Göttinger Conny-Gedenkdemo

20 Jahre später knallt es erneut

Zum Gedenken an die vor 20 Jahren ums Leben gekommene Conny W. kommen über 1.000 Autonome. Und wie damals gibt es Rangeleien mit der Polizei.

Nachdem sich die Demonstration zum Gedeken an Conny W. trotz Verbot in Bewegung gesetzt hatte, kreisten Polizeikräfte die Spitze des Zugs ein. Es kam zu Rangeleien. Bild: dpa

GÖTTINGEN taz | An der Stelle, wo vor 20 Jahren die Studentin Cornelia Wessmann (Conny) bei einem Polizeieinsatz ums Leben kam, haben die Göttinger Einsatzkräfte am Samstag ein Gedenken unmöglich gemacht. Eine Polizeikette schirmte das Mahnmal vor den rund 1.500 DemonstrantInnen ab, darunter 1.000 Autonome. Greiftrupps nahmen Teilnehmer wegen angeblicher passiver Bewaffnung fest, Unbeteiligte wurden geschlagen, Journalisten getreten. "Unser von Beginn an angewendetes konsequentes Einsatzkonzept ist aufgegangen", kommentierte Polizeileiter Thomas Rath den Einsatz.

Der Todestag von Cornelia Wessmann jährt sich an diesem Dienstag zum 20. Mal. Am 17. November 1989 hatte sich die Studentin zusammen mit anderen getroffen, um sich Neonazis in der Göttinger Innenstadt entgegenzustellen. Zu der Konfrontation mit den Neonazis kam es nicht - wohl aber zu einem verhängnisvollen Aufeinandertreffen mit der Polizei. Als "Conny" auf der Flucht vor Beamten des Zivilen Streifenkommandos (ZSK) auf eine viel befahrene Straße lief, wurde sie überfahren. Sie starb noch am Unfallort. Was die Sache damals zusätzlich brisant machte: Über Funk hatte die Polizei zuvor mitgeteilt, die Gruppe "plattmachen" zu wollen. Für die Autonomen war damit klar: "Das war Mord!"

"Es ist die Einsatzstrategie der Polizei, die Tote miteinkalkuliert, wenn es darum geht, politische Aktionen gewaltsam zu zerschlagen oder zu verhindern", hieß es in einem Redebeitrag von November 1989. In den darauffolgenden Wochen kam es zu Demonstrationen mit bis zu 20.000 TeilnehmerInnen, teilweise verbunden mit schweren Ausschreitungen.

"An den Demonstrationen haben sich viele Menschen beteiligt, die man zu den ganz normalen Bürgern Göttingens rechnen kann", erinnert sich die Politikerin Dagmar Sarkowsky von den Grünen. Göttingen habe sich damals zu einer "antifaschistischen Stadt" entwickelt. "Nach Wessmanns Tod wurde angefangen, anders über Polizeitaktiken zu sprechen", erinnert sich auch Patrick Humke-Focks (Die Linke). Das polizeiliche Vorgehen Ende der Achtzigerjahre geriet massiv in die Kritik, dem ZSK wurde ein "Privatkrieg" gegen Linke nachgesagt. In den Neunzigerjahren wurden dann Deeskalationsstrategien entwickelt.

Ausdruck dieses Umdenkens ist auch ganz aktuell ein Ratsbeschluss vom 6. November zum Tode von Conny. "Die Stadt Göttingen gedenkt ihres 20. Todestages und erinnert an die Notwendigkeit des antifaschistischen Kampfes gegen alte und neue Nazis", heißt es in dem Beschluss.

Unter dem neuen Polizeipräsidenten Hans Wargel hätten sich "viele Dinge sehr maßgeblich geändert", bemängelt der SPD-Ratsfraktionsvorsitzende Tom Wedrins. Deshalb forderte der Göttinger Rat die Polizei in seinem Beschluss dazu auf, "zu einem friedlichen Verlauf" der Demonstration beizutragen. "Niemals wieder darf es in Göttingen eine Demonstration geben, in deren Verlauf ein Mensch sein Leben verliert", so Wedrins.

Umso überraschter zeigte er sich, dass die Polizei am Samstag mit Wasserwerfern, Räumpanzern und hunderten von Einsatzkräften reagierte. Schließlich sei die Demonstration dazu da gewesen, "gezielt Gewalttaten gegen Polizeibeamte zu begehen", rechtfertigte die Polizei ihr Vorgehen. "Eskalieren wollte die Polizei, die Demonstration wollte gedenken", erwiderte Linken-Ratsherr Humke-Focks.

"Mehrere Journalisten wurden von der Polizei bei ihrer Arbeit behindert und körperlich angegriffen."

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