"360 Grad"-Tournee von U2

High-Tech-Messe der dritten Art

Think big: U2 kommen mit der GRÖBAZ, der größten Bühne aller Zeiten, nach Deutschland. Am Samstag macht ihre "360 Grad"-Tournee im Olympiastadion in Berlin Station.

Pure Gigantomanie: eine Aufnahme der U2-Bühne "The claw" beim Tourauftakt in Barcelona Ende Juni. Bild: reuters

Das Berliner Olympiastadion gleicht einer Baustelle. Die Tartanbahn ist mit grauen Gummimatten ausgelegt, ein paar Gabelstapler kurven darauf herum. Später werden auf der Fußballwiese spezielle Plastikplatten liegen, um den Rasen vor dem drohenden Massenansturm zu schützen. Auf der Westseite des Stadions, wo die Bühne entsteht, bedecken silbrig glänzende Aluminiumplatten den Boden, vier gelbe Kranwagen wuchten dort riesige Stahlträger in die Höhe. "Die Kräne sind wahrscheinlich zu klein", meint Uwe W., ein sportlicher Mittvierziger im Holzfällerhemd. Der Mitarbeiter des örtlichen Veranstalters sitzt auf der Tribüne und trinkt ein Feierabendbier. "Wenn die Bühne fertig ist, soll sie über das Stadiondach hinausragen. Aber so hoch reichen diese Kräne ja gar nicht".

50 Meter in den Himmel

Was im Olympiastadion Gestalt annimmt, ist nichts weniger als die GRÖBAZ - die größte Bühne aller Zeiten, mit der U2 seit Ende Juni durch die Lande ziehen. "Die Kralle", the claw, so wird die Monsterbühne genannt, die an eine Kampfmaschine aus "Krieg der Welten" erinnert. Die Bühnenplattform ist von allen Seiten einsehbar, daher auch der Name der Tournee: 360 Grad. Eingerahmt wird sie von vier Spinnenarmen, die in etwa dreißig Meter Höhe zusammenlaufen. Jedes dieser vier Spinnenbeine ist mit einer Lautsprecheranlage bestückt, die allein schon ausreichen würde, um ein gesamtes Stadion zu beschallen. Zusammen mit einer Art Antenne auf dem Dach ragt die gesamte Konstruktion über 50 Meter weit in den Himmel.

* 1976 in Dublin gegründet, zählen U2 zu den erfolgreichsten Zugpferden im Rockzirkus. In diesem Jahrzehnt ist die Band, nach elektronischen Spielereien in den Neunzigerjahren, zu einem konventio- nelleren, hymnischen Rocksound zurückgekehrt. Auch auf ihrem letzten Album, "No Line on the Horizon", arbeiteten sie wieder mit ihren langjährigen Produzenten Daniel Lanois und Brian Eno zusammen.

* Die Band engagiert sich für NGOs wie Amnesty International, Greenpeace oder DATA (Debts, Aids, Trade, Africa), Sänger Bono setzt sich für einen Schuldenerlass für afrikanische Staaten ein. So alt wie das Weltenretterimage der Band, so alt ist auch der Vorwurf der Bigotterie. Massive Kritik zogen U2 auf sich, als sie ihren Wohnsitz aus steuerlichen Gründen von Irland in die Niederlande verlegten. Auch die Pläne des U2-Gitarristen "The Edge", im kalifornischen Malibu eine Ökovillensiedlung zu errichten, sind umstritten.

* Darüber hinaus versteht sich die Band als Technikavantgarde. Als der iPod von Apple eingeführt wurde, steuerten U2 mit "Vertigo" erstmals einen ihrer Songs für einen Werbespot bei. Ihre aktuelle "360 Grad"-Tournee wird von der Mobilfunkfirma Blackberry gesponsert. Der Auftakt war am 30. Juni in Barcelona, an diesem Samstag spielen U2 in Berlin, am 3. August in Gelsenkirchen.

Der Clou aber ist der kreisrunde, bewegliche LED-Videoscreen, der über der Bühne schwebt: Wenn die 500.000 Pixel des größten Bildschirms, der jemals eine Konzertbühne erstrahlen ließ, aufleuchten, erinnert das Ganze an ein UFO, das auf der Erde gelandet ist. Es fehlt eigentlich nur noch ein eigenes kleines Atomkraftwerk, um das flirrende Gesamtkunstwerk mit Strom zu versorgen.

Bisher war die "Bigger Bang"-Tournee der Rolling Stones das Maß aller Dinge im Stadionkonzert-Business. Doch die U2-Kralle ist jetzt fast doppelt so groß, die "Bigger Bang"-Bühne würde locker darunter passen. "Bono gegen den Rest der Welt", spottet Uwe W. über die Gigantomanie des U2-Frontmanns und lässt seinen Blick über die noch menschenleeren Ränge des Olympiastadions schweifen.

Der Mann, der für U2 die Riesenkralle entworfen hat, heißt Willie Williams. Inspiriert hat ihn dazu das futuristische Besuchergebäude des Flughafens von Los Angeles, das 1961 erbaut wurde. Williams ist seit einem guten Vierteljahrhundert mit den vier Iren verbunden, als "Show Director" hat er seither alle ihre Tourneen gestaltet. Der Licht- und Videokünstler ist für die Live-Ästhetik der Band so zentral, wie es der holländische Rockfotograf Anton Corbijn mit seinen krisselig-rauen Schwarzweiß-Aufnahmen für das Album-Design und die Bandfotos von U2 ist.

Mit den "Zoo TV"- und "PopMart"-Tourneen hat Williams in den Neunzigerjahren Maßstäbe gesetzt. "Jedes zweite Rockkonzert sieht doch heute aus wie eine Mischung aus ,Zoo TV' und ,PopMart'", gibt der 50-jährige Brite, der auch schon Tourneen für George Michael, R.E.M., David Bowie oder Laurie Anderson konzipiert hat, in Interviews stolz zu Protokoll. "Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, dass es mal eine Zeit ohne gigantische Videoscreens und einen Laufsteg ins Publikum gab." Jetzt will sich Williams noch einmal selbst übertreffen. Deshalb inszeniert er die 360-Grad-Tour jetzt als eine High-Tech-Messe der dritten Art und greift dabei auf den neuesten Stand der Technik zurück.

Bei "Zoo TV" hingen bunte Trabbis von der Bühnendecke, von überdimensionalen Leinwänden flimmerten wirre Slogans. Bono trat im Mephistokostüm auf und filmte sich selbst mit einer Videokamera, deren Aufnahmen zeitgleich auf die Bildschirme übertragen wurden. Bei "PopMart" dominierte ein gigantischer Bogen, der an ein halbiertes McDonalds-M erinnerte, und die Band entstieg einer riesigen Zitrone - das Ganze wirkte wie eine bonbonbunte Mischung aus Las Vegas und Autokino.

Diese "ironische" Phase hat die Band jedoch längst hinter sich gelassen: Auf der 360-Grad-Tournee kann sich das Publikum nun wieder auf Botschaften von erwartbarer Eindeutigkeit gefasst machen. So fordern U2 auf ihrer Webseite ihre Fans dazu auf, sich Masken von Aung San Suu Kyi herunterzuladen, der Nobelpreisträgerin und Oppositionspolitikerin aus Birma. Zu dem Song "Walk on" sollen sie dann im Stadion aufgesetzt werden, als Geste gegen das Militär-Regime in dem südasiatischen Land. Ein anderer Nobelpreisträger, Südafrikas Erzbischof Desmond Tutu, wird per Video eine Grußbotschaft verlesen und zum Kampf gegen Hunger und Aids mahnen; außerdem will Bono während der Show per Live-Schaltung ein wenig mit den Astronauten auf der internationalen Raumstation ISS plaudern.

Höher, größer, weiter: Mit immer neuen Superlativen scheinen die vier irischen Millionäre jene Langeweile bekämpfen zu wollen, die sich wohl zwangläufig einstellt, wenn man auf dem Gipfel des Ruhms steht und alles erreicht hat, was es menschenmöglich zu erreichen gibt, bis auf den Weltfrieden natürlich - aber auch daran arbeitet Bono bekanntlich unermüdlich.

Für die hundert bis zweihundert Arbeiter, die eine Woche lang jeden Tag in diversen Schichten rund um die Uhr im Olympiastadion am Werk sind und für die Band den 680 Tonnen schweren Rahmen vorbereiten, sind diese Gimmicks eher nebensächlich. Je nachdem, welche Handgriffe sie tun, gliedern sie sich in "Steelhands", "Pusher" oder "Ground Support", wie sie im Fachjargon heißen. "Hier können sie zeigen, was sie können", sagt Uwe W. anerkennend über die Männer, die sonst meist auf ganz normalen Baustellen zu Gange sind. "Im Stadion einen Kran zu lenken, das ist schon Feinarbeit."

Ein Bus fährt gerade ins Stadion ein und bringt das Catering für die Crew in die Katakomben. "Der Frust hat allerdings zugenommen", gibt Uwe W. jedoch zu bedenken. "Manche arbeiten hier für neun Euro die Stunde und haben damit eine Familie zu ernähren. Das große Geld, was mit solchen Konzerten verdient wird, bleibt alles auf den oberen Etagen hängen. Und die feiern sich auch noch immer schamloser dafür."

Kralle schafft Jobs

Kein Wunder, denn das Konzertwesen ist schließlich inzwischen der letzte Zweig der darbenden Musikindustrie, der noch Zuwächse verbuchen kann. Das erklärt, warum U2 kürzlich einen millionenschweren Zwölf-Jahres-Vertrag mit dem amerikanischen Konzertveranstalter LiveNation abgeschlossen haben. Eine Tournee der irischen Rockband, die wie ein mittelgroßer Konzern agiert, gleicht einem staatlichen Konjunkturprogramm, so viele Arbeitsplätze hängen daran. Das Gerüst für die Riesenkralle etwa stammt von der Firma "Stage Co" aus dem belgischen Werchter, die auch für Robbie Williams und die Rolling Stones die Bühnen baut.

Gleich drei der riesigen Stahlskelette wurden für die "Kralle" zusammengeschraubt, damit immer schon eine Bühne vor Ort aufgebaut werden kann, wenn anderswo noch eine andere im Einsatz ist. Überzogen wird das Gerüst mit einer 1.500 Quadratmeter großen hellgrünen PVC-Hülle, an der alleine schon 45 Mitarbeiter einer Firma in Wales genäht haben. Und der runde und bewegliche LED-Screen, das Kernstück der Show, wurde in den Werkshallen der belgischen Firma Barco bei Brüssel hergestellt, einem Markführer in Sachen Video-Technologie.

"The last of the rock stars, when HipHop drove the big cars", beklagte sich Bono süffisant vor einigen Jahren in dem Song "Kite": Er sei der Letzte aus der aussterbenden Spezies der Rockstars in einer Zeit, in der lediglich im HipHop noch die großen Limousinen gefahren würden. Doch im musikalischen Schwanzvergleich, den eine Stadiontour unweigerlich darstellt, stellt er mit der 360-Grad-Tour nun unter Beweis, dass er immer noch den Größten besitzt.

Ob sich seine "Kralle" mit ihrem Monstersound auch im Berliner Olympiastadion bewährt, muss sich am Samstag bei der Premiere zeigen. Keine einfache Aufgabe, denn die grauen Steinmauern der Nazi-Schüssel von 1936 schlucken viel Schall. Sie haben schon eine Menge Bands kommen und gehen sehen - und so manches ausgeklügelte Klangkonzept zu einem diffusen Soundbrei zermalmt. Uwe W. ist skeptisch: "Diese Mauern stehen schon länger, als es U2 gibt", meint er. "Und sie werden noch stehen, wenn U2 lange Geschichte sind! " Mal sehen, wer Samstagabend den Sieg davonträgt.

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