Streik der Praktikanten

Protest ist peinlich

Überstunden, kein Geld und das alles für ein Zeugnis – Praktikanten haben es nicht überall gut. Das Creative Village ruft jetzt Praktikanten zum Streik auf: Geht auf die Straße!

In einer taz-Beilage rufen die Praktikanten zum Streik auf. Bild: creative village

Seit Wochen fahre ich mit einem Fahrrad durch Berlin, an dessen Lenkrad ein Pappschild baumelt: "Prakti-Streik 2009" steht da drauf. Ich liebe, wie es schief im Wind hängt. Strampelnd ernte ich viele Blicke: aufmunternde von den Älteren (50+), abfällige von den Mittleren (35-50), gar keine von den Jüngeren (20-35).

Die schauen meist auf den Boden, hören Musik, sind mit den Sinnen woanders. "Was macht der Teenie-Aufstand?", fragt mein bester Freund Sven, der in einer Werbeagentur 5.000 Euro im Monat verdient und versucht, mein Pappschild herunterzureißen. "Geht", sage ich, halte das Schild fest und denke an all die jungen Augen, die tot an den roten Ampeln stehen.

Ich gehöre zu einer Generation, die am liebsten gar keine Generation mehr wäre; einer Generation von Einzelkämpfern, die sich ihr gemeinsames Lebensgefühl bei Sartre ausgeliehen hat: L‘enfer, c‘est les autres, die Hölle, das sind die anderen – und zwar mitnichten die Vorgesetzten, die nicht zahlen aber viel verlangen, sondern die Mitabsolventen, die einem den eigenen Platz an der Sonne streitig machen.

Die Praktikumsinitiative Creative Village hat zum letzten Mal acht junge Menschen für je zwei Monate zur taz, Scholz & Friends und zur UFA geschickt.

Dieses Mal ist das Thema der Creative Village taz-Beilage das Problem Praktikum. Creative Village ruft zum bundesweiten Praktikantenstreik am 9.10.2009 und zu einer Versammlung um 10 Uhr am Potsdamer Platz auf.

Aktuelles dazu im Streikblog.

Ausdrücklich richten sich die Macher der Beilage nicht gegen die Arbeitsbedingungen bei den Creative Village-Praktikumsstellen.

Die taz-Beilage zum Praktikantenstreit erscheint am Freitag, 25. September 2009, in Berlin und Umgebung. Download als pdf hier.

Dass nach dem summa cum laude erst einmal ein Prakti cum laude folgen muss, hat diese Generation längst akzeptiert – und so vollständig in den eigenen Lebensentwurf integriert, dass sich das Bild des ausbeuterischen Chefs oder der sklaventreibenden Chefin oft erübrigt: Der junge Akademiker und die junge Akademikerin erniedrigen sich munter selbst, Hilfe Dritter bedarf es da wenig.

Wäre vor zehn, fünfzehn Jahren höchstens hinter vorgehaltener Hand zugegeben worden, dass die eigene Arbeitskraft für Nichts hergegeben wird, ist ein unbezahltes Praktikum heute zum Statussymbol avanciert: Je nobler die für den Lebenslauf gesammelte Büroadresse, umso lauter darf über sie geredet werden, umso größer fällt die Anerkennung der Umstehenden aus. Und während zumindest im engsten Familienkreise der Jammer über die finanziellen Nöte groß ist, wird in der Firma hofiert und gesäuselt, was das Zeug hält.

Dabei teilt diese Generation laut einer Studie des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales durchaus hehre, wenngleich etwas konservativ anmutende Ziele: Eine Arbeit mit einem verlässlichen Einkommen zu finden, die obendrein noch Spaß macht bewerten 92% bzw. 89% der Befragten als sehr wichtige Aspekte im Berufsleben, dicht gefolgt von der Sicherheit am Arbeitsplatz (89%) und einer würdigen Behandlung durch die Vorgesetzten (85%).

Paradoxerweise sind es jedoch keineswegs diese rechtschaffenen Forderungen, die meiner Generation ein Gesicht geben – vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Geeint sind wir vor allem in der Bereitschaft, das, was wir im Berufsleben als wichtig erachten, mit Füßen zu treten – und zwar so lange, bis irgendwann auch ein Platz frei wird für uns.

Und so sitzen der und die Prakti bis spät abends noch hörig vor ihrem Computer-auf-Zeit, verzichten auf Urlaubstage, feiern niemals krank – während die Chefs sich ins Fäustchen lachen. Doch Recht haben sie, denn wer nichts fordert, verdient weder Geld noch Respekt. Wir sind Ehrenamtliche ohne Ehre noch Amt, doch protestieren, nein, das wagen wir nicht.

Mein Pappschild werde ich auch in den nächsten Wochen spazieren fahren. Ich werde es gegen Aggressoren verteidigen, vielleicht noch ein zweites an den Gepäckträger montieren. Und wenn meine Generation an roten Ampeln nach unten blickt, dann mache ich Krach – eine Hupe habe ich bereits.

 

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