Stadtentwicklung

Eine Frage der Identität

Das Kulturzentrum Pavillon steht auf einem attraktiven Grundstück in der Innenstadt von Hannover. Nun muss der Bau saniert werden und der Mietvertrag mit der Stadt läuft aus. Wird es das Kulturzentrum weiter geben? Oder vertickt die Stadt das Areal an finanzstarke Investoren?

Startete einst als Provisorium und ist heute etablierter Kulturträger: Das soziokulturelle Zentrum Pavillon in Hannover Bild: Christian Wyrwa

Aus dem Betongrau Hannovers ragt ein funktionales, modernes Gebäude. Die vier stufig geschichteten Etagen ziert eine Solaranlage, im Parterre flanieren Menschlein, die staunend auf die Fassaden blicken. Dort steht geschrieben, was sie im Inneren erwartet: VHS, Tagung, Theater, Weltmusik, Bibliothek, Kulturlabor, Debatte, Workshops, Cafe.

Die grafische Fleißarbeit findet sich auf der Website des Pavillons, eines der ältesten und bekanntesten soziokulturellen Zentren Deutschlands. Titel: "Unsere Vision für die Zukunft". Gleich daneben hat Geschäftsführer Uwe Kalwar den Appell setzen lassen: "Mischen Sie sich in die Diskussionen ein. Denn jetzt wird die Zukunft des Pavillon gedacht und entschieden."

Tatsächlich geht es für die Betreiber des 5.000 Quadratmetern großen Flachbaus, die Bürgerinitiative Raschplatz e. V., um alles oder nichts. Der Mietvertrag mit der Stadt läuft 2010 aus und es muss saniert werden. Die Verwaltung ist mit einer Beschlussdrucksache vorgeprescht, die die Instandsetzung des Gebäudes in zwei Stufen vorsieht. Kostenpunkt des ersten Bauabschnitts: sechs Millionen Euro. Für den zweiten muss man mindestens noch mal so tief ins Säckel greifen. Bei einem Schuldenstand der Landeshauptstadt von 176 Millionen und Gesamtverbindlichkeiten von fast einer Milliarde Euro keine Kleinigkeit.

Entsprechend hoch schlagen die Wellen hinter den Rathausmauern. Die Grünen sind für Sanierung und Ausbau, der Regierungspartner SPD ist zerstritten. Die christliberale Opposition fordert Abriss und Neubau mithilfe privater Investoren. Dort wirft man mit Vokabeln wie "Torso" oder "Bruchbude", in die Millionen versenkt werden sollen. "Und in zehn Jahren geht das ganze Theater dann wieder von vorne los", poltert CDU-Ratsherr Dieter Küßner.

"Das muss nicht sein", findet Kalwar. Politikervokabeln wie "zukunftsfähig" gehen ihm nach jahrelanger Kärrnerarbeit im lokalpolitischen Unterholz zwischen Stehempfängen mit Fingerfood und pilsgestützten Bezirksratssitzungen locker von der Zunge. "Neubau im Bestand" heißt eine andere Floskel, hinter der sich ein ehrgeiziger Plan verbirgt. Zwei oder mehr Stockwerke draufsatteln, die Volkshochschule integrieren und schon "könnte nach 33 Jahren aus einem lebendigen Provisorium ein zukunftsweisender Ort für Kultur, Bildung und Begegnung entstehen."

Das Provisorium begann 1977, als ein Häuflein linksalternativer Aktivisten überlegte, wie man der bürgerlichen Kultur in die Suppe spucken konnte. Damals firmierte das Viertel hinter dem Hauptbahnhof noch nicht unter dem Rubrum Maklerdorado mit großräumigem Eigentumsangebot, sondern galt als Schmuddelecke. Dominierende Wohnform war die WG, die den Typus "Gammler" beherbergte, also Studenten, AKW-Nee-Freaks und Kiffköppe.

Fünf Jahre zuvor hatte Horten am Kopfende des Raschplatzes eine Filiale der Billigkette DEFAKA (DEutsches FAmilien-KAufhaus) aufmörteln lassen. Der Laden war schon 1974 pleite und rottete vor sich hin. Die Linksalternativen und fortschrittsbewegte Bürger wie der Juwelier Günter Kämper gründeten die BI, um den Leerstand in ein Kultur- und Kommunikationszentrum zu verwandeln. Und sie hatten Glück, dass mit Oberstadtdirektor Rudolf Koldewey ein ebenso aufgeschlossener Sozi an der Stadtspitze stand.

Koldewey drückte der BI am 1. Oktober 1977 den ersten Nutzungsvertrag und 20.000 DM Beihilfe in die Hand. Mittlerweile ist der Zuschuss auf 400.000 Euro pro Jahr gestiegen. Dafür bekommt die Stadt per anno 400 Veranstaltungen geboten - von der alternativen Reisemesse über Migrantenforen und Tanzkurse bis zum hochkarätigen Jazzkonzert. Damit hat sich der Pavillon zu einem etablierten Kulturträger der Stadt gemausert, selbst die borniertesten Stadtverordneten würden es nicht mehr wagen, seine Berechtigung grundsätzlich in Frage zu stellen.

Aber Ulrike Bittner-Wolff, kulturpolitische Sprecherin der SPD-Ratsfraktion, fragt sich schon, ob die "Zementierung des Ist-Zustandes" der richtige Weg ist und man von den Pavillon-Machern für das viele Geld nicht etwas mehr "konzeptionelle Arbeit" verlangen müsse. Das Publikum dort sei überaltert. Ihre Söhne seien um die zwanzig und "machen um das Haus einen großen Bogen". Auch ein Zusammenlegen mit der VHS hält sie für keine gute Idee. Sie jedenfalls werde in der Fraktion für einen Neubau und weiteres Nachdenken werben.

Das ist das eine. Andererseits sitzt die BI auf einem städtebaulichen Filetstück und damit gewissen Kreisen wie ein Pfahl im Fleisch, denen die kommerzielle Verschandelung Hannovers längst nicht weit genug geht. Nachdem die Immobilienbranche Dreiviertel der City geschleift und mit ECE- und Kauflandburgen, Bürotürmen und euphemistisch Passagen genannten Ramsch- und Freßmeilen das letzte urbane Flair vertrieben hat, sollen am Raschplatz Gewerbesteuern fließen. So sehen das CDU und FDP, die den Pavillon immer mal wieder versetzen wollten, und auch Teile der Finanz- und Bauverwaltung. Sollte sich Bittner-Wolff bei den Roten durchsetzen, könnte es für die Pläne Kalwars dramatisch werden.

Kulturdezernentin Marlis Drevermann (SPD) dagegen erinnert an die Tücken des deutschen Baurechts, an Formularberge und jahrelange Fristen. "Ich wüsste gar nicht, wie wir den Pavillon bei einem Neubau über die Zeit bringen sollten." Mit einer "Standortverlegung selbst nur auf Zeit" gehe auch die "Identität" verloren.

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