Buschkowsky vs. Sarrazin

Derbe Ansagen aus Neukölln

Heinz Buschkowsky poltert heftig gegen einen Betreuungs-Zuschuss für Eltern, die ihre Kinder nicht in die Kita schicken. Kann man ihn mit Thilo Sarrazin vergleichen?

Er beugt sich vor, haut auf den Tisch, gerne auch mal mit vor Aufregung hochrotem Kopf: Sozialdemokrat Heinz Buschkowsky. Bild: dpa

BERLIN taz | Es war der Aufruhr an der und um die Rütli-Schule, der Berlin-Neukölln und seinen Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky über die Grenzen der Hauptstadt hinaus bekannt gemacht hat. Auf die im März 2006 ausgestrahlten TV-Bilder von randalierenden Schülern reagierte der Sozialdemokrat kurzerhand, indem er den Schulen seines Bezirks uniformiertes Wachpersonal anbot. Er selbst liefert den Medien seither bundesweit seine in der Hauptstadt längst bekannten Zitate: über das Scheitern von "Multikulti-Träumen" und von Integration, über Migranten, die kein Deutsch lernen wollen und Bräute - und damit künftige Mütter - am liebsten aus anatolischen Dörfern importieren.

Nun hat der kleine Mann mit der großen Klappe erneut verbal zugeschlagen: Dass die schwarz-gelbe Regierung Eltern, die ihre unter drei Jahre alten Kinder nicht in Kitas schicken, künftig dafür 150 Euro Betreuungsgeld zahlen wolle, sei "gesellschaftspolitischer Zynismus pur", so Buschkowsky, denn: Die deutsche Unterschicht werde dieses Geld versaufen, MigrantInnen würden dafür ein "Häuschen in der Heimat" bauen - und zur Kinderbetreuung die Oma holen, die selbstverständlich kein Deutsch sprechen kann.

Jetzt auch noch ein typischer Buschkowsky, mag man in Berlin geplagt seufzen - hier treibt ja noch ein anderer Politpöbler sein Unwesen: Thilo Sarrazin, der kürzlich ebenfalls mit kernigen Sprüchen über das Nichtvorhandensein einer produktiven Funktion bei EinwanderInnen Schlagzeilen machte.

Doch Buschkowsky platt mit Sarrazin zu vergleichen wäre wie das Nebeneinanderstellen von Bratwurst und Haschee: Es mag bei den Bestandteilen Überschneidungen geben. Aber der Unterschied liegt eindeutig im Stil. Sarrazin ist zwar Sozialdemokrat wie Buschkowsky, doch mit der auch von ihm so gern geschmähten Unterschicht, sei sie eingeboren oder zugewandert, hat der Mann nur bedingt zu tun: Der ehemalige Berliner Finanzsenator und jetzige Bundesbanker bekleidete zuvor Referatsleiterstellen in Ministerien oder Managerposten bei der Bahn. Buschkowsky dagegen, Sohn eines Schlossers, wuchs in einer Neuköllner Kellerwohnung auf und arbeitete sich in seinem Bezirk vom Stadtrat zum Bürgermeister empor.

Aus Sarrazins herablassenden Äußerungen über fettleibige Hartz-IV-Empfänger, schlecht riechende Trainingsanzugträger und unnütze Einwanderer spricht vor allem eins: der Ekel der Oberschicht vor denen da unten - die Arroganz derjenigen, die alle, die es nicht so weit wie sie gebracht haben, für selbst schuld halten und dafür zutiefst verachten.

Buschkowskys Perspektive ist anders. Der Mann lehnt sich nicht angewidert zurück: Er beugt sich vor, haut auf den Tisch, gern auch mal mit vor Aufregung hochrotem Kopf. Aus ihm spricht die Angst des Kiezberliners um seine eigene Lebenswelt, die Verzweiflung darüber, dass sein Projekt des gemeinsamen Anpackens, des gemütlich-kleinbürgerlichen Miteinanders, von manchen boykottiert wird. Während Sarrazin eher die neue SPD verkörpert, die ihre alten WählerInnen millionenfach in die Flucht schlägt, ist Buschkowskys Sozialdemokratie originalgetreu: die des Ruhrpotts etwa, wo man ebenfalls Zuwanderern gegenüber skeptisch ist - bis sie zeigen, dass sie auch malochen können.

Wenn Sarrazin einem arabisch- oder türkischstämmigen Obsthändler immerhin eine "praktische Funktion" zuerkennt, bleibt das doch eine von weit oben herab gewährte Gnade. Buschkowsky dagegen würde diesen Mann mit Freudentränen über sein Bemühen um Arbeit und Auskommen in die Arme und ins Bürgermeisterherz schließen - selbst wenn er einen Trainingsanzug trägt.

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