Computerspiel-Kritikerin Regine Pfeiffer

Allein gegen "World of Warcraft"

Regine Pfeiffer will verstehen, warum so viele nach dem Computerspiel "World of Warcraft" süchtig sind. Ihr Ziel: eine Altersfreigabe erst ab 18.

"World of Warcraft" kann abhängig machen - meint Regine Pfeiffer. Bild: dpa

Am Abend vorher schreibt sie eine Mail, ihre Klingel sei kaputt, "also vergessen Sie ihr Handy nicht". Ich rufe an, als ich in vor ihrer Haustür stehe. In Dortmund, Innenstadt-Ost. Auf der anderen Straßenseite erstreckt sich hinter einer Mauer weit und grün der Ostenfriedhof. "Sie sind aber pünktlich", scheppert es aus dem Mobiltelefon. Regine Pfeiffer hat eine tiefe Stimme. Sympathisch verraucht klingt sie, und nach Whiskey. Der Türöffner summt. Ich betrete das Treppenhaus. Aus dem ersten Stock ruft sie schon: "Wie sind Sie denn hergekommen, mit dem Auto oder mit dem Zug?" Sie steht oben in der Wohnungstür: Regine Pfeiffer. Die "Spionin in World Of Warcraft." So nennt sie sich selbst. Sie ist 68 Jahre alt.

Doch sie spioniert nicht nur dort: Auch die Third Shooter-Spiele "GTA San Andreas" und das Electronic Arts-Pendant "Der Pate" haben es ihr angetan. Zum ersten Mal stand sie in der Öffentlichkeit, als sie letztes Jahr im November in München auf dem Kongress "Computerspiele und Gewalt" in einer Wortmeldung den Computerspiel-Hersteller Electronic Arts als "Schweinefirma" bezeichnete, weil "Der Pate" ihrer Meinung nach Gewalt verherrliche.

Seit mittlerweile über einem Jahr untersucht Regine Pfeiffer nun "World of Warcraft" (WoW). Sie interessiert sich für die Darstellung von Gewalt und für das Suchtpotenzial des Online-Rollenspiels. "Ich bin sehr tief in dem Spiel drin", sagt sie, "mir kann keiner was erzählen, ich kenne es sehr gut."

Ihre Thesen: WoW kann abhängig machen, die im Spiel dargestellte Gewalt ist für eine Altersfreigabe ab 12 zu explizit. Ihre Ziele: Das Spiel soll erst ab 18 erhältlich sein und Spielesucht soll als Abhängigkeitssyndrom anerkannt werden.

Regine Pfeiffer spielt nicht selbst. Am Anfang hat sie es mal versucht, da hieß ihre Spielfigur "Black Ronja", eine Kombination aus den Namen ihrer beiden Hunde. Aber sie merkte bald, dass sie nicht richtig mithalten konnte. Also änderte sie ihre Strategie. Jetzt beschäftigt sie bezahlte Spieler Anfang 20. Mehrmals in der Woche kommt jemand zu ihr und loggt sich in die WoW-Welt ein. Dann spielt er, vier, fünf Stunden, für einen ordentlichen Stundenlohn. Regine Pfeiffer schneidet alles, was auf dem Bildschirm geschieht, mit. "Ich will wissen, verstehen Sie?"

Als Lehrerin für Deutsch und Englisch war sie 1986 eine der ersten, die sich für die neu aufkommenden Computer interessierte. Schnell gab sie Kurse, in denen sie ihren Schülern beibrachte, mit zehn Fingern zu tippen. Ihr Interesse an der Gewalt in Computerspielen ist aber auch familiär bedingt. Auch wenn sie sich dagegen wehrt, immer als "die Schwester von" zu bezeichnet werden: Sie ist nun mal die Schwester von Christian Pfeiffer, der als Leiter des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen (KFN) einer der prominentesten Gegner von Spielen mit mehr oder weniger gewalttätigem Inhalt ist. "Irgendwann hab ich gesagt: Christian, du darfst nicht immer nur wissenschaftliche Diagramme präsentieren, du musst den Leuten auch mal zeigen, was in den Spielen vorkommt! Und da hat der mich ganz verdutzt angeschaut und ich hab ihm versprochen, dass ich das für ihn mache."

Mittlerweile hat sie unzählige Videos aus diesen Sessions auf ihrer Festplatte lagern. Zum Beispiel eins, in dem der Spieler einen Gegner umbringt und dessen Leiche dann von Ratten bis auf die Knochen abnagen lassen muss. Und eins, in dem der Spieler auf einem großen Flugtier sitzt, das über die Täler und Berge von Azeroth fliegt - als Beleg dafür, dass das Spiel auch wunderschön sein kann.

Die Videos schaut sie an und wertet sie aus. Genau wie die vielen tausend Seiten heruntergeladener Betroffenenberichte, in denen süchtige Spieler über ihre Abhängigkeit berichten. Vor etwa einem Jahr, als in einem Vortrag über Computerspiele schon wieder Korea erwähnt wurde, dachte sich Regine Pfeiffer, dass sie da jetzt mal hin muss.

In Korea nämlich habe aufgrund der dichten Versorgung mit Internet-Breitbandkabel Sucht nach Computerspielen einen ganz anderen Stellenwert als hier, sagt sie. Also ging sie ins Reisebüro, buchte Flug, Unterkunft und Dolmetscher, flog nach Seoul und besichtigte die Ausmaße der Computerspielsucht. Sie erzählt von Internetcafés, sogenannten PC-Baangs, in denen den ganzen Tag lang gezockt wird. 22.000 solcher PC-Baangs gibt es in Seoul, Regine Pfeiffer zeigt Fotos, sie hat sich einige angeschaut. "Ich hab die gefragt, ob ich meine Mails checken kann, und dann Fotos gemacht. Die Spieler haben nichtmal mit der Wimper gezuckt. Grauselige Orte." In Seoul traf sie sich auch mit Experten, trieb Forschungsaufsätze und wissenschaftliche Berichte auf, die sie dem KFN übergab. Die Mitarbeiter des KFN waren arg skeptisch, bevor sie geflogen sei, erinnert sie sich. Als sie zurück kam, war es ein Triumph.

Aber ein ganz schön kostspieliger. Denn: Regine Pfeiffer ist ihre Unabhängigkeit sehr wichtig, die will sie auf keinen Fall verlieren - und deswegen zahlt sie alles selbst, sagt sie. Ihre Ausflüge, die Spieler, Hardware, Software, alles. Seit eine Studie ihres Bruders im März die Öffentlichkeit aufheizte, es gebe Jugendliche, die süchtig seien vom Computerspielen, ist Regine Pfeiffers Wissen sehr gefragt. Zur Zeit arbeitet sie mit der Polizei Dortmund an einem Projekt, sie geht in Schulen und hält Vorträge in ganz Deutschland.

Darin zeigt sie mit ihren Videos, wie gewalttätig das Spiel ist, und erzählt Geschichten von der Spielesucht. Wie zum Beispiel die der Familie Hirte, die mit der Selbsthilfeportal www.rollenspielsucht.de und unter dem Titel "Wir haben unseren Sohn an das Internet verloren" 2007 öffentlich machte, dass der älteste Sohn den Kontakt zur Familie ganz abgebrochen hat und nur noch WoW spielt. Regine Pfeiffer kennt eine Menge solcher Geschichten. Letztens beklagte sich eine Mutter, ihr Sohn gebe sein Geld nur noch für WoW-Gebühren aus - und für Pampers. Damit er nicht mehr vom Computer aufstehen müsse. "Ja, die Leute schauen immer so wie Sie jetzt, wenn ich das erzähle. Ich hab nicht so geschaut, ich weiß warum. In den USA ist jetzt eine kleine Hütte konzipiert worden für Computerspieler. Mit Klo, Küche und Mikrowelle drin."

Die Spionin erklärt: Je länger man spielt, je mehr Zeit man also mit WoW verbringt, desto wertvoller wird die eigene Spielfigur. Belohnungen gibt es nur unregelmäßig, das Spiel weist großen Glücksspielcharakter auf und sorgt so für fieberhafte Aufmerksamkeit. "Ich vergleiche das immer mit einem Hund: Am Anfang bekommt er immer ein Leckerli, und dann, wenn er es gelernt hat, wird er unregelmäßig belohnt." Dazu kommt, dass Spieler sich in Gilden zusammen schließen. Der gruppendynamische Druck, immer pünktlich zu kommen, wenn es sein muss, auch länger zu spielen, wiegt bei WoW schwer, sagt Pfeiffer.

Die Argumente der Gegenseite, Nachfragen, leichte Kritik - das hört sie nicht so gerne. Das sind doch nur Spiele? In Japan und Korea wird noch mehr gespielt, und trotzdem schneiden Schüler bei den Pisa-Tests ziemlich gut ab? Argumente der Verharmloserpartei!

Die wirklich drastischen Betroffenenberichte kommen nicht aus Deutschland, sondern aus den USA? Die Amerikaner schreiben offener, die deutschen Computerspieler labern halt auch viel! Läuft nicht etwas ganz anderes schief, wenn ein Kind computerspielsüchtig wird - zum Beispiel in der Gesellschaft, in der Familie, bei den Eltern? "Die Eltern müssen! Das ist so eine Augenwischerei! Ich könnte Eltern stundenlang die schönen Seiten von WoW zeigen und die würden nichts ahnen." Liegt vielleicht genau da das Problem, dass Computerspielsucht auch ein Symptom von krassem Desinteresse der Eltern an ihren Kindern ist? Regine Pfeiffer ist überzeugt, dass auch Menschen, bei denen vorher "alles in bester Ordnung" ist, abhängig werden können.

"Eine Freundin hat gesagt, ich sei besessen", sagt die Spionin und muss ein bisschen kichern. "Bin ich aber nicht. Ich habe meine Söhne, meine Brüder, meinen Hund, ich hab Freunde und ich lerne durch meine Vorträge viele nette Leute kennen. Oder glauben Sie, dass ich besessen bin?"

Als ich gehen will, kommt sie gleich mit. Einen Spaziergang machen mit Blacky. Bevor ich die Wohnungstür hinter mir schließe, kann ich mich irgendwie nicht dagegen wehren, sie zu fragen, ob sie den Schlüssel dabei hat. Sie hält inne und klopft ihre Taschen ab, und schon ist es mir unangenehm, dass ich gefragt habe. Sie findet ihn. "Vielen Dank", sagt sie. "Die Leute vom Schlüsseldienst halten mich schon für verrückt, weil sie so oft kommen müssen. Aber dem einen hab mal gezeigt, was ich so mache, und da war der ganz schön beeindruckt!"

Ein paar Tage später schickt sie eine E-Mail. Es gibt einen kleinen Erfolg zu vermelden. "Wir haben gestern das neue Pate-Spiel gespielt. Erstaunlich. Electronic Arts hat die Dinge, die wir so heftig kritisiert haben, rausgenommen. Es gibt die "Sizilanische Kerze als Begriff für das Verbrennen einer Person nicht mehr", schreibt sie. "Aber das sind ja nur Mini-Schritte. Die entsetzliche Druckanzeige, mit der die Angst des Opfers gemessen wird, ist immer noch drin."

Ob das, was Regine Pfeiffer so tut, wissenschaftlich ist oder nicht - darüber kann man streiten. Aber ernstnehmen sollte man sie.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de