Bloggerin über Islamophobie in Deutschland

"Seit dem Mord reden wir offener"

Nach der Bluttat an Marwa el Sherbini in Dresden tauschen sich Kopftuchträgerinnen mehr über ihre Diskriminierung im Alltag aus, sagt die Autorin Kübra Yücel. Die CDU ist für sie nicht mehr wählbar.

17. Juli 2009, Berlin: Gruppen aus dem Umfeld von Muslimbruderschaft und Milli Görüs demonstrierten nach dem Mord an Marwa el Sherbini  Bild: reuters

taz: Die öffentliche Debatte über den Mord an Marwa ist fast verstummt. Spielt das Ereignis für kopftuchtragende Frauen noch eine Rolle?

Kübra Yücel: Auch wenn man über den Fall von Marwa kaum mehr spricht, ist das Thema innerhalb der muslimischen Gemeinde immer noch präsent. Es ist viel geschehen: Wir sind uns durch diesen Mord bewusst geworden, dass die Diskriminierungen, die wir erfahren, keine Ausnahmen sind. Es gibt mittlerweile zu viele Ausnahmen. Seit dem Mord an Marwa reden wir offener über unsere Diskriminierungserfahrungen und tauschen uns aus.

Was widerfährt Ihnen explizit?

Meine erste Erfahrung hatte ich mit 14. Ich wurde mit meiner Schwester zusammen in der U-Bahn von einer Frau gefragt, warum ich denn ein Kopftuch trüge. Sie wollte aber gar nicht, dass ich antworte. Sie hat einfach ihren Frust herausgelassen. Dann habe ich lange Zeit keine Diskriminierung erfahren.

Aber später fing es wieder an?

Foto: privat

Kübra Yücel, 21, studiert im vierten Semester Politikwissenschaft an der Universität Hamburg. Ab September lernt sie an der School of Orientalistic and African Studies in London. Sie ist die ehemalige Chefredakteurin des Jugendmagazins Freihafen. Yücel arbeitet als Journalistin und Bloggerin (www.ein-fremdwoerterbuch.com).

Am 1. Juli tötet der 28-jährige Alexander W. die 31-jährige Ägypterin Marwa El Sherbini im Landgericht Dresden mit 18 Messerstichen. El Sherbinis Ehemann Elwy O. versucht den Täter aufzuhalten und wird durch Stiche lebensgefährlich verletzt. Ein Polizist, der aus dem Saal nebenan dazugeholt wird, schießt O. ins Bein. Elwy O. ist laut Freunden inzwischen von der Uniklinik in eine Rehaklinik verlegt worden.

Ja. In den letzten zwei Jahren habe ich immer häufiger das Gefühl, diskriminiert zu werden. Ich wurde in Stadtteilen von Hamburg, wo man kein rechtsextremes, islamophobes Gedankengut zu finden glaubt, diskriminiert. Akademisch gebildete Menschen beschimpften mich als „Schleiereule.“ Ich habe des Öfteren hören müssen: „Guck mal, jetzt laufen sie hier schon 'rum mit dem Kopftuch.“ Einmal hat ein wohlhabend aussehender älterer Mannmeine Freundin in einem noblen Einkaufszentrum in Hamburg wegen ihres Kopftuchs beleidigt. Er sagte: „Du bist so hässlich. Du bist so hässlich!“

Wie wehren Sie sich gegen solche Beschimpfungen?

Wenn mir so etwas passiert, bin ich zunächst schockiert. Ich habe ein sehr positives Menschenbild und kann es oft nicht glauben, dass Menschen so denken können. Dann bin ich erstmal sprachlos und weiß nicht, wie man angemessen reagieren kann. Das einzige, was mir einfällt, wäre „Nazi“ zu rufen. Aber damit würde ich mich mit denen auf eine Stufe begeben.

Warum begannen kopftuchtragende Frauen in Deutschland erst nach diesem Mord über Diskriminierung zu sprechen?

Es gab schon direkt nach dem 11. September Versuche zu reagieren. Speziell auf Artikel, die den Islam ausschließlich in den Kontext von Terror setzten. Dagegen haben wir uns gewehrt.

Wie haben Sie sich dagegen gewehrt?

In der Schule zum Beispiel. Ich habe mit dem Lehrer darüber diskutiert, dass diese Artikel etwas grundsätzlich Negatives haben. Aber ich war damals sehr jung und konnte nicht wissenschaftlich beweisen, dass dieses Wort eine negative Konnotation hat oder jener Zusammenhang falsch ist.

Wie haben die LehrerInnen reagiert?

Mir wurde oft gesagt, ich sei doch Muslimin. Da sei es klar, dass ich mich angegriffen fühle. Wenn Muslime sich gegen diese Berichterstattung gewehrt haben, wurden sie nicht ernst genommen. Ihnen wurde der Eindruck vermittelt, es sei alles nur Einbildung. Das habe ich mir dann irgendwann auch eingeredet. Als Journalistin habe ich daher anfangs Themen, die mit dem Islam zu tun hatten, gemieden. Ich hatte das Gefühl, als Muslimin nicht über den Islam berichten zu können, weil ich angeblich nicht neutral berichten kann.

Was hat Ihre Meinung geändert?

Der Mord hat dann gezeigt, dass eine Grenze überschritten worden ist. Wenn eine schwangere Jüdin im Gerichtssaal von einem Antisemiten erstochen, ihr Mann dabei verletzt und – wenn auch versehentlich – von einem Polizisten angeschossen worden wäre, ihr drei jähriges Kind daneben säße und das mitgekriegt hätte, dann hätte es in der Gesellschaft eine unglaubliche Empörung ausgelöst. Aber genau diese Empörung gab es bei Marwas Fall nicht. Das Fehlen dieser Empörung macht deutlich, dass die Islamophobie in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Und wie soll sich das ändern?

Ich habe mit meinen Freundinnen sehr viel darüber diskutiert, wie wir dafür sorgen können, dass der Islam in den Medien angemessen dargestellt wird. Zunächst müssen Muslime als gleichberechtigte Gesprächspartner anerkannt werden. Bisher war es so: Wenn ein Muslim sich - auch in akademischen Kreisen - zu islamischen Themen äußerte, so wurde er nicht als eine akademische Person, sondern als Muslim wahrgenommen. Man muss Muslime, wenn sie sich als akademische Personen äußern, auch als solche wahrnehmen.

Wenn man als Muslim über den Islam forscht, ist es dann überhaupt möglich, die muslimische Identität vom wissenschaftlichen Anliegen zu trennen?

Das kann man selbstverständlich nicht trennen. Das ist aber in allen Wissenschaften so. Wenn sich eine Frau zu feministischen oder ein Christ zu christlichen Themen äußert, sind sie natürlich nicht neutral. Sie werden aber trotzdem als gleichberechtigte Partner wahrgenommen und akzeptiert. Genau das fehlt bisher – auch in akademischen Kreisen - in der Diskussion mit Muslimen.

Was sollte künftig anders laufen?

Die Gesellschaft muss sich empören; sie muss die Tat sanktionieren - nicht nur durch Gefängnisse und durch rechtliche Regelungen -, sondern auch indem sie sagt: „Oh mein Gott! Wie konnte so etwas geschehen?“ Die Gesellschaft muss feststellen, dass dieser Mord an Marwa nicht irgendein Mord gewesen ist, sondern ein Mord mit einer sehr hohen symbolischen Bedeutung.

Wird die Debatte um Marwa einen Einfluss auf das Wahlverhalten der muslimischen Deutschen haben?

Viele sind sehr enttäuscht. Ich bin mir deshalb sicher, dass es einen Einfluss haben wird und finde, dass sollte auch so sein. Dass es unsere Bundeskanzlerin noch immer nicht geschafft hat, ihre Empörung oder ihren Beileid gegenüber den hier lebenden Muslimen auszusprechen, zeigt, welche Wähler ihr wichtig sind und welche nicht.

Ist die CDU für deutsche Kopftuchträgerinnen noch wählbar?

Nein. Wenn das nicht schon durch die Politik, die die CDU vorher betrieben hat, deutlich war, dann spätestens jetzt.

Glauben Sie, das Deutschland insgesamt islamfeindlich ist?

Nein, auf gar keinen Fall. Es muss aber deutlich werden, dass Islamophobie genauso schlimm ist wie Antisemitismus. Hierfür bedarf es einer gesellschaftlichen Diskussion. Viele sind sich ja nicht mal bewusst, dass sie islamophob denken, weil in den Medien oftmals mit einer negativen Konnotation berichtet wird.

Kritiker sagen: Wenn in Deutschland ein so genannter Ehrenmord passiert, regen sich die Muslime nicht auf. Wie nehmen Sie das wahr?

Einige Muslime regen sich auf. Sie versuchen sich von den Ehrenmorden zu distanzieren – wie zum Beispiel durch Postkartenaktionen in Berlin. Andere sind in einer Trotzhaltung. Sie sagen „Nein, das hat nichts mit dem Islam zu tun. Ich als Muslim sehe mich nicht in der Pflicht und in der Verantwortung, mich von diesem Thema zu distanzieren, weil ich überhaupt nichts damit zu tun habe.“ Diese Einstellung ist es vielleicht gewesen, die dazu geführt hat, dass sich einige Muslime von Ehrenmorden nicht öffentlich distanziert haben.

Halten Sie das für richtig?

Das ist nicht richtig, weil der normale Bürger nicht weiß, dass Ehrenmorde nicht islamisch sind. Allein der Aufklärung wegen müssten sich Muslime zu diesen Themen mehr äußern. Das tun wie gesagt auch viele, aber es ist den Medien oft keinen Artikel wert, Muslime zu interviewen, die sich gegen Ehrenmorde aussprechen.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass Muslime die Christenverfolgung in vielen muslimischen Ländern nicht öffentlich anprangern?

Ich lebe hier in Deutschland. Natürlich finde ich es schrecklich, was in einigen Ländern geschieht und vielen anderen Muslimen geht das mit Sicherheit genauso. Aber unser Lebensmittelpunkt ist hier, wir sind nicht verantwortlich für die Verbrechen, die anderswo geschehen.

Manchmal entsteht trotzdem der Eindruck, dass Muslime hier auf die eigene Benachteiligung hinweisen aber sehr wenig Mitgefühl für die teilweise tödlichen Bedrohungen für Christen in muslimischen Ländern haben.

Wenn in muslimischen Ländern irgendwo auf der Welt schreckliche Dinge geschehen, dann kann das trotzdem kein Grund sein, den Muslimen hier in Deutschland Gleichberechtigung zu verweigern. Wie gesagt, was dort teilweise geschieht, kann niemand gutheißen. Aber wenn uns deshalb hier Rechte verweigert werden, dann stellt sich Deutschland doch auf eine Stufe mit diesen Staaten, in denen Christen verfolgt werden. Das kann doch wohl nicht das Ziel sein.

Nach dem Mord haben islamistische Gruppen wie die Salafiten versucht, den Mord für ihre Zwecke zu instrumentalisieren und Feindbilder vom islamfeindlichen Westen propagieren. Was sagen Sie dazu?

Damit habe ich mich bisher nur sehr wenig beschäftigt. Aber wie bei jedem öffentlichkeitswirksamen Thema wird es mit Sicherheit auch hier Gruppen geben, die versuchen den Mord für sich zu instrumentalisieren.

Was halten Sie davon, dass über den Mord an Marwa el Sherbini mit WissenschaftlerInnen geredet wird, aber die Kopftuchtragenden als die eigentlichen Betroffenen oft nicht selbst zu Wort kommen?

Es ist richtig, weil sich die Experten auf einer wissenschaftlichen Ebene mit dem Thema beschäftigen. Aber in der Tat sollte man auch Kopftuchtragende, also potenzielle Opfer, dazu befragen und sie zu Wort kommen lassen, um die Debatte aus einer anderen Perspektive betrachten zu können.

Fühlen Sie sich bedroht als kopftuchtragende Frau?

Nein. Ich fühle mich nicht bedroht oder eingeschüchtert. Ich merke vielmehr, dass es noch viel zu tun gibt; es besteht viel Aufklärungsbedarf.

Was möchten Sie denn tun?

Das Wichtigste ist, dass man ständig im Dialog ist. Die Debatte sollte nicht abebben und wir sollten nicht auf den nächsten Mord warten. Ich sehe es als meine Aufgabe an, als Journalistin und durch meinen Blog aus dem Leben einer Muslimin zu berichten. Ich versuche darzustellen, wie es ist, als muslimische Deutsche hier zu leben. Ich will zeigen, dass ich keine Gefahr für die Gesellschaft darstelle und ein ganz normaler Mensch bin. Allein diese Tatsache sorgt, so glaube ich, bei vielen Menschen dafür, dass sie ihre Vorurteile nochmal überdenken.

Warum melden sich kopftuchtragende Frauen nicht stärker in der Öffenlichkeit und mischen sich mehr ein?

In vielen Debatten waren sie in den letzten Jahren sogar im Fernsehen zu sehen. Sie versuchen immer mehr, in die Öffentlichkeit zu treten und selbstbewusster zu werden. Andererseits gibt es auch viele kopftuchtragende Musliminnen, die nicht auffallen wollen. Wenn man auffällt, wird man angegriffen. Man muss sich Diskussionen aussetzen. Das kostet viel Kraft und das wollen viele nicht, was ich verstehen kann. Viele wollen ihr Studium durchziehen und nicht ständig über das Kopftuch reden.

 

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