Ufa-Fabrik feiert 30. Geburtstag

Betriebsjubiläum bei der Großstadtkommune

1979 nahmen 100 Späthippies die Ufa-Fabrik in Berlin-Tempelhof "wieder in Betrieb" und gründeten eine Kommune. Heute führen die ehemaligen Besetzer einen professionellen Kulturbetrieb.

Die Kommune in ihren Anfangstagen Bild: UfaFabrik

Die weißen Plastikstühle sind noch nach vorne gekippt, der Regen hat gerade erst aufgehört. Cäcilia Karnasch hat nicht mehr viel Zeit, die Stühle zu säubern, in einer Stunde beginnt das Bühnenprogramm auf dem Gelände der Ufa-Fabrik. Im Freien, wenn auch nicht unter freiem Himmel; eine große Plane ist über die Bühne gespannt, auf der gleich Tanz, Musik, Zirkus und Theater aufgeführt werden. Trotz Europawahl, Fahrradsternfahrt und Herbstwetter sind viele Berliner, vorwiegend aus der Nachbarschaft, zum Familiensonntag der Ufa-Fabrik gekommen. Das ehemalige Kopierwerk wurde am heutigen Dienstag vor 30 Jahren besetzt, oder - wie es die Bewohner gerne sagen - "friedlich wieder in Betrieb genommen".

Cäcilia ist 22 und ein Kind dieser Großstadtkommune. Sie wurde hier geboren und ist auf dem fast zwei Hektar großen Gelände aufgewachsen. "Es war schon toll. Die anderen Kinder waren wie Brüder und Schwestern, die Erwachsenen wie Onkel und Tanten für mich. Eine große Familie", sagt sie, während sie durch die Stuhlreihen geht und den letzten Schmutz von den Sitzflächen wischt. Sie selbst tritt später mit ihrer Band auf, früher war sie Clown beim Ufa-Kinderzirkus. Ihre Mitschüler waren oft neidisch auf ihre vermeintliche Freiheit und das Abenteuer, den Kinderbauernhof und die Zirkusschule. Sie war es manchmal auch, auf die Otto-Normalverbraucher-Familien, in denen die Kinder ein eigenes Zimmer hatten. "Ich hätte mir einfach ein bisschen mehr Intimität gewünscht", erklärt Cäcilia.

Vor zwei Jahren ist sie ausgezogen und hat in Kreuzberg mit anderen Ufa-Kindern eine WG gegründet. Ganz lösen von ihrer Großfamilie konnte sie sich damals noch nicht. Die WG ging auseinander, jetzt lebt Cäcilia wieder zusammen mit ihrer Mutter in der Ufa-Kommune und finanziert sich ihr Studium, in dem sie abends die Kulturveranstaltungen mitorganisiert. Dauerhaft bleiben möchte sie nicht. "Ich will noch mal ins Ausland und dann meine eigene Familie gründen, aber sicher nicht in der Ufa-Fabrik", sagt sie, ohne lange nachzudenken. Man muss schließlich beide Seiten der Gesellschaft kennenlernen.

Die Besetzer der Ufa-Fabrik waren 1979 etwa so alt wie Cäcilia heute und hatten genug von den Otto-Normalverbraucher-Familien. "Wir kamen aus verschiedenen linken Strömungen, waren junge, enthusiastische Menschen", sagt Gründungsmitglied Sigrid Niemer. Ideen zu Ökologie, regenerativen Energien und alternativen Kulturkonzepten verbanden die Gruppe. Niemer sitzt im Hosenanzug im Ufa-Fabrik-eigenen Café Olé, das modern eingerichtet ist und aussieht wie jedes andere Café der Stadt. Sie lacht viel, wenn sie sich an Vergangenes erinnert. Es ist ein ansteckendes Lachen. Begegnete man ihr auf der Straße, würde man wohl nicht vermuten, dass sie seit 30 Jahren Mitglied einer Großstadtkommune ist.

Das Gelände, auf dem die Ufa früher Filme mit Marlene Dietrich vertont und kopiert hatte und das in den 70ern zu verfallen drohte, war ideal für die Gruppe. Sieben Gebäude mit verschieden großen Räumen und ausreichend Freiflächen. "Wir suchten etwas, wo wir wohnen und arbeiten und ein Kulturzentrum errichten konnten", sagt Niemer. Also besetzten 100 Künstler, Musiker und Lebensartisten das Gelände, sie luden die Nachbarschaft ein, führten Gespräche mit dem Senat und bekamen nach drei Monaten einen ersten Mietvertrag. Knapp die Hälfte der Besetzer bezog das Gelände.

Kulturelle Veranstaltungen brachten Geld in die Gemeinschaftskasse, das meist sofort wieder für Renovierungsarbeiten ausgegeben wurde. Die Gruppe lebte und arbeitete zusammen, sie teilte sich ein Bad, eine Küche, wenige Zimmer und das Geld. Jede Entscheidung wurde im Plenum oft stundenlang diskutiert, bis ein Konsens gefunden war. "Wir folgten einer alten Indianerregel: Nach innen diskutieren und streiten, nach außen mit einer Stimme sprechen", erinnert sich Niemer. Der Kulturbetrieb lief mit einem Zirkus, Varieté und Musik an. Dazu gab es eine Biobäckerei mit Bioladen, den Kinderbauernhof und das Nachbarschaftszentrum.

Aus steuerrechtlichen Gründen mussten die Ufa-Bewohner Mitte der 80er-Jahre ihre Projekte in angemeldete Betriebe und Vereine umwandeln. "Für diese neue Form des gemeinsamen Wirtschaftens hätte es auch neue Gesetze geben müssen", sagt Niemer. Sie wirkt noch heute empört über die starren Regeln, denen sie sich unterwerfen mussten. Das Kulturzentrum ist seitdem als Dachverein organisiert mit zwölf unabhängigen Betrieben, Geschäftsführern, Hierarchien, Verwaltung und Konten. 200 Menschen arbeiten in der Ufa-Fabrik. Die 30 Bewohner, die auf dem Gelände leben, zahlen Pauschalmieten. Es gibt kein gemeinsames Mittagessen mehr, und auch das Plenum wird nur noch selten einberufen.

"Damals wollten wir alles selbst machen und die Welt damit verändern", sagt Gaby Happe, die seit 25 Jahren in der Ufa-Fabrik wohnt. "Der anfängliche totale Enthusiasmus ist einer gewissen Ordnung gewichen", sagt sie. Bedauern tut sie es nicht. Diese Strukturierung habe ja auch einige Vorteile im Gegensatz zu damals. "Geblieben ist auf jeden Fall das Gefühl einer großen Familie."

Die gesellschaftliche Akzeptanz hat sich auch gewandelt. Kamen früher Schüler aus ganz Westdeutschland beim traditionellen Berlinbesuch an ihren freien Nachmittagen in das alternative Kulturzentrum, so werden sie heute von ihren Lehrern in die Ufa-Fabrik geschickt um sich das kulturelle Abendprogramm anzusehen, erzählt Niemer.

Die Ufa-Leute sind Routiniers geworden. Zwei Drittel der Bewohner leben seit mindestens 25 Jahren zusammen. Die Kultur- und Sozialarbeit ist professionalisiert und das Private längst nicht mehr so öffentlich wie früher. Jeder hat eigene Räume. "Damals war es in Ordnung, wenig zu schlafen, viel zu feiern, immer meine Leute um mich herum zu haben. Heute bin ich froh, wenn ich ein Wochenende lang niemanden sehe", sagt Gründungsmitglied Niemer. Fragt man sie, ob die Ufa-Fabrik noch eine Kommune, ihre Mitbewohner Kommunarden sind, winkt sie ab. Sie mag keine festen Zuschreibungen. "Wir sind einfach die Betreiber der Ufa-Fabrik und machen, was wir für richtig halten."

Das scheint bei der Bevölkerung anzukommen. "Die Ufa-Fabrik belebt unseren Bezirk enorm", sagt Wolfgang Gierlich, der beim Familiensonntag für die Nachbarschaft mit seinem 9-jährigen Sohn zwischen Sackhüpfstation, Bratwurstbude und Kinderbauernhof steht. Kulturell sei immer was los hier, erklärt er. Kostenlos ist der Nachmittag nicht. Die Spielkarte für die Kinder kostet 2,50 Euro, Ponyreiten und Schminken jeweils 1 Euro. Vor zwanzig Jahren hätten die Ufa-Leute das wohl als kapitalistisch abgelehnt.

GABY HAPPE, UFA-FABRIk

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