Störenfriede, draußen und drinnen

UNA-BOMBER James Bennings großartige Versuchsanordnung „Stemple Pass“ (Forum) betrachtet Natur, redet aber vom Kino

Ted Kaczynski, der sogenannte Una-Bomber, hat in seiner Hütte in Montana nicht nur hasserfüllte Manifeste gegen die „technologische Gesellschaft“ verfasst, sondern auch ein ebenso poetisches wie präzises Journal geführt, in dem er über seine täglichen Verrichtungen in der Wildnis informiert, vom Erlegen und Schlachten trächtiger Eichhörnchen bis hin zu tagelangen Wanderungen durch die freie Natur. Es seien nicht nur die herkömmlichen Sinne, die Augen und die Ohren, die an deren überwältigender Schönheit Anteil nehmen, fällt ihm auf. Es sei noch ein drittes Sinnesorgan beteiligt: der Freiheitssinn.

Vier Einstellungen à dreißig Minuten

Wir hören die Sätze Kaczynskis in „Stemple Pass“, dem neuen Film von James Benning, während wir unseren Blick auf vier dreißigminütige Einstellungen werfen – auf ein Stück üppig bewaldete und vielfältig bewachsene, hügelige Natur, deren Horizont eine Bergkette bildet, über die hinauszuschauen uns drei verschiedene Wetterfronten hindern. In der „Frühling“ benannten Einstellung wälzen sich bewegte Wolken über die Gipfel, im Herbst lagert da hinten eine stille Nebelbank, durch die das Tageslicht nun bräunliche Büsche beleuchten muss. Im Winter hat das dichte Schneetreiben den Blick eh begrenzt. Nur im Sommer wird die Szenerie vom Licht der Sonne beschienen, die aber dann während der dreißig Minuten untergeht.

Kaczynskis poetische Qualitäten werden hier seine Hass- und Rachefantasien an den Mördern der geliebten Natur gegenübergestellt: von den kleinlichen Sabotageakten gegen die verirrten anderen Menschen, die in seine Waldeinsamkeit hinauskommen, über die fast schon politisch wirkenden Aktionen gegen Konzerne, die bei der Rohstoffsuche Natur zerstören könnten, bis zur absolut widerwärtigen Häme, mit der er sich darüber freut, dass ein Computerhändler von einer seiner zahllosen und meistens wirkungslosen Bomben in Stücke gerissen wurde.

Über jede Einstellung werden je fünfzehn Minuten lang die Eindrücke, die wir von diesem Kinobild eines Stücks Natur gewinnen können, von den Sätzen des amerikanischen Freiheitsliebhabers überlagert. Seinen geistesgeschichtlichen Hintergrund hat Benning schon in einer früheren Arbeit thematisiert, als er Blicke aus der Hütte Kaczynskis mit dem Blick aus der Hütte des Natur-Utopisten Henry David Thoreau in Verbindung brachte. Hier ist stets ein Nachbau der Una-Bomber-Behausung am unteren Bildrand zu sehen.

Dass man, um Natur zu erleben und den Freiheitssinn zu entwickeln, allein sein muss, steht für Kaczynski außer Frage. Die Asozialität ist Bedingung für die herzliche Übereinstimmung mit dem Unähnlichen, das die Natur darstellt, die einen aber absorbieren kann, wie Gesellschaft nach Kaczynskis Meinung eben nicht. In der Stadt, beobachtet er nicht falsch, wenden sich die Sinne nach innen, nur in der Natur nehmen sie die Außenwelt auf.

Das ist aber das Großartige an Bennings Versuchsanordnung: Er deckt das Kino als genau den Ort auf, an dem man genauso asozial und so wie nicht unter seinesgleichen auf ein Stück äußere Welt schaut, wie sonst nur allein in der Natur, obwohl man aber gerade im Kino nicht allein ist. Im Gegenteil: Die Sensibilisierung für die Geräusche, die in Bennings Filmen immer eine große Rolle spielt, wird hier besonders prägnant.

Es stören einen aber nicht die hochgezogenen Nasen oder vereinzeltes Gehüstel, nicht die anderen Körper, sondern nur die Symptome von Intention und Individualität: leises Sprechen oder nervöses Getrommel. Und man erschrickt, wenn der Una-Bomber begeistert erzählt, wie er alle menschlichen Störenfriede mit Gewalt und Tücke aus seinem Bildausschnitt vertrieben hat.