Zweifel an Schuld wachsen

Schottland lässt Lockerbie-Täter frei

Schottland hat den krebskranken Lockerbie-Täter freigelassen. Die Haftverschonung aus humanitären Gründen überdeckt wachsende Zweifel an der Schuld des als Täter verurteilten.

"Spektakulärer Justizirrtum": Abdelbaset Ali Mohmed al-Megrahi (hier im Jahr 1992). Bild: dpa

DUBLIN tazDer Lockerbie-Bomber ist frei. Der schottische Justizminister Kenny MacAskill gewährte gestern Abdelbaset Ali Mohmed al-Megrahi aus "humanitären Gründen" Haftverschonung. Der 57-jährige Libyer leidet unter Prostatakrebs im Endstadium. Noch am gestrigen Nachmittag wurde er nach Libyen ausgeflogen. Die US-Regierung sagte, sie "bedauert die schottische Entscheidung tief".

Bei dem Bombenanschlag auf eine Boeing 747 der US-Fluggesellschaft Pan Am kurz vor Weihnachten 1988, die von Malta nach New York unterwegs war, waren sämtliche 259 Passagiere und Besatzungsmitglieder gestorben, elf Menschen wurden durch herabstürzende Flugzeugteile in der schottischen Kleinstadt Lockerbie getötet. Al-Megrahi wurde 2001 zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Berufung wurde 2002 abgelehnt. Doch in diesem Frühjahr ließ die schottische Berufungskommission eine erneute Berufung zu - ein Indiz, dass der Verdacht auf ein Fehlurteil besteht. Vor wenigen Tagen zog al-Megrahi allerdings seinen Berufungsantrag zurück. Offenbar war das die Gegenleistung für seine Freilassung, denn bei einem erneuten Prozess wären wohl Dinge zur Sprache gekommen, die sowohl die britische als auch die US-amerikanische Regierung gerne unter Verschluss halten möchten.

Hans Köchler, UN-Beobachter des Lockerbie-Prozesses, sprach damals bereits von einem "spektakulären Justizirrtum". Die ursprünglichen Ermittlungen in Richtung palästinensischer Organisationen seien eingestellt worden, weil Großbritannien und die USA "die Kooperation gewisser Länder im Nahen und Mittleren Osten brauchte, um in der Irak-Kuwait-Krise aus westlicher Sicht effizient agieren zu können", sagte Köchler.

Die Art, wie der Prozess geführt worden ist, deutet darauf hin, dass al-Megrahi zum Sündenbock gemacht wurde. Dem Belastungszeugen Abdul Majid Giaka zahlte die CIA 2,7 Millionen Dollar, damit er aussagt. Die beiden forensischen Experten Allen Feraday und Tom Thurman, die ein Plastikfragment als Teil des Bombenzünders identifiziert hatten, sind inzwischen diskreditiert - der eine, weil er in anderen Prozessen häufig daneben lag, der andere, weil er Laborberichte umgeschrieben hat.

Ein pensionierter hochrangiger schottischer Polizeibeamter hat eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, wonach die CIA das Fragment der Schalterplatte "selbst platziert" habe. Das Plastikteil war erst Monate nach dem Anschlag in einem Wäldchen mehrere Kilometer von Lockerbie entfernt gefunden worden. Außerdem präsentierte die Staatsanwaltschaft ein zerfetztes Kleidungsstück, in das die Bombe eingewickelt gewesen sein soll - später stellte sich heraus, dass das echte Kleidungsstück vollkommen unversehrt war. Darüber hinaus konnte der maltesische Ladenbesitzer Tony Gauci, der al-Megrahi dieses Kleidungsstück verkauft haben will, ihn nicht eindeutig identifizieren. Dennoch akzeptierten die Richter seine Aussage.

"Der Krieg gegen den Terror kann nicht glaubwürdig und erfolgreich geführt werden", sagte Köchler, "wenn bei dem schlimmsten Terroranschlag in der Geschichte Großbritanniens die Suche nach der Wahrheit zugunsten politischer Opportunität aufgegeben wird."

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