Transgenialer CSD in Kreuzberg

Frauen, holt die Bärte raus!

Die Parade in Kreuzberg beginnt lahm, verwandelt sich aber in ein rauschendes Fest. Anzeige gegen Rapper.

Frauen holen die Bärte und die Männer ihre Hüte raus. Bild: AP, Maya Hitij

Die Stimmung am Heinrichplatz in Kreuzberg ist ausgelassen. Etwa 2.500 Menschen feiern am Samstagabend bei Cocktails, Sekt, Electro- und Balkanbeats den Abschluss des transgenialen Christopher Street Day. Zum zwölften Mal findet die Parade statt; sie versucht, klare politische Statements mit unkommerzieller Party zu verbinden und sich vom zeitgleichen "großen CSD" abzugrenzen. Das Publikum ist bunt gemischt: Familien, Lesben, Schwule, Transgender, Heteros - typisch Kreuzberger Kiez eben.

Doch einige verkleidete TeilnehmerInnen sorgen für Verwirrung: Männer tragen schicke Frauenkleidern mit Stöckelschuhen, Frauen haben sich Bärte aufgeklebt. Manche sind so verändert, dass sie nicht mehr eindeutig einem Geschlecht zuzuzuordnen sind. "Die Besonderheit am Kreuzberger CSD ist die starke Präsenz queerer Lebensweisen", sagt eine der Organisatorinnen. "Wir lassen uns in keine Schublade stecken, sind mehr als schwul, lesbisch oder trans."

Den meisten Teilnehmern geht es nicht nur darum, Lebensentwürfe abseits der Zwei-Geschlechterordnung zu verteidigen oder zu feiern - angegangen wird die Normalität, in der viele Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung ausgegrenzt würden. "Hier wird Gesellschaftskritik geübt, darum bin ich hier", meint eine junge Frau - klar erkennbar - mit großer rosa Brille. Ein Mann mit Glitzerbart und Prinzessinnenkrone findet die Leute "authentischer" als auf dem CSD in Schöneberg, und ein Mensch mit Basecap, Bart und schwarzen Samthandschuhen polemisiert gegen die "weiße deutsche Hetero-Gesellschaft". Lautstark ist im Hintergrund eine Sambagruppe zu hören: "Fight Homophobia"!

Zu Beginn der Parade am Boxhagener Platz in Friedrichshain wirkte der Großteil der Protestierenden jedoch noch reichlich verkatert. Nur eine Gruppe fröhlicher Lesben fällt auf. Auf selbstgebastelten Schildern stehen Phrasen wie "lustfeindliche Lesbe", "Spaßbremse" und "Männerhasserin". So brechen sie humorvoll mit gängigen Vorurteilen. Vom Lautsprecherwagen klingen Texte gegen Gewalt, Rassismus und Homophobie; zudem für einige politische und kulturelle Projekte im Bezirk. In Anlehnung an die "be Berlin" Kampagne des Senats trägt ein Mann ein Schild: "Sei nicht homophob, sei Kreuzberg".

Tumult kommt auf, als Rapper Bushido am Rand der Route am Schlesischen Tor gesichtet wird. Ein verbaler Schlagabtausch entwickelt sich zwischen einigen Demonstranten und dem Musiker mit frauenfeindlichen und homophoben Texten. Er macht das, womit er viel Geld verdient: Cool dem Klischee entsprechen und Kleinhirn beweisen. "Ihr seid Lesben? Ihr wurdet einfach nicht ordentlich durchgefickt", soll er laut Anmelderin der Menge zugerufen haben.

Kurz darauf ist er von Polizisten und einer Gruppe Demonstranten umringt. "Verpiss dich" und "Sexistenschwein" rufen sie. Bushido kontert: "Ihr seid doch eh keine Männer - euch nehm ich nicht ernst". Die Veranstalter erstatten Anzeige wegen Beleididung, einer seiner Begleiter soll auch eine Flasche geworfen haben. Der Rapper wird zu seinem Auto gebracht und der aufgebrachte Umzug zieht weiter zum Heinrichplatz. Bis in die Abendstunden ist dort die Party noch in vollem Gange. Tilla Masberg

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„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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