Verfilmung von Reich-Ranickis "Mein Leben"

Gruß an eine Jahrhundertfigur

Der Film ist nicht das Buch und schon gar nicht das Leben: Michael Gutmann hat das Drehbuch zur Verfilmung von Marcel Reich-Ranickis Autobiografie "Mein Leben" geschrieben.

Tosia und Marcel: Katharina Schüttler und Matthias Schweighöfer Bild: dpa

Seine Laufbahn als Kulturschaffender hat der Drehbuchautor Michael Gutmann einst im Humorbetrieb begonnen, er hat in den späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahren für die Satiremagazine Titanic und Kowalski geschrieben und gezeichnet und mit dem verstorbenen Zeichner Bernd Pfarr ("Sondermann") zusammengearbeitet, mit dem er auch befreundet war.

Jetzt erreicht Gutmann, zumindest unter dem Aspekt der Breitenwirksamkeit, den Höhepunkt seiner Karriere. Er hat das Drehbuch für die Verfilmung von Marcel Reich-Ranickis Autobiografie-Bestseller "Mein Leben" geschrieben, die Arte am Karfreitag und die ARD am Mittwoch nach Ostern ausstrahlt. Vom Satiriker bis zum Autor eines TV-Movies über Reich-Ranicki, der Humoristen stets willkommene Vorlagen geliefert hat - ein ziemlich langer Weg.

Zwischendurch war der Mann mit der Statur eines Basketballers, der heute an der Hochschule für Fernsehen und Film in München den Studiengang Drehbuch leitet, mitverantwortlich für einige kleine und mittlere Höhepunkte der jüngeren deutschen Kinogeschichte. Mit dem Regisseur Hans-Christian Schmid schrieb Gutmann unter anderem die Drehbücher für den auf einer wahren Computerhackerbiografie basierenden Film "23", für die Verfilmung von Benjamin Leberts Roman "Crazy" und das Sozialdrama "Lichter", darüber hinaus ist der 52-Jährige als Regisseur von "Tatort"-Filmen ("Der oide Depp") in Erscheinung getreten.

Seine humoristische Arbeit, sagt Gutmann, habe ihn "die Lust auf die Provokation" gelehrt - und die Fähigkeit, "ganz frei zu denken, ohne gleich kommerzielle Kategorien im Hinterkopf zu haben". Er versuche, sich das "so weit wie möglich zu bewahren, auch wenn das bei einer Independent-Produktion leichter ist als bei einem 20.15-Uhr-Film". Reine Komödien lägen ihm trotz seiner Vergangenheit übrigens nicht. "Ich respektiere das, wenn jemand für dieses Genre geeignet ist, ich selbst habe aber ein bisschen Angst davor."

Die bekanntesten Arbeiten des 52-Jährigen sind Coming-of-Age-Geschichten, und das ist "Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben" in gewisser Weise auch - obwohl sich die zeithistorischen Umstände nicht vergleichen lassen. "Als wir mit der Arbeit an dem Drehbuch begannen, war aber noch nicht klar, dass es in dem Film um die Kindheit Reich-Ranickis gehen sollte", sagt er.

Mehr als zwei Jahre haben Gutmann, Produzentin Katharina M. Trebitsch und die beteiligten Redakteure von WDR und Arte gebraucht, ehe sie sich entschieden haben, welchen Abschnitt aus Reich-Ranickis Leben der Film erzählen wolle: die Zeit zwischen 1929 und 1958. Im Mittelpunkt von "Mein Leben" stehen somit die Jahre im Warschauer Getto, die riskante Flucht Reich-Ranickis mit seiner Ehefrau Tosia im Jahre 1943 sowie die elenden Lebensumstände und die ständige Todesgefahr, denen sich die beiden danach in ihrem Versteck ausgesetzt sahen. Der von Dror Zahavi inszenierte Film endet, als Reich-Ranicki in der Bundesrepublik eintrifft - sein Aufstieg zu einem Star des Medien- und Kulturbetriebs kommt nicht mehr vor.

Anfangs hatten die Macher durchaus darüber nachgedacht, auch diese Geschichte zu erzählen, und das wäre gewiss reizvoll gewesen, sagt Gutmann. Zum Beispiel zu beschreiben, wie sich das Verhältnis mit Heinrich Böll entwickelte, der Reich-Ranicki geholfen hatte, in der Bundesrepublik Fuß zu fassen, später aber schwer beleidigt war, weil Letzterer seine Romane abkanzelte.

Verworfen wurde auch die Idee, die Jahre des "Literarischen Quartetts" zu berücksichtigen. "Diese Zeit ist den Zuschauern ja noch viel zu vertraut", erläutert Gutmann. Wie es zu dem Zerwürfnis mit der "Quartett"-Kollegin Sigrid Löffler kam, könne man sich zum Beispiel jederzeit auf Youtube anschauen. Solche Passagen zu berücksichtigen sei vor allem aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen nicht möglich gewesen. Hätten die Macher das gesamte Leben ihres Protagonisten erzählen wollen, wäre Hauptdarsteller Matthias Schweighöfer oder ein anderer Schauspieler, der den älteren MRR verkörpert hätte, mit dem schwer lösbaren Problem konfrontiert, einen Medienstar darzustellen, der selbst in vielerlei Hinsicht ein Schauspieler ist.

Mit der öffentlich bekannten Figur Reich-Ranicki hat der Film-Reich-Ranicki wenig gemein. Vor Beginn der Dreharbeiten einigte man sich auch darauf, dass Schweighöfer Reich-Ranickis berühmtes rollendes R nicht imitiert. Auch wenn sich "Mein Leben" positiv abhebt von dem üblichen TV-Historytainment - einen für deutsche Produktionen typischen Makel hat der Film: Die Kostüme sehen stets wie Kostüme aus, die Kulissen wie Kulissen. Hat das finanzielle Gründe? Oder müssen bestimmte ästhetische Kodes eingehalten werden, um das Publikum nicht zu irritieren?

Es sei eine Mischung aus beidem, sagt Gutmann. Zum Thema Kostüme fällt ihm folgende Begebenheit von den Dreharbeiten ein: "Die Familie von Reich-Ranickis Tante in Berlin war sehr wohlhabend, die hatte einen Hauslehrer und einen Springbrunnen im Wohnzimmer, das hat ihn sehr beeindruckt." Aber dieser Reichtum sei schwer in wenigen Bildern umzusetzen gewesen. Deshalb entschieden die Kostümbildnerin und der Regisseur, diese Fakten gewissermaßen zu komprimieren: in einem überkandidelten Kleid, das die Tante trägt, als sie Reich-Ranicki bei seiner Ankunft vom Bahnhof abholt.

Ein anderes Beispiel ist der Zustand, in dem sich das Ehepaar Reich-Ranicki befindet, als es im Oktober 1944 nach der Befreiung Warschaus durch die Rote Armee endlich aus dem Versteck auftauchen kann. Die beiden sehen ein bisschen ausgemergelt aus, und dennoch wirkt die Szene nicht überzeugend. Die Schauspieler Matthias Schweighöfer und Katharina Schüttler, die Tosia spielt, hätten "alles gegeben", sagt Gutmann. "Aber man stößt an Grenzen, es ist anders als bei einer großen Hollywoodproduktion aus finanziellen Gründen nun mal nicht möglich, mehrere Monate lang die Dreharbeiten zu unterbrechen, bis die Schauspieler das richtige Gewicht erreicht haben, um in einer bestimmten Szene wirklich authentisch zu wirken."

Die Frage nach der Wirklichkeitsnähe des Films stellt sich auch noch auf einer ganz anderen Ebene. Kürzlich erschien von Gerhard Gnauck, dem Polen-Korrespondenten der Welt, das Buch "Wolke und Weide. Marcel Reich-Ranicks polnische Jahre", das die Frage aufwirft, ob Reich-Ranicki in seinem Buch seine Rolle im Warschauer Getto, als er beim sogenannten Judenrat ein Übersetzungs- und Korrespondenzbüro leitete, in einem zu positiven Licht darstellt. Und ob er wichtige Details zur Mitarbeit beim polnischen Geheimdienst verschweigt - aus der kurzen Zeit, als er überzeugter Kommunist war.

Wenn schon eine Autobiografie nicht historisch objektiv sein kann, erst recht nicht, wenn sie "Mein Leben" heißt, das Possessivpronomen also betont wird, ist eine Verfilmung, die aus dramaturgischen Gründen nicht die Buchversion der Wirklichkeit umsetzen kann, sondern Sachverhalte auslassen, vereinfachen oder erfinden muss, noch viel weiter entfernt vom wahren Geschehen.

So etwas sollte heutzutage unproblematisch sein, findet Gutmann: "Darf man nicht hoffen, dass das Publikum durch seine Seherfahrung emanzipiert genug ist, um die Bilder einordnen zu können? Der Film ist nicht das Buch und schon gar nicht das Leben." Er selbst könne sich doch "nicht anmaßen, zu wissen, wie der Alltag im Warschauer Getto war, wie beispielsweise die Gebäude ausgesehen haben, in denen die jüdische Verwaltung getagt hat. Das ist doch unmöglich." Der Film sei in dieser Hinsicht eher mit "Historienmalerei" vergleichbar oder mit "einem Theaterstück, das sich an historische Ereignisse anlehnt".

Dennoch sei der Film allemal "einer Wahrhaftigkeit verpflichtet" - in dem Sinne, dass er die Themen herausarbeite, "die das Paar begleitet haben", etwa die besondere Rolle, die die Literatur für die Reich-Ranickis gespielt habe. Die Verfilmung greife gewissermaßen die "Leitmelodien" beider Lebensgeschichten auf.

" ,Mein Leben' ", bilanziert Gutmann, sei "ein Gruß an eine Jahrhundertfigur", die gewiss "nicht alle lieben." Von der Satire bis zum Prime-Time-Movie ist es in der Tat ein ziemlich langer Weg.

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