Protokoll der Wendezeit

Von Bronchitis und Montagsdemo

Die Tagebuchnotizen von Petra Hoffmann zeigen, wie die Politik den DDR-Alltag 1989/1990 veränderte und sie selbst zur Politikerin wurde.

Die Kundgebung am 4. November 1989 in Ostberlin. Die Politik war da schon längst in den DDR-Alltag eingebrochen.  Bild: dpa

Die Pressemitteilung des Verlags und das Vorwort von Markus Meckel, Außenminister der sich auflösenden DDR, bezeichnen den Band als die authentische beispielhafte Schilderung eines "im Grunde ziemlich unpolitischen" Alltagslebens in der DDR, "ohne grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem System", eines Alltags, den die friedliche Revolution zu völlig neuen demokratischen Horizonten aufsprengt. Die Autorin, Petra Hoffmann, Naturwissenschaftlerin und später Europapolitikerin in verschiedenen Institutionen, schreibt in ihrem biografischen Exkurs, dass sie sich als Schülerin weigerte, Kandidatin der SED zu werden, und trotz journalistischer Neigung Chemie studierte, da sie "der SED abgeschworen hatte". Was also ist Politik und was ist authentisch?

Streng genommen sind die Tagebuchnotizen von Anfang 1989 bis Ende 1990 nicht authentisch. Ohne dass Bearbeitungshinweise oder Layout dies deutlich machten, finden sich immer wieder Kommentierungen damaliger Ahnungslosigkeiten, Erklärungen von Funktionen und summierende Formulierungen. Es handelt sich eher um aus zeitlicher Entfernung überdachte Eintragungen, denen gleichwohl noch ein Echo des mit ihnen verbundenen Lebensgefühls anhaftet. Der Spannungsbogen dieser Gefühle macht den Band tatsächlich authentisch. Und ist die Politik wirklich erst mit der "Montagsdemo" in den Alltag gekommen?

Die Notizen der Anfangsmonate von 1989 lassen den Alltag als permanente Zumutung erscheinen. Im Frühjahr rückt dann die wachsende Zahl derer in den Vordergrund, die per Flucht oder erfolgreichen Ausreiseantrag die DDR verlassen haben oder dies planen, Bruder, Exmann, FreundInnen, Bekannte.

Die Abschiede häufen sich, Ungarn und die CSSR avancieren zu attraktiven Reiseländern. Dazwischen gelungene Ferientage, schöne Ausflüge, eine gelegentliche Liebesnacht, aber auch wiederholt Krankheit, Asthmaanfälle, Bronchitis. Die Ursachen werden erst spät erkannt, häufig müssen schwere Medikamente eingesetzt werden. Die Politik ist in diesem Alltag präsent, lange bevor sie sich in Montagsdemonstrationen äußert. Genau das, der Formwandel der Politik, seine Geschwindigkeit und Ebenenvielfalt, macht den Text so spannend.

Im Frühherbst 1989 schreibt Petra Hoffmann in ihrer Einsamkeit und Verzweiflung an Christa Wolf und erhält eine mitfühlende Antwort; das hilft. Sie geht zu Treffen des Neuen Forums, zu Veranstaltungen der evangelischen Kirche, fremdelt zunächst, beteiligt sich gleichwohl, ihre Rolle suchend, an der Organisation von Demonstrationen, ergreift das Wort.

Den 9. November verbringt sie bei einem Fest mit Kollegen, die Nachricht vom Fall der Mauer erreicht den Kreis nur schemenhaft, bleibt Gesagtes, ist weder Information noch Thema.

Aber dann! Eine Woche nach der Maueröffnung fährt Petra Hoffmann nach Berlin und weiß nun: "Ich will mit meinen Erfahrungen einer Ostdeutschen mithelfen, das noch immer geteilte Deutschland zu vereinigen." Jetzt ist der Weg klar. Sie tritt der neu gegründeten SDP bei, übernimmt Funktionen und Ämter. Neue Welten tun sich auf, neue Menschen, soziale Welten, Landschaften, Speisen, Techniken, alles neu, aufregend, einladend. Reisen, Reden, Interviews, Treffen, Termine, im selben Raum, am selben Tisch mit prominenten Persönlichkeiten. Mitte Februar schon wirken Parteienbildung und Wahl- und Stellenkampf in die runden Tische hinein. Im Mai sind die meisten Weichen gestellt, der Einigungsvertrag in Arbeit, die Konstituierung der Länder in Vorbereitung, die kommunalen Strukturen herausgebildet, die Vereinigung von SDP und SPD angesteuert.

Die Geschlechterselektivität der politischen Prozesse ist nicht zu übersehen. Die West-SPD-Frauen bieten mannigfache Unterstützung an. Petra Hoffmann stürzt sich in Parteiarbeit und kommunale Gleichstellungspolitik. Noch einmal gibt es Erfolgserlebnisse, Aufmerksamkeit und neue Netzwerke unter den Frauen. Auf Parteiebene indes mehren sich die verweigerten Kandidaturen. Für Persönliches bleibt kaum Zeit. Gelegentlich blitzt ein Erschrecken auf über Betriebsschließungen, Arbeitslosenzahlen und darüber, dass der Einigungsvertrag irgendwie so nebenher läuft. Dann im Oktober die Landtagswahlen mit Mehrheiten für die CDU in allen neuen Ländern außer Brandenburg. Am Jahresende muss Petra Hoffmann die von ihr aufgebaute Gleichstellungsstelle der Stadt Halle einer CDU-Frau übergeben.

Die raschen Konjunkturen der Wendejahre mit ihren Einladungen, Anforderungen und Überforderungen sind hier geballt versammelt. Schwer zu sagen, was sich daraus lernen lässt.

 

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