Es geht doch auch ohne erigierte Penisse

GUTES QUEERES KINO Stephan Lacants „Freier Fall“ (Perspektive Deutsches Kino) arbeitet sich aus Stereotypen heraus und erzählt eine Coming-out-Geschichte schließlich so, dass die sexuelle Orientierung der Figuren nebensächlich wird

Frau fragt ihren Freund: „Bist du schwul?“ Er antwortet: „Nein, ich bin nicht schwul“. Sie schreit: „Was bist du dann?“ Eine Antwort bekommt sie nicht. Es sind Szenen wie diese, die „Freier Fall“ so einzigartig machen. Neun Jahre nach Marco Kreuzpaintners „Sommersturm“ umkreist Regisseur Stephan Lacant mit „Freier Fall“ das Thema Homosexualität ähnlich offenherzig und leicht– und beweist mit seinem Debüt, das die Perspektive Deutsches Kino auf der Berlinale eröffnet, wahrhaft Gespür für das Geschichtenerzählen fern stereotyper Bebilderungsstrategien.

Der Plot? Einfach: Der Bereitschaftspolizist Marc (Hanno Koffler) lebt den heterosexuellen Traum: Freundin (Katharina Schüttler) schwanger, Doppelhaushälfte von Mutti und Papi finanziert, Aussicht auf Karriere. Auf einer Fortbildung lernt er den wilderen Kollegen Kay (Max Riemelt) kennen. Beim gemeinsamen Lauftraining kommen sie sich näher.

Das alles klingt nach erheblich vorhersehbarer Coming-out-Geschichte. Ein wenig auch nach „Brokeback Mountain“. Doch Lacant gelingt es, diese Geschichte spannend und vor allem anders zu erzählen. „Auch wenn Homosexualität thematisch mitschwingt, geht es mir vorrangig darum, die dahinterliegenden archetypischen Konflikte aus Liebe, Hass, Verleugnung und Selbstfindung auszuloten“, sagt Lacant über seinen Film. Dass ihm das gelingt, hat er vor allem seinen Hauptdarstellern zu verdanken. Sie spielen ihre Rollen, ohne in Klischees zu verfallen, ohne leicht lesbare Charakterinterpretation. Sie spielen vor allem wahnsinnig körperlich – eine Fähigkeit, die vor allem Koffler und Schüttler beim Theater gelernt haben. Aber die nötigen Emotionen transportieren sich genau so, ohne dafür die Dialoge zu brauchen.

„Freier Fall“ wirkt insgesamt mutiger als so manch anderer Film, der sich klar als „queeres Kino“ begreift. Der Film muss nicht durch Hinzufügen prototypischer Bilder vorgeben, zu sein, was er nicht ist, er muss keine erigierten Penisse zeigen und auch keine banale Coming-out-Story erzählen, die tragisch endet, weil die Gesellschaft so böse ist. Nein, Lacant verhandelt schlicht die Geschichte eines Mannes, der sich neu verliebt und dessen neue Liebe seine Lebensentwürfe sprengt. Wie Max Riemelt und Hanno Koffler sich küssen, zärtlich mit Zunge: das sitzt.

Allerdings: Ganz ohne die herkömmlichen Bebilderungsdichotomie von Hetero- und Homosexualität kommt der Film nicht in die Gänge. Baby, Frau und Heim auf der einen Seite. Sex, Drogen und Clubbing auf der anderen. Und irgendwo dazwischen Homophobie am Arbeitsplatz. Dann aber wird die Situation vielschichtiger: Kay verliebt sich, stellt Ansprüche, will mehr als nur eine Affäre sein. Und von da an lösen sich die Dichotomien fast vollständig auf, die sexuelle Orientierung der Figuren wird nebensächlich.

Thema sind ab hier: Kontrollverlust, der Reiz neuer Erfahrungen, die Liebe samt ihren Konsequenzen. Lacant webt souverän an diesem komplexen emotionalen Geflecht – dessen schönster Moment sein überraschendes Ende ist.