Musikalisches Exil

"Ich dachte, Birken gäbe es nur in Russland"

Die russische Pianistin Lilya Zilberstein lebt seit 1990 in Norderstedt bei Hamburg und gibt seither auf der ganzen Welt Konzerte. Dabei wäre die Karriere der an sich linientreuen Musikerin fast am Antisemitismus des Sowjetsystems gescheitert.

Zäh und pragmatisch: Lilya Zilberstein. Bild: Miguel Ferraz

Die unauffällige Frau im braunen Anorak und altmodischem Blümchenpullover da drüben: Das soll sie sein? Die gefeierte Pianistin Lilya Zilberstein, die 1990 aus der UdSSR nach Deutschland übersiedelte und seither Konzerte auf der ganzen Welt gibt? Man hatte zwar gehört, dass sie arg bescheiden ist. Dass ihr Medienrummel ganz und gar nicht liegt. Doch so richtig traut man sich zuerst nicht, sie am verabredeten Treffpunkt anzusprechen; vielleicht wartet ja um die Ecke eine waschechte Diva, und die ist es dann.

Aber nein - mit einem breiten, leicht ironischen Lächeln empfängt einen die kleine Frau. Sofort fängt sie an zu reden über dies und das: keine schwierige Gesprächspartnerin. Vorhin, beim Üben, sagt sie, habe sie in dichter Folge Sonne und Regen erlebt: "unglaublicher Anblick". Sie lacht, einfach so.

Lilya Zilberstein, 43, hat Humor und wirkt überhaupt recht unverwüstlich. Und schüchtern war sie schon als Vierjährige nicht: damals, als sie in einem Moskauer Park wildfremde Omas ansprach. "Soll ich Dir vorsingen?", hat sie gefragt. Ja, sie sollte. Eine von ihnen erkannte Lilyas absolutes Gehör und riet zur Musikausbildung.

Klavier bot sich an, weil die Großeltern eins hatten. Sie lernte an der Moskauer Gnessin-Musikschule, bekam Poesie vorgelesen und Gemälde gezeigt: "Es ist wichtig, dass man eine Klangvorstellung entwickelt."

Mit 18 erfuhr sie: Nein, sie könne nicht am Moskauer Konservatorium studieren, obwohl sie alle Qualifikationen hatte. Aber sie sei ja Jüdin. Zilberstein erstarrte. Nicht, weil sie sich so jüdisch fühlte. "Meine Oma hat Jiddisch gesprochen, aber mehr war da nicht."

Zilbersteins Schock war ein ideologischer. "Wir waren in dem Glauben aufgewachsen, dass alle 150 Nationalitäten der UdSSR gleichberechtigt wären." Aber waren sie nicht: Auch bei Vorspielen für offizielle Wettbewerbe wurde Zilberstein immer nur "Zweitbeste". "Als ich den Grund erfuhr, habe ich eine Woche im Bett gelegen und geweint." Freunde rieten ihr, fiktiv zu heiraten und einen russischen Nachnamen anzunehmen - Iwanov etwa. Sie tat es nicht.

Bald danach hing die Ausschreibung für den Bozener Busoni-Wettbewerb in der Musikschule. "Da haben meine Lehrer und ich beschlossen: Das versuche ich!" Sie übte, spielte vor, wurde ausgewählt: Der bis dato unbeugsame Staat gestattete ihr zu reisen. 1987 war das, und dann ging alles schnell: Lilya Zilberstein spielte und gewann den ersten Preis. Ein halbes Jahr später kamen die ersten Konzert-Anfragen. Jetzt war es kein Problem mehr, in den Westen zu reisen. Und der sowjetische Staat verdiente gut an ihr: Von 1.000 Dollar, die sie für ein Konzert in New York bekam, durfte sie 133 behalten. Der Rest ging an den Staat. "Das scheint wenig, aber davon konnte ich gut leben." Zilberstein geht über solche Gerechtigkeits-Lecks hinweg, während sie erzählt. Und man fragt sich, ob sie das damals auch so sah.

Gut zwei Jahre tourte sie von der UdSSR aus, heiratete den Trompeter Alexander Gerzenberg, wurde schwanger. Es waren die End-80er, Perestroika und Glasnost drohten. Drohten? "Man las viel über die Probleme unseres Landes - auch über HIV." Da bekam die Pianistin Angst. Panik, in einer Moskauer Klinik gebären zu müssen. Und fing an, massenhaft Einwegspritzen zu kaufen.

Gebraucht hat sie sie dann nicht. 1990 - Zilberstein war auf Tournee in der delirierenden DDR - beschloss sie dazubleiben, bis das Kind geboren wäre. "Ich war bereit, in die Sowjetunion zurückzugehen." Aber dann kam die Wende. Postsowjetische Unsicherheiten. "Zufällig" habe sie 1990 einen Vertrag mit der Deutschen Grammophon bekommen, sagt Zilberstein. Das erleichterte die Entscheidung. Die Mauer fiel, die Ausländerbehörde machte keine Probleme. Zilbersteins zogen nach Hamburg, später nach Norderstedt, wo sie heute lebt.

"Ich bin nicht abergläubisch, aber anscheinend standen die Sterne günstig", sagt die Pianistin und lächelt die Decke an. Ihr Glück ist ohne Häme. Zilbersteins Abschied vom Sowjetregime hat sich ja auch eher unauffällig ereignet. Denn ihr Kampf galt immer nur der Musik, richtete sich nie gegen das System.

Zilberstein ist pragmatisch, war es auch im ersten Hamburger Jahr, als ihr Vermieter Musik verbot und sie auf einem Digitalklavier mit Kopfhöreren üben musste. Es gefiel ihr nicht, aber sie akzeptierte es. Sie brauchte die Wohnung.

Inzwischen, im Einfamilienhaus im Grünen, gibt es keine Lärmprobleme mehr. Eher mit dem Übezeit-Kontingent, das wegen der Tourneen knapp ist. Trotzdem hat sie ab Oktober eine Gastdozentur an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater angenommen. Meisterkurse gibt sie schon seit Jahren. Zuerst habe sie gefürchtet, zu viel preiszugeben. "Aber dann habe ich verstanden, dass jeder seine Persönlichkeit hineinbringt. Niemals wird jemand ein Stück genauso spielen wie ich."

Jetzt hat sie keine Angst mehr. Auch nicht davor, als Klischee-Russin gehandelt zu werden. Denn ein bisschen ist sie das wirklich: "Ich werde oft gebeten, russische Musik aufzuführen. Also spiele ich viel Rachmaninov, Tschaikowsky, Schostakowitsch", sagt sie in ihrem russischen Akzent, in den sich manchmal das Timbre des Jiddischen mischt.

Ob sie den Rachmaninov aber nicht irgendwann satt hat? "Nein", sagt sie. "Wäre mir diese Musik nicht nahe, würde ich sie nicht spielen." Ihr Repertoire ist breit: Brahms, Beethoven, auch mal Saint-Saens, Liszt, Ravel, Strauss - Präferenzen sind schwer auszumachen.

Die Programme bestimmt sie selten; nur Soloprogramme konzipiert sie selbst. Beethoven und Brahms wird sie Ende Oktober in Hamburg spielen: Berufliche Erfordernis und persönliche Präferenz scheinen sich zu decken. Und wenn man sie da sitzen sieht, ein bisschen das Klischee der warmherzigen russischen Mama, könnte man fürchten, sie spiele den Rachmaninov emotional oder gar sentimental. Aber genau das tut sie nicht: Entschieden und strukturiert, sensibel und unpathetisch spielt sie auch lyrische Passagen; immer hält sie Distanz.

Dabei findet sie schon, dass Bilder - ob man nun Freude oder Natur imaginiert - das Wichtigste sind. Zu Rachmaninov imaginiert man also eine russische Landschaft? "Nein", sagt sie und lacht. Weite gibt es in Norddeutschland auch. "Dabei hatte man uns beigebracht, dass weite Landschaften und besonders die Birke das Symbol Russlands seien. Das ging so weit, dass ich glaubte, Birken gäbe es nur in Russland." Ideologie, nicht wahr? Sie lächelt, zögert. "Ja - okay. Aber wir kannten es nicht anders."

Eine Dissidentin ist Lilya Zilberstein sicher nicht. Aber sie ist auch keine, die für Karriere ihre Identität aufgibt. Sie hat keinen Iwanov, sondern einen Gerzenberg geheiratet. Sie hat gekämpft und in manchem Glück gehabt. Dass sie im Westen lebt, ist eigentlich eher Zufall. Denn letztlich passte sie, die besessene Musikerin, ganz gut ins sowjetische System. Nur zu dessen Antisemitismus eben nicht.

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