Tempelhof I

Tempelhof im siebten Himmel

Grüne und Linke begrüßen den Vorschlag, die Zukunft des Flughafens den Berlinern zu überlassen, die CDU ist dagegen.

Quo vadis Tempelhof? Vielleicht bald den Schritt zur Radikaldemokratie? Bild: AP

Bei radikaler Demokratie scheiden sich die Geister. "Jedem ein Stückchen Tempelhof zu überlassen, das geht nicht", sagte am Freitag CDU-Fraktionssprecher Michael Thiedemann zum Vorschlag der taz, jedem der 3,4 Millionen Berlinerinnen und Berliner einen Quadratmeter Tempelhof zu überlassen. "Ein solches Gelände kann man nicht parzellieren", so Thiedemann, nötig sei ein Gesamtkonzept. Von der CDU werde es dazu aber keinen Vorschlag geben. "Unser Vorschlag zur Weiternutzung des Flughafens wurde abgelehnt, warum sollen wir jetzt einen weiteren Vorschlag machen, den der Senat ebenfalls ablehnt?"

Rundherum begeistert zeigte sich dagegen die grüne Abgeordneten Claudia Hämmerling. "Je mehr Berlinerinnen und Berliner über die Zukunft von Tempelhof entscheiden, desto mehr wissen sie: Das Tempelhofer Feld gehört uns." Damit sei auch eine Debatte um die Umzäunung des Geländes obsolet. "Ich mach doch meine Wohnstube nicht zu Kleinholz", sagt Hämmerling. "Aggression entsteht nur dort, wo man das Gefühl hat, dass es mit den eigenen Vorstellungen nichts zu tun hat."

Ganz ohne Regeln will aber auch Hämmerling den Flughafen den Berlinern nicht geben. "Was ist, wenn sich eine genügend große Zahl für ein nukleares Endlager ausspricht? Für solche Fälle braucht man ein Vetorecht." Darüber hinaus sollte das Prinzip des städtebaulichen Entwurfs - eine Freifläche in der Mitte, an den Rändern Bebauung - beibehalten werden.

Aber auch dann kämen noch genügend kreative Ideen zusammen, hofft Hämmerling. "Der Senat tut, was er kann. Dabei sieht man aber, wie begrenzt die Bürgerbeteiligung bei so einem Thema ist." Deshalb sei es wichtig, "Räume für neue Formen der Partizipation zu öffnen".

Auch die Linke steht dem Vorschlag "1 qm Tempelhof" positiv gegenüber. "Ich finde das pfiffig und sehr modern", lobte die verkehrspolitische Sprecherin Jutta Matuschek. "Das kann ein Ansatz sein für Leute, die man mit der bisherigen Bürgerbeteiligung nicht erreicht." Zugleich plädierte Matuschek dafür, auch ein radikaldemokratisches Verfahren zu moderieren. "Man muss wissen, wo die Grenzen sind." Dass die Ränder des Geländes bebaut werden müssen, hält sie im Gegensatz zu den Grünen aber nicht für zwingend. "Auch das kann noch einmal auf den Prüfstand", meint Matuschek.

Inzwischen haben sich auch weitere Nutzer im Internet zum Vorschlag der taz zu Wort gemeldet. Der radikalste kommt dabei vom Blogger Matthias Schumacher. In seinem Blog "Die Erklärung" fordert er, in Tempelhof "einen Slum" einzurichten: "Ein typischer Hartz-IV-Haushalt besteht grob geschätzt aus mindestens 7 Personen", so Schumacher. "Diese würden dann auf über 40 Quadratmetern leben dürfen. Im Gegenzug würden in Neukölln, Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf und Kreuzberg geräumige, lichtdurchflutete Wohnungen frei." Das klingt nach Sarrazin, oder doch nicht? Am Ende schreibt Schumacher. "Sie halten das für Satire? Vielleicht ist es Ihre Zukunft."

Auch die Befürworter eines weiteren Flugbetriebs haben angekündigt, sich den taz-Vorschlag zu eigen zu machen. "wir wollen unseren Quadratmeter und (…) wieder einen Cityflughafen (…) mit Leichtflugzeugen und den Rest als offene Liegewiese bzw. Vergrößerung der Hasenheide sowie die Hundewiese am Ostrand erweitern", schreibt "rosty" in seinem Kommentar - und weiß sich einig mit den Organisatoren der Nostalgie-Demo, die am Freitagabend stattfand.

 

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