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HELMUT HÖGE über den ersten Stahlpreisträger

Die Wiedergeburt des Stahlinismus – in Eisenhüttenstadt

Das Eko-Stahlwerk wurde 1950 in der strukturschwachen Oderregion auf Druck der Sowjets projektiert. Sowjetische Ingenieure leiteten auch die Planung. Die EKO-Baustelle wurde zu einem Sammelbecken für die unterschiedlichsten Menschen. Fast jeder dritte Beschäftigte stammte aus einer Familie, die aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten geflüchtet oder vertrieben worden war.

Am 10. April 1951 war Richtfest für den ersten Hochofen. Das Erz dafür kam aus Kriwoi Rog und die Kohle aus Schlesien. In den 80er-Jahren wurde der Betrieb vom österreichischen Konzern Voest-Alpine technologisch aufgerüstet. Zuletzt beschäftigte er 12.000 Menschen. Nach der Wende wollte die Treuhandanstalt ihn zunächst an die Krupp Stahl AG verkaufen. Aber die westdeutsche Stahlindustrie war sich einig, dass das EKO-Werk aus Gründen der Überproduktion geschlossen werden musste.

Der 50.000-Seelen-Ort Eisenhüttenstadt existierte jedoch nur vom und für das Stahlwerk. Deswegen konnte sich hier ein besonders zäher Widerstand gegen die Abwicklung entfalten. Gegen alle Widerstände der Stahlindustrie und der EU wurde das Werk an den belgischen Konzern Cockerill Sambre verkauft. Der wurde seinerseits von dem französischen Stahlkonzern Usinor übernommen und dieser von der Luxemburger Arcelor Gruppe.

Mit dem Bau des Warmeisenwalzwerks schloss sie 1997 die letzte Produktionslücke. Heute beschäftigt Eko 3.000 Mitarbeiter; in den Zuliefererbetrieben sind es noch einmal so viel. Und dank der hohen Stahlpreise sind die Gewinne derzeit mehr als zufrieden stellend.

Aus Verbundenheit mit der Stadt, deren SPD-Bürgermeister ebenfalls aus dem Stahlwerk stammt, hat Eko drei Stiftungen ins Leben gerufen: eine für den Kulturclub „Hans Marchwitza“, eine „Bürgerstiftung“ für das Soziale und eine „Stahlstiftung“ für die Kultur. Letztere fördert zum Beispiel die Ausstellungen des in Eisenhüttenstadt ansässigen Tübke-Schülers Matthias Steier. Generell geht es den Stiftern um die Förderung von Toleranz, Antineonazismus und, wegen ihres Stahlabsatzes, um eine gewisse Osteuropa-Orientierung, wie man mir erklärte.

Jetzt wurde erstmals der Stahlpreis für Literatur in Eisenhüttenstadt vergeben. Zum einen an die Gewinner eines städtischen Schüler-Schreibwettbewerbs und zum anderen an Wladimir Kaminer, den einer der Stifter als „idealen Schriftsteller für uns“ bezeichnete. Nicht nur arbeiten bereits etliche Ingenieure aus Russland und Litauen im Stahlwerk – sie haben meist in Freiberg studiert, wo die Studenten aus der Ex-UdSSR inzwischen 50 Prozent ausmachen. Es macht sich unter den jungen Deutschen auch eine zunehmende Abneigung gegenüber naturwissenschaftlich-technischen Fächern bemerkbar. So wurden zum Beispiel auf einer Bildungsmesse in Eisenhüttenstadt 50 Lehrstellen für den Beruf des Mechatronikers angeboten – aber es fand sich kein Bewerber mit einer besseren Mathematiknote als einer Vier, was Voraussetzung dafür war.

Zwar sind etwa 1.600 Russlanddeutsche nach Eisenhüttenstadt gezogen, aber noch mehr – vor allem junge Leute – von dort weg: Ganze Stadtteile mit Plattenbauten werden abgerissen. Dafür wird jedoch das zentrale Wohngebiet mit Stadtverwaltung und Theater, das komplett im sozialistischen Klassizismus errichtet wurde, sorgfältig renoviert, obwohl es teilweise mit einer Golddollar-Hypothek aus der Vorkriegszeit belastet ist.

In der Stadt „formte die gemeinsam erlebte Aufbauzeit eine starke Identifikation der Menschen mit dem Werk und ihrer Stadt und erzeugte gleichzeitig ein besonderes Eigentümerbewusstsein“, wie es in der Festschrift des Eko-Stahlwerks zum 50. Werksjubiläum heißt. Die neuen Eigentümer aus Westeuropa meinen darin: „Uns war von vornherein klar, dass jede Art von ‚Eroberermentalität‘, von ‚Wir sind die Erwerber, ihr seid gekauft‘, von ‚oben‘ und ‚unten‘ vermieden werden musste. Diese leider so oft angetroffene Fehleinstellung, aus der dann Antagonismen à la ‚Wessis versus Ossis‘ erwuchsen, hat es in unserem Fall nicht gegeben.“

Dass Eisenhüttenstadt somit quasi eine (odernahe) Insel der Seligen ist, diesen Eindruck bestätigte uns dann das 14-stündige Programm der Stahlpreisverleihung im Werk, im Barockkloster Neuzelle und im Friedrich-Wolff-Theater. „Stahl ist gut für den Stolz“: An diese Weisheit der letzten US-Indianer als Hochhauserbauer fühlte ich mich dabei erinnert; Wladimir Kaminer dachte natürlich eher an Ostrowski und dessen sowjetischen Bestseller „Wie der Stahl gehärtet wurde“, als er von Eko-Betriebsräten und Personalchef eine Lobrede nach der anderen für sein Werk zu hören bekam. Erst um Mitternacht brachte uns die Werksfeuerwehr wieder nach Berlin zurück.