Kolumne Kriegreporterin

Wenn Kinder quengeln...

... verbünden sich die Papis. Was es mit der "Bild" für Jugendliche auf sich hat und warum es manchmal hilft zu grinsen, wie ein bekifftes Milchbrötchen.

Liebe taz-Medienredaktion,

dies ist wieder ein Moment, in dem spürbar wird, dass Durchhalten lohnt. Dass der Kampf 68 nicht vergebens war und es richtig ist, im ekligen Novemberschweinegrippenwetter auf der Straße zu stehen, um mit einem Schmetterlingsnetz die guten Meldungen einzufangen: Die Bild-Zeitung baut sich selbst ab. Das Mark des Springer-Knochens ist in Auflösung begriffen. In fünf Regionalredaktionen werden mehrere Personen von der Aufgabe befreit, Witwen zu schütteln, es mit den Tatsachen nicht so genau zu nehmen und Menschen bloßzustellen. Arbeit unter aller Sau zieht auf lokaler Ebene einfach nicht die Wurst vom Teller. Man will lieber in eine Brüssler Redaktion investieren. Da können wir uns schon denken, was da kommt, wenn Oettinger den Seehofer gibt: "Oettinger verfängt sich in Brüssler Spitze". Oder "Oetti zu doll am Atomium geschubbert".

Doch wie immer gibt es keinen Sommer ohne Schwalbenscheiße und entsprechend keinen wahren Sieg: Die Bild-Leute basteln jetzt an einer Bild für Jugendliche. "Digger-Bild". Dieter Bohlen könnte Chefredakteur werden, Detlef Soost Ressortleiter Politik und Kader Loth das Auslandsressort betreuen. Kai Diekmann braucht schließlich Entlastung. Zumal er schon wieder in aller Munde ist. Dieses Mal mit einem etwa zehn Meter langen Penis, den er am taz-Gebäude ausgefahren hat. Der "Künstler" Peter Lenk hat diesen als Relief gegenüber dem Springer-Haus an der Wand aufgebracht. Dass Diekmann-Lieblingsfeind taz-Justiziar Jony Eisenberg oder Geschäftsführer Kalle Ruch den Pinsel geführt hat, wollte niemand bestätigen. Aber auch ohne ihr aktives Zutun ist der permanente Schwanzvergleich zwischen Bild und taz nur noch peinlich und man fragt sich, wie es sein kann, dass Führungspersonen ihre Dummheit so entblößen. Und - ganz wichtig - wo bleiben die Reporter ohne Grenzen, um die zivilen Opfer zu vertreten, die KollegInnen, die die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erdulden müssen?

Ich gebe zu, es gibt nur wenig Schönes dieser Tage. Aber ich mache das einfach wie Tom Buhrow, der, egal welche Hiobsbotschaft er verbreiten muss, breit grinst wie ein bekifftes Milchbrötchen. Dann geht das schon wieder weg, scheint er sich zu denken und so ist es ja auch. Ob Deutschland eine WM ausrichtet oder ein Torwart stirbt, die Deutschen machen jetzt alles kollektiv. Wir sagen Ja zu den großen Emotionen, die da kommen, und fassen uns an den Händen. Nur am Baumwall will es noch nicht klappen mit der Solidarität. Wenn sich dort die Redaktionsbeiräte von Gruner + Jahr zusammentun und schlichtweg deutliche Worte finden für das, was im Verlag ihrer Meinung nach schiefläuft, dann kommen tatsächlich ein paar von den Besserverdienern aus der Ecke geschossen und sagen brav zu Papi-Buchholz: "Ich war das nicht!" Die Brigitte-Chefredakteure etwa, die, statt sich solidarisch zu zeigen, ihre mutigen Untergebenen bloßstellen. Oder auch Geo-Chef Peter-Matthias Gaede, der laut Süddeutsche mit Hitler-Vergleichen um sich schießt und sich vor Buchholz stellt.

Erstaunlicherweise sind es gerade diejenigen, die am wenigsten zu verlieren haben. Die, die die dicksten Gehälter einfahren, die wie Gaede Verträge aus der Zeit haben, als das Atmen noch vergoldet wurde. Diejenigen, die man kaum durch Freie ersetzen kann. Nicht mal outsourcen kann man sie und durch Billiganbieter in Frankfurt ersetzen. Kein Wunder, dass Gaede optimistisch sagt: "Wir schaffen das schon bei Gruner + Jahr. Alles wird gut." Ja, Herr Gaede, dass es für Sie gut ausgeht, bezweifelt niemand. Und damit zurück nach Berlin.

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Silke Burmester ist mittwochs auf der taz-Medienseite als „Kriegsreporterin“ im Einsatz. Bei Spiegel Wissen trägt Ihre Kolumne den schönen Titel „Frau Burmester hat einen Termin“. Ihre Themen sind Gesellschaftspolitik, Medien und Kultur. Außer für ihre Liebe, die alte Tante taz, schreibt sie u.a. fürs Manager Magazin, Brigitte Woman und Reisemagazine. Sie gibt Schreibseminare und ja, sie macht auch PR. Bei Kiepenheuer und Witsch ist ihr Pamphlet gegen die Hysterie der Medien „Beruhigt Euch“ ebenso erschienen, wie „Das geheime Tagebuch der Carla Bruni“. Silke Burmester ist Mitglied bei ProQuote und bei Freischreiber.

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