Neues "Anti-Pop Consortium"-Album

HipHopper im Pyjama

Die US-HipHopper Anti-Pop Consortium stellen ihr Album "Fluorescent Black" in Berlin vor. Erst im Schlafanzug, dann beim Konzert in einem Schaufenster.

Nicht barfuß, aber trotzdem schick: das Anti-Pop Consortium. Bild: promo

Berlin - an der Grenze von Prenzlauer Berg zum Bezirk Mitte drängt sich eine große Hipstertraube auf dem Trottoir und drückt sich die Nasen an der Schaufensterscheibe eines schicken Klamottenladens platt. Nicht wegen der dort feilgebotenen Kleidungsstücke. Nein, drinnen geben vier New Yorker HipHopper der etwas anderen Art einen Vorgeschmack auf ihr neues Album.

Das Antipop Consortium ist zurück - zurück nach fünfjähriger Nichtexistenz und diversen Soloausflügen der einzelnen Mitglieder.

Mit "Fluorescent Black" ist dem Quartett ein fulminantes Comeback gelungen. Es dürfte die alten Fans zufrieden stellen, einerseits, und sich andererseits auch ein neues Publikum erspielen. Denn das mittlerweile fünfte Album der New Yorker Rapper präsentiert sich zugänglicher als die sperrig wirkenden Experimente der Vergangenheit. Die brachten dem Anti-Pop Consortium zwar das Lob einiger Kritiker, erregten aber eben auch - ein Los aller Kreativen - das Unverständnis, ja sogar den Zorn der konservativen HipHop-Freunde.

Vielleicht ist auch einfach die Zeit reif. Selbst der Rapmainstream bedient sich inzwischen elektronischer Clubsounds, Kanye West sei hier als Beispiel genannt. Auf der anderen Seite des Clubspektrums öffnen sich Elektronikproduzenten wie die Berliner Chris de Luca & Phono dem Rap.

Vor ihrem Boutiquenkonzert sitzt Anti-Pop-Consortium-Rapper Beans im Konferenzraum eines Hotels. Der Promoter hat ihn direkt aus dem Bett geholt, als er den Raum betritt, trägt er noch Pyjama und ist barfuß. "An unseren Klangexperimenten haben sich schon immer die Geister geschieden. Unsere Musik ist aber immer noch HipHop. Wir sind sein Thirdstream."

Die Klanglandschaft auf "Fluorescent Black" wirkt aufgeräumt und luftig. Synthiebässe und -linien werden von fast räumlich klingenden Drums nach vorne gekickt. Immer wieder mischen sich auch lärmige, metallisch klingende E-Gitarren-Elemente als Kontrast zum Beatdesign ins Bild. "Fluorescent Black" verzichtet fast vollständig auf Sampleloops. Damit sind die Parameter klar abgesteckt: HipHop, aber nicht auf tradierte Weise dargebracht. Tradition hätte man ohnehin nicht von Anti-Pop erwartet. Aber ihre neues Album klingt eben auch nicht nach Feinmechanik nur für Connaisseure.

Den Hipstern des neuen Berlin nach zu urteilen, die sich das Umsonst-Konzert anhören, ist Beans Optimismus berechtigt. Die Musik kommt an, die Leute stehen bis auf die Straße, nicht mal die Tram kann passieren. Das Konzert wird zum Happening, und das ist allen Anwesenden bewusst.

Auch der zweite Rapper High Priest gesellt sich wiederum zwanzig Minuten nach Beans zum Gespräch, inspiziert die große exotische Obstschale und sagt verächtlich: "Äh, fruits." Stattdessen zündet er sich einen Begrüßungsjoint an.

"Die Atmosphäre in Berlin ist toll. So viel Freiräume gibt es in New York nicht mehr, vor allem nicht in Manhattan. Die meisten Leute ziehen jetzt nach Brooklyn…" Und nach Berlin. "Ja, ich kenne ein paar Leute, die nach Berlin gezogen sind. Es gibt Leute, die sagen, dass New York irgendwie stagniert, und ja, es fühlt sich nicht mehr so an wie früher. Aber das soll es auch nicht, es soll sich nicht immer gleich anfühlen. Ich denke, dass New York nach 9/11 irgendwie depressiv geworden ist. Es muss erst wieder auf die Beine kommen. Aber das fängt meiner Meinung nach nun langsam an."

New York ist essenziell für Anti-Pop Consortium. Die Lebensweise der Stadt schreibt sich in den Sound der Band mit ein. Wo sollte eine experimentelle HipHop-Band, die nicht auf die Parameter Funk und Soul geeicht ist, sondern auf Elektro, Rock und Dekonstruktion, denn sonst herkommen? Wandlungswille, unkonventionelle Ideen, Experimentierfreude und das Selbstbewusstsein, sich ästhetisch freizustellen und angreifbar zu machen - das alles scheint ihnen in New York mitgegeben.

Überhaupt hat sich die Lebensweise stark auf die Produktion des Albums ausgewirkt: Drei der vier Bandmitglieder sind nun auch räumlich wieder zusammengerückt und wohnen im gleichen Haus. Die Mitglieder der Band scheinen persönlich und künstlerisch gereifter. Die Fähigkeit, über die jeweiligen Unterschiede weggucken zu können, oder besser, diese als Bereicherung der Gruppe zu begreifen, ist gewachsen. Reibungsflächen werden jetzt ausgehalten und produktiv genutzt. Und das macht "Fluorescent Black" zu einem unangestrengten und trotzdem anregenden Album.

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