-Männer bei den eintreffenden Transporten einige wenige Juden am Leben. Diese mussten beim Sortieren der Beute, dem Harken der Wege und bei anderen Gelegenheiten Sklavenarbeit leisten. Einer dieser wenigen war Thomas Blatt, damals 15 Jahre alt. Seine Eltern und sein Bruder gingen ins Gas. Er blieb am Leben. Sein Job war es, die Fotos und Dokumente der Ermordeten, die man in ihren Kleidern und im Gepäck fand, zu verbrennen. Er überlebte Sobibor, weil diese "Arbeitsjuden" Mitte Oktober 1943 einen Aufstand wagten. Über 100 von ihnen entkamen in den umliegenden Wäldern, doch die meisten wurden von den Nazis wieder eingefangen und ermordet. Das Lager wurde danach von den Nazis aufgegeben.

"Sie haben eine lebhafte Phantasie!"

Thomas Blatt will im Januar in dem Münchner Prozess als Zeuge auftreten: "Ich hoffe, dass ich mein Versprechen, nach der Flucht aus Sobibor über das Vernichtungslager Zeugnis abzulegen, einhalten kann", sagt er. Schon Ende der 1950er-Jahre, als er in Israel lebte, hat er begonnen, das Geschehene niederzuschreiben. "Ich ging zum Sekretär des Auschwitz-Komitees, um sein Urteil darüber zu erfahren", berichtet Blatt. "Drei Wochen später traf ich ihn erneut und er sagte mir: ,Sie haben vielleicht eine lebhaften Phantasie! Ein Aufstand unter Juden im Vernichtungslager? Unmöglich!' Das war schlimmer, als von den Nazis geschlagen zu werden."

Niemand hatte Blatt anfangs geglaubt, obwohl schon früh einer der SS-Täter verurteilt wurde. Blatt recherchierte, befragte Zeitzeugen, selbst ehemalige SS-Männer aus Sobibor. Inzwischen ist Funktion und Geschichte von Sobibor eindeutig belegt. Das Vernichtungslager nahe der Stadt Lublin war eines von dreien, die Anfang 1942 zunächst zur Ermordung der polnischen Juden im Rahmen der "Aktion Reinhardt" errichtet wurden. In Sobibor taten nur 20 bis 30 SS-Männer Dienst. Die Arbeit erledigten über 100 "hilfswillige" Ausländer, meist Ukrainer, die von den Nazis mit der Aussicht auf besseres Essen und Unterkunft zum Dienst am Massenmord gepresst wurden. Häufig waren es sowjetische Kriegsgefangene, die die Nazis in Trawniki für ihren Dienst ausbildeten. "Sobibor war wie eine Fabrik", sagt Blatt. "Die Ukrainer waren noch brutaler als die Deutschen."

Demjanjuk ist nicht geständig

Sobibor bestimmt das Leben von Thomas Blatt bis heute. Er hat ein Buch geschrieben, hält immer noch Vorträge. Seine Ehe ist wegen Sobibor in die Brüche gegangen, weil seine Frau die Dauerpräsenz des Themas nicht mehr aushielt. "Mein Bezugspunkt ist Sobibor. Wenn ich einen Menschen treffe, muss ich immer daran denken, wie dieser sich wohl in Sobibor verhalten hätte." Jetzt steht zum ersten Mal in Deutschland einer der "Hilfswilligen" von damals vor Gericht. "Eine sehr späte Gerechtigkeit", nennt Blatt das Verfahren.

John Iwan Demjanjuk ist nicht geständig. Der 89-Jährige gibt an, die Zeit bis zum Ende des Krieges in einem deutschen Gefangenenlager verbracht zu haben. Die Staatsanwaltschaft ist dagegen überzeugt, ihn als Wachmann von Sobibor überführen zu können. Da sind die Zeugenaussagen verstorbener Ukrainer. Vor allem aber existiert Demjanjuks Ausweis, aus dem hervorgeht, dass er 1943 in dem Vernichtungslager Dienst tat. Danach wurde er ins KZ Flossenbürg versetzt. Einfach gegenüber der SS die Befehle zu verweigern, wäre nicht möglich gewesen, weiß auch der Ankläger Hans-Joachim Lutz von der Staatsanwaltschaft München I. Er wirft Demjanjuk vor, nicht wie andere "Hilfswillige" desertiert zu sein.

Demjanjuk, darüber sind sich Verteidigung und Anklage einig, lebte nach dem Krieg in Deutschland in einem der zahlreichen Lager für Displaced Persons in München-Feldafing. 1952 emigrierte er in die USA, arbeitete bei Ford, wurde Amerikaner. Bei seiner Naturalisierung aber gab er an, sein letzter Wohnsitz in Polen sei Sobibor gewesen.

Eine Erinnerung an Demjanjuk im Vernichtungslager besitzt Thomas Blatt nicht. "Ich weiß, wer von den Deutschen in Sobibor was getan hat", sagt er und zündet sich eine neue Zigarette an. "Aber nicht bei den Ukrainern. Es waren zu viele. Und wir hatten mit den meisten von ihnen keinen direkten Kontakt."

Demjanjuk stand schon einmal vor Gericht. In Israel. Er wurde sogar verurteilt. Doch in der Revision musste die israelische Justiz feststellen, dass Demjanjuk nicht mit einem von den Juden damals "Iwan der Schrecklichen" titulierten Mann im KZ Majdanek identisch war. Demjanjuk kam frei und kehrte in die USA zurück. Schon damals war Demjanjuks Einsatz in Sobibor bekannt. Doch erst jetzt, nach seiner Abschiebung aus den USA, wurde der Münchner Prozess möglich - der erste in Deutschland gegen einen der willigen ausländischen Helfer in den Vernichtungslagern der Nazis.

"Demjanjuk hat schon jetzt verloren, selbst wenn er nicht verurteilt wird", sagt Thomas Blatt. "Er ist von seiner Familie getrennt. Er zahlt jetzt den Preis dafür." Keiner seiner Angehörigen hat ihn bisher in der Münchner Haft besucht. Es ist unstrittig, dass der Angeklagte krank und gebrechlich ist. Er enthält acht verschiedene Medikamente, darunter ein morphinhaltiges Mittel. Demjanjuk leidet unter anderem an einer Vorform von Leukämie, an Gicht und Arthrose. Gutachter haben ihm eine jeweils dreistündige Verhandlungsfähigkeit attestiert. Aber ob das so bleibt, ob er verhandlungsunfähig wird, weiß niemand. Demjanjuk sei "geistig frisch" und befinde sich "in unbeobachteten Momenten in einem vergleichsweise guten Zustand", heißt es in der Haftanstalt. Aber er musste doch mehrfach in eine Klinik gebracht werden.

Wenn das Verfahren platzen sollte, weil der Angeklagte zu krank wird, wird er in Deutschland bleiben müssen. Weil die USA ihm die Staatsbürgerschaft entzogen haben, ist eine Rückkehr unmöglich. Demjanjuk würde Hartz IV erhalten.

Wäre der Prozess dann überflüssig gewesen? Nein, sagt der Sobibor-Überlebende Thomas Blatt. "Ich denke, dass es wichtig ist, wenn das Gericht die Wahrheit über Sobibor ausspricht. Ich suche keine persönliche Rache. Ich glaube, Demjanjuk zahlt jetzt einen ganz kleinen Prozentsatz dafür, was er getan hat."

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