Tabakanbau in Deutschland

Arm an Aromen - frei von Subvention

2010 fallen die EU-Subventionen für den Tabak-Anbau weg. Springt nun die Industrie ein? Die deutschen Tabakpflanzer bangen um ihre Existenz.

Arbeiter auf der Erntemaschine für Tabak. Bild: dpa

Morgens, kurz nach sechs, hängt der Nebel noch schwer und klamm über den Feldern Brandenburgs. Ralf Molzahn steht auf seinem Acker, in einem Meer mannshoher Tabakpflanzen. Nicht weit entfernt brummen Maschinen, es ist Erntezeit. "Ich wollte nie Tabak anbauen, um Gottes willen", sagt er und lacht. Schon sein Vater und Großvater bauten die nikotinhaltige Pflanze an. "Wenn andere Kinder ab ins Schwimmbad sind, mussten wir ran."

Heute ist der 37-Jährige Geschäftsführer der "Uckermark Tabak GmbH" im brandenburgischen Vierraden bei Schwedt, 2001 gründete er das Unternehmen. Seither hat ihn der Tabak gepackt. Gleichermaßen stolz wie kritisch erzählt er von den Fortschritten des Unternehmens: "Am Anfang hatten wir halb so viel Fläche, jetzt bauen wir auf 60 Hektar an." Doch möglicherweise fährt Molzahn in diesem Jahr die letzte Ernte ein: Von den 4,50 Euro, die er für jedes Kilo schnittfertige Ware bekommt, zahlt zwei Drittel die Europäische Union. Doch damit ist nun Schluss.

Tabakanbau in Europa ist bislang ein hoch subventioniertes Geschäft. 250.000 Tonnen Rohtabak werden hier jährlich produziert, das sind 5 Prozent der weltweiten Erzeugung. Deutschland steuerte 2008 rund 8.500 Tonnen bei. Die EU unterstützte die Bauern seit den 70er-Jahren über die sogenannte Qualitätsprämie mit bis zu einer Milliarde Euro jährlich. So konnten sie ihre Ware zu Preisen sogar unterhalb des Weltmarktniveaus verkaufen: Europäischer Tabak war für die Industrie der billigste weltweit.

Tradition: Der erste deutsche Tabak soll 1573 bei Speyer angepflanzt worden sein. Während Ende des 19. Jahrhunderts rund 200.000 meist kleinbäuerliche Betriebe Tabak anbauten, sind es heute knapp 400. Die meisten sitzen in Süddeutschland, aber auch in Ostdeutschland lebten früher ganze Regionen vom Tabakanbau.

Traditionsmarken: Für Roth-Händle wird bis heute vorwiegend deutscher Tabak verarbeitet, ohne Zusatz von Aromastoffen. Wie Reval einst im Besitz der Badischen Tabakmanufaktur, gehört die Marke heute - ebenso wie die aus Dresden stammende Eckstein - zu Reemtsma/Imperial Tobacco. Die Kölner Overstolz ist bei Japan Tobacco gelandet. 25 Prozent aller Deutschen rauchen.

Gewinn: Der Zigarettenindustrie geht es prächtig. 2008 fuhr Philip Morris International einen Reingewinn von 10,25 Mrd. US-Dollar ein, bei British American Tobacco waren es 5,6 Milliarden. Während in den Industriestaaten der Trend zum Nichtrauchen geht, ist er in den Schwellen- und Entwicklungsländern gegenläufig. In China etwa rauchen inzwischen fast 60 Prozent aller Männer.

Reform: 2004 verabschiedete die EU die Tabakreform und damit die schrittweise Abschaffung der Beihilfen bis 2010. Bis 2013 werden jährlich 484 Millionen Euro in Programmen zur ländlichen Entwicklung bereitgestellt.

Doch spätestens seit das Thema Nichtraucherschutz an Prominenz gewann, gerieten die Subventionszahlungen in die Kritik. Jedes Jahr sterben nach Angaben der Europäischen Kommission in der EU mehr als eine halbe Million Menschen an den direkten oder indirekten Folgen von Tabakkonsum. Die EU erklärte, per Rauchverbote und Aufklärungskampagnen, ein rauchfreies Europa zum Ziel. Gleichzeitig den Tabakanbau zu fördern, das passte nicht. Daher beschloss die Kommission 2004 die schrittweise Abschaffung der Beihilfen. In diesem Jahr bekommen die Bauern die letzte Rate.

Landwirt Molzahn schiebt die Schirmmütze nach hinten, schüttelt den Kopf: "Keine Ahnung, was die damit wollen. Von der Sache her sind wir ein Landwirtschaftsbetrieb wie jeder andere auch. Und das Produkt?" Er zögert, zuckt dann mit den Schultern. "Auf einmal wollen sies nicht mehr. Aber rauchen tun sies trotzdem." Die Erntemaschine kommt näher, durchkämmt auf fünf Stahlbeinen mit Rädern die Tabakreihen. An den Beinen, ein paar Zentimeter über dem Boden, sind Sitze für die Pflücker angebracht - schlaksige junge Kerle, aber auch ältere, graugesichtige Männer. Mit einem Handgriff rechts und links brechen sie von jeder Pflanze ein paar Blätter ab: nur die unteren, lindgrünen, die schon reif sind.

In der Erntezeit, von Juli bis Oktober, kommt jede Pflanze achtmal dran. Tabakanbau bedeutet trotz technischen Fortschritts nach wie vor viel Handarbeit und ist deswegen teuer, gerade in Europa. Ohne die Subventionen kann hiesiger Tabak der Konkurrenz etwa aus Brasilien oder China, die größere Anbauflächen und niedrige Löhne haben, kaum standhalten. Es sei denn, die Industrie ist bereit, einen höheren Preis zu zahlen.

Wie viel deutscher Tabak wert ist, wird derzeit am Verhandlungstisch austariert. Das Kräfteverhältnis erinnert an David gegen Goliath: Auf der einen Seite steht der Bundesverband deutscher Tabakpflanzer (BdT), der die 400 Jahre alte Tradition deutschen Tabakanbaus und seine rund 400 Pflanzer, meist kleine Familienunternehmen, verteidigen will. Auf der anderen Seite sind die vier Tabakkonzerne, die den Weltmarkt weitgehend unter sich aufgeteilt haben und auch in Deutschland die Preise diktieren: Philip Morris International (ehemals Altria), British American Tobacco, Japan Tobacco und Imperial Tobacco, zu dem seit 2002 der deutsche Traditionskonzern Reemtsma gehört.

"Die Chancen stehen 50 zu 50", sagt Jörg Bähr, der Geschäftsführer des BdT. "Die Industrie sagt, sie hat Interesse an deutschem Tabak, aber nicht, zu welchen Bedingungen. Sie müssten einen höheren Preis pro Kilo zahlen, und ob sie das machen, ist unklar." Die Zeit jedenfalls drängt. Ende Oktober müssen die Landwirte das Saatgut fürs nächste Jahr bestellen. "Wir sind schon ein bisschen Bittsteller im Moment." Doch die Tabakkonzerne lassen sich Zeit. "Wir haben noch nichts entschieden" heißt es etwa bei British American Tobacco und Reemtsma. "Die Industrie wartet, ob die Politik noch weich wird", vermutet ein Beobachter.

Ralf Molzahn blendet all das derzeit aus. "Erst mal müssen wir diese Ernte nach Hause kriegen", sagt er, während er den staubigen Geländewagen über holprige Feldwege zurück zum Hof steuert. 160 Tonnen schnittfertige Ware will er einfahren, das hält ihn und 30 Saisonarbeiter fünfzehn Stunden am Tag auf Trab. Jetzt muss Molzahn das lärmende Herzstück des Betriebs kontrollieren: die Trockenöfen. In denen reifen die geernteten klebrig-grünen Blätter eine Woche lang in mehreren Hitzestufen heran, bis sie goldbraun getrocknet sind.

Wie die meisten deutschen Pflanzer baut Molzahn Virginia-Tabak an. Der ist schwach aromatisch und nikotinarm, wird von der Industrie überwiegend als Füllstoff für die Zigaretten genutzt, zur Ergänzung der kräftigen, teureren Orienttabake. Die brauchen mehr Sonne, wachsen in Europa in den größeren Anbauregionen in Griechenland oder Italien. Deutscher Tabak hat einen klimatischen Standortnachteil. "Nur 2 bis 3 Prozent des Tabaks, den wir hierzulande verarbeiten, stammt aus Deutschland", sagt Ralf Leinweber, Pressesprecher von British American Tobacco. "Wir entscheiden nach Qualität, Menge und Preis. Da spielt europäischer Tabak eine untergeordnete Rolle, deutscher erst recht", sagt Sprecherin Svea Schröder von Reemtsma.

"Unser Tabak ist wenigstens sauber", sagt Ralf Molzahn. Wegen der strengen europäischen Kontrollen würden nur wenig Pflanzenschutzmittel eingesetzt. "Wenn man ihn mit chinesischem vergleicht, ist der hier fast schon bio." In der riesigen Lagerhalle auf dem Hof werden die getrockneten Blätter nach Qualitätsklassen sortiert. In zwei großen Gittertrommeln rotieren die Blätter und werden so entsandet. Dann landen sie auf Fließbändern, über die sich zehn Saisonarbeiterinnen beugen.

Wie alle Erntehelfer Molzahns kommen sie aus Rumänien oder Polen. Mariola Stefaniak ist schon seit sieben Jahren dabei. "Erst nur ich, jetzt auch meine Cousine, ihr Mann, ihre Tochter, ganze Familie", erzählt sie in einem Mix aus Polnisch und Deutsch, während sie mit flinken Fingern die Blätter auf Druckstellen prüft. Zwischen 4 und 5 Euro zahlt Molzahn pro Stunde. "Die Arbeit ist gut", sagt Mariola. Nächstes Jahr will sie wiederkommen - dass es keine Ernte mehr geben könnte, davon wisse sie nichts, sagt sie und guckt erschrocken.

Molzahn führt einen für deutsche Verhältnisse großen Tabakbetrieb. Die vielen kleineren, die es früher in der Umgebung gab, haben bereits aufgegeben. Auf andere Erzeugnisse umzusteigen, darin sahen sie keinen Sinn: Zu karg die Böden, zu teuer die Umstellung. Rund 55 Millionen Euro hat die EU ausgegeben, um Anbaualternativen für die Pflanzer zu erforschen. "Doch eine vernünftige Alternative gibt es für die meisten Tabakbauern nicht", sagt Udo Kienle vom Institut für Agrartechnik der Universität Hohenheim.

Molzahn wurde geraten, weiterhin Tabakpflanzen anzubauen, allerdings für die Arzneimittelherstellung - Nikotinsäure, die auch in Kartoffeln oder Bier enthalten ist, wird in Medikamenten gegen Fettstoffwechselstörungen eingesetzt. "Aber das rentiert sich nicht. Bei 160 Tonnen Tabak, die wir jährlich produzieren - davon könnten die Arzneimittel für zehn Jahre herstellen", winkt Molzahn ab. Um Getreide rentabel anbauen zu können, seien die Tabakanbauflächen oft zu klein, sagt Wissenschaftler Kienle. "Und Erdbeeren oder Spargel gibt es schon genug, das würde zu einem Preisverfall für alle führen."

Am realistischsten sei der Wechsel zum Biogemüseanbau, doch dafür müssten die Betriebe über einen längeren Zeitraum komplett umgestellt werden. Das Durchhaltevermögen haben viele nicht. "Man macht eine Sparte tot und versucht, aus einem anderen Topf den ländlichen Sektor zu erhalten", ärgert sich Jörg Bähr vom Tabakpflanzerverband.

21 Uhr, es dämmert. Die Arbeiter kehren vom Feld zurück, stehen vor den Wohncontainern, rauchen. Ralf Molzahn gähnt. So anstrengend Tabakanbau in der Hauptsaison auch sei, er wolle nichts anderes machen, sagt er. Doch was, wenn die Industrie nicht zuzahlt? Molzahn trippelt unruhig von einem Bein aufs andere. "Es muss weitergehen, es muss. Weil wir uns das hier so schön aufgebaut haben. Weil ich jetzt ernte, was ich vorher investiert habe."

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