Tiananmen-Massaker

Der Unermüdliche

Hunderttausende Hongkonger werden heute an das Tiananmen-Massaker erinnern. Cheforganisator der Proteste ist Szeto Wah.

Szeto Wah am Tiananmen-Denkmal "The Pillar of Shame" in Hongkong. Bild: ap

HONGKONG taz | Wenn morgen alles vorüber sein wird, dann wird dieser alte Herr mit den verschlossenen Gesichtszügen weitermachen. Die Kerzen mögen abgebrannt sein im Victoria Park, und die Hunderttausende Demonstranten werden wieder an ihre Alltagssorgen denken. Doch nicht so Szeto Wah. Etwas Unsichtbares treibt diesen hageren Mann an, und es gönnt ihm keine Ruhe.

Zu beobachten ist das beispielsweise, wenn Szeto von einem Termin zum nächsten hastet. Dann geht der 79-Jährige so schnell durch Hongkongs U-Bahn-Stationen und Straßenschluchten, dass seine weitaus jüngeren Begleiter ihn mehrmals aus den Augen verlieren. Seine Schritte setzt er in der Sieben-Millionen-Metropole so sicher, als gäbe es nicht die Menschenmengen um ihn herum. Immer wieder werfen die ansonsten kühlen Hongkonger scheue Blicke auf ihn. Für viele hier ist dieser gebrechliche Mann ein Symbol der Freiheit ihrer einzigartigen Stadt.

Nun steht Szeto, ein Mikrofon in der Hand, wieder einmal vor einem der vielen Einkaufszentren seiner Heimatstadt. Tausende Menschen strömen in die Sha Tin New Town Plaza im Norden Hongkongs. Manche bleiben stehen, als Szeto mit überraschend kraftvoller Stimme auf Kantonesisch sagt: "Ich bin heute hier, um an jene zu erinnern, die sich vor 20 Jahren für ihr Land geopfert haben. Wir haben sie nicht vergessen. Ich bin glücklich, denn auch viele junge Leute haben sich heute hier versammelt, um deine Stimme aus dem fernen Peking zu hören. Wir alle hören jetzt Ding Zilin, eine der ,Mütter von Tiananmen'."

Dann dringt eine Telefonstimme durch die Lautsprecher. Eine Frau berichtet mit erstickter Stimme, endlich sei es ihrer Organisation gelungen, eine Dokumentation über die Geschehnisse jenes Juni 1989 zu erstellen. "Wir wollen den jungen Leuten erzählen, was damals wirklich geschehen ist." Danksagung, Applaus, Abgang Szeto Wah. Er hat nicht viel Zeit für Betroffenheit.

In der U-Bahn zum nächsten Termin klappt Szeto sein kleines grünes Notizbuch auf. Die Schriftzeichen darin sehen aus wie gemalt. Sie erinnern daran, dass Szeto einmal Lehrer war, bevor er Chef der einflussreichen Lehrergewerkschaft wurde. Damals, als es in Hongkong noch keine Parteien gab. "Zwölf Veranstaltungen in den nächsten drei Tagen", sagt er. Die Interviewtermine hat er nicht mitgezählt. Die erledigt er nebenbei.

Seit 20 Jahren organisiert er die jährlichen Demonstrationen zur Erinnerung an den 4. Juni 1989. In diesem Jahr werden voraussichtlich besonders viele Menschen kommen. Um zu zeigen, dass die chinesische Regierung zwar auf dem Festland das Gedenken des Massakers unterdrücken kann - aber nicht hier in Hongkong.

Immer wieder hat Szeto Wah, ausgesprochen "Situ Hua", die Mächtigen in Peking als "Triaden" beschimpft. Als Verbrecherbanden, die ihre Macht durch Einschüchterung und Willkür sichern. Hat er keine Angst, dass die Kommunisten sich an ihm rächen? "Ich habe jedes Recht zu tun, was ich tue. Als wir die ,Allianz' gründeten, schrieb eine staatliche chinesische Zeitung, wir seien eine antichinesische Gruppe. Wir haben uns über ihre Dummheit halb totgelacht. Ich liebe mein Land. Ich mag nur seine Regierung nicht."

Die "Allianz" ist der Grund, weshalb sich bis heute Menschen in der U-Bahn nach Szeto umdrehen. Als die Proteste in Peking im Mai 1989 zunahmen, gründeten Szeto und andere Demokratie-Aktivisten die "Hongkonger Allianz zur Unterstützung patriotischer demokratischer Bewegungen in China". Seither wählen ihre Mitglieder Szeto jedes Jahr zu ihrem Vorsitzenden. Die Organisation fordert unermüdlich die Freilassung aller Dissidenten in China, die Rehabilitation der Demokratie-Bewegung und ein Ende der Einparteienherrschaft. "Ich schlief in der Nacht auf den 4. Juni nicht, sondern saß geschockt vor dem Fernseher", erzählt Szeto. Bei einer Protestveranstaltung am nächsten Tag hatte er einen Schwächeanfall. Nach der Niederschlagung der Bewegung halfen Allianz-Mitglieder, Verfolgte heimlich über Hongkong in die USA zu schaffen. Szeto und andere erhielten anonyme Morddrohungen. Seit zwanzig Jahren darf er China nicht mehr besuchen.

Seinem Elan hat all dies nichts anhaben können. Mit leerem Magen fahrt er zum nächsten Termin, diesmal zur überfüllten Einkaufsmeile im Viertel Mong Kok. Touristen und Einheimische suchen hier in der schwülen Sommerhitze nach günstigen Kleidern und Kameras. Wieder ein paar Worte ins bereitgestellte Mikrofon, wieder ein paar Fotos. "Wir hoffen alle, dass Onkel Wah, wie wir ihn nennen, bei guter Gesundheit bleibt", sagt Raymond Wong Yuk-man. Wong hat eine laute, heisere Stimme, die er seit Jahren als Radiomoderator einsetzt. Im vergangenen Jahr erkämpfte er sich in dieser Gegend einen Parlamentssitz. Und was, wenn "Onkel Wah" einmal stirbt? "Wir haben viele gute Leute", antwortet Wong mit breitem Lächeln - und zeigt auf sich. Am Ende skandieren Szeto, Wong und ihre Mitstreiter im Chor ihre Appelle, fordern eine demokratische Regierung für ganz China. Vielleicht rufen sie seit einiger Zeit besonders laut.

Als vor 20 Jahren die Bilder brennender Barrikaden und blutender Zivilisten Hongkong erreichten, demonstrierten binnen Stunden mehr als eine Million Einwohner, mit Kerzen in den Händen. Tagelang waren Menschen, Taxis und ganze Häuser in Schwarz gehüllt. Die Aussicht auf einen Anschluss ans Riesenreich trieb Tausende ins Exil. Heute ist von der Angst vorm großen Bruder wenig geblieben.

Das von den Briten in den 90er-Jahren durchgesetzte Stadtparlament, der Legislative Council, wird bis heute zur Hälfte demokratisch gewählt. Und viele denken mit Dankbarkeit an das Jahr 2003. Damals begann eine Rezession Hongkongs Wirtschaft hinabzuziehen, und die Sars-Epidemie schreckte Touristen ab. In dieser Situation lockerte Peking überraschend die Einreisebestimmungen für Festlandschinesen. Geld floss wieder in die Stadt.

Mindestens ebenso wichtig für die Haltung vieler Hongkonger ist, was sie seit 1989 jenseits der Grenze haben beobachten können. Auf den Punkt brachte diese Stimmungslage der Peking-freundliche Chief Executive der Stadt, der Nachfolger der britischen Gouverneure. In einer Parlamentsdebatte sagte Donald Tsang vergangene Woche: Er spreche "für alle Hongkonger", wenn er eine "objektive Beurteilung" der Geschehnisse des 4. Juni fordere angesichts der ökonomischen Entwicklung Chinas. Zwar sah sich Tsang genötigt, kurz darauf um Entschuldigung zu bitten. Doch laut einer Meinungsumfrage der Universität Hongkong haben seine Worte seiner Beliebtheit nicht geschadet. Tsang mag nicht für alle Bewohner der "Sonderverwaltungsregion Hongkong" sprechen, aber für viele.

"Solche Äußerungen entmutigen mich nicht", sagt Szeto auf dem Weg zu seiner Wohnung im dicht bebauten Stadtteil Mong Kok. "Sie spornen mich erst richtig an." Der Aufzug in dem unscheinbaren Wohnhaus braucht lange, bis er den 16. Stock erreicht. Hier lebt Szeto zusammen mit seiner Schwester. Geheiratet hat er nie. "Als meine Freundin starb, entschied ich mich, allein zu bleiben", sagt er, ohne aufzublicken. "Ich habe es nie bereut."

Zwei Zimmer, Wohnküche, Bad. Eine Klimaanlage sperrt die Hitze aus. Auf dem Tisch stapeln sich Bücher chinesischer Philosophen. Dazwischen liegt die Bibel. Er ist gläubiger Katholik.

Szeto fordert Nachdruck

Neben der Couch stehen eine Liege und ein Blutdruckmessgerät. Warum tut er sich den Stress noch immer an? "Wir müssen nachdrücklich sein, einen ehrlichen Bericht über die Geschehnisse jenes Jahres fordern", sagt Szeto, hebt und senkt zur Bekräftigung immer wieder seine linke Hand. "Wie sollen wir sonst Menschen wie die ,Mütter von Tiananmen' motivieren, ihre Meinung zu äußern?"

Eine letzte Frage. Eine Zeitung hat ihn einmal mit den Worten zitiert: "Ich war eines von acht Kindern. Meine Mutter konnte mir nur ein Achtel ihrer Liebe geben. Ich wollte mehr." Wie passen diese Sätze zum strengen Schulmeister mit dem verschlossenen Gesicht? Als Szeto antwortet, ruht seine linke Hand auf der Couch.

"Stimmt, das habe ich gesagt. Meine Mutter starb, als ich elf war. Weil mir diese Liebe fehlt, will ich sie anderen Menschen geben. Wenn du andere Menschen liebst, wirst du diese Liebe um dich herum spüren." Und für einige Sekunden hellen sich Szetos Gesichtszüge auf. Seine Wangen heben sich zu einem breiten Lächeln, seine dunkelbraunen Augen sind weit geöffnet. "Heute spüre ich diese Liebe."

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