Bildung im Web 2.0

Das Ende des Frontalunterrichts

Studieren mit Blogs, YouTube und Twitter: Michael Wesch revolutioniert Seminare. Jay Cross weiß, dass Klassenzimmer und Hörsäle ausgedient haben.

Der Hörsaal verkommt zur reinen Networking-Plattform - Gelernt wird im Netz.  Bild: ap

Die Revolution hat stattgefunden. Und keiner war dabei. Das Web 2.0 teilt die Gesellschaft entlang der Altersgrenze dreißig in zwei Teile. Während die meisten Älteren sich des Internets nur für Einkauf, E-Mails und Recherche bedienen, kreiert die nächste Generation eine digitale Welt jenseits dieser Welt, die weit mehr ist als Second Life. Sie betrifft diese Welt. Seit elektronische Lesegeräte den Markt erobern, erreicht die Digitalisierung von Texten endlich das öffentliche Bewusstsein. Doch auch jenseits des E-Buchs bietet das Internet eine kaum fassbare Daten-, Informations- und Kommunikationsfülle.

Wikipedia, YouTube, Twitter und Blogs verändern das Wissen der Menschen - und ihr Lernen. Die taz-Bildung beleuchtet in loser Folge das Lernen 2.0.

Der erste Beitrag stammte von Ulrich Klotz über die gesellschaftlichen Auswirkungen des Web 2.0. Danach schrieb Meike Laaff, wie Blogs zur Zukunft des Lernens werden. Es folgen Reportagen aus Laptop-Klassen, Porträts und Interviews mit Vordenkern des neuen Lernens.

Beim taz-Kongress wird es ein http://30jahre.taz.de/programm/events/23.de.html geben: Schulen im Aufbruch zu einem neuen Lernverständnis, Ideen und Kontakt: lernen2.0@taz.de. CIF

Einer der Pioniere, der den "digital turn" rechtzeitig und richtig zu nutzen wusste, heißt Michael Wesch und ist ganze 33 Jahre alt. Sein YouTube-Video "Web 2.0 … The Machine is Us/ing Us" entwickelte sich in kürzester Zeit zum beliebtesten Video der Blogosphäre. Über 8 Millionen Zugriffe. Wesch ist Professor für Anthropologie an der Kansas State University. Wesch ist in den USA "Professor of the Year".

Seine Erkenntnisse über das Medienwesen und dessen Einfluss auf zwischenmenschliche Interaktionen wurden längst für preiswürdig befunden. Das Konzept "Text" hat sich verändert. Was bedeutet das für unser Leben, Lehren und Lesen?, fragt er.

Michael Wesch nutzt neue Medien als Möglichkeit, Studenten dort abzuholen, wo sie ohnehin sind: im Internet. Mittels YouTube-Videos erweitert er das Spektrum, Ethnografien zu präsentieren. Doch jenseits der ansprechenden visuellen Aufarbeitung seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse ist vor allem sein viel gerühmtes Projekt "World Simulation" bemerkenswert. In diesem vereint Michael Wesch das Erlernen des Umgangs mit neuen Medien mit dem klassischer Inhalte der Ethnologie. Man stelle sich einen Einführungskurs Ethnologie mit über 200 Erstsemestlern vor. Diese erlernen das Grundwissen der Ethnologie, indem sie im Seminar eine Welt kreieren, die unsere reale Welt simuliert.

Die simulierte Welt beginnt anno 1450. Die Kontinente erhalten fiktive Namen, mit dem Antlitz der Erde wird gespielt. Die 200 Studenten teilen sich in mehrere Gruppen auf, für jeden Kontinent eine. Innerhalb der Gruppen entstehen Kleingruppen, die sich über die Entwicklung der Kontinente im Laufe der Jahrhunderte informieren. Eines der Lernziele besteht darin, für alle aufkommenden Phänomene eigene Experten heranzuziehen. Sie sollen mehr über das Thema wissen als der Lehrer. Dieser "Experte" wird den anderen Studenten sein Wissen nahebringen.

Das ist die Innovation: Der Experte dehnt nicht, wie an deutschen Universitäten üblich, das monotone 20-Minuten-Referat zu einer einschläfernden One-Man-Show aus, nein, die Experten speisen ihr Wissen in das eigens für das Projekt eröffnete Internetportal ein. Andere Studenten bedienen sich der Informationen, um ihre Erkenntnisse zu vertiefen und auszudifferenzieren. Fachjournale und Online-Bibliotheken werden einbezogen, auch Facebook und Twitter finden sich auf dem Portal.

Was Studenten sonst vom Lernen ablenkt, sollen sie bei Wesch für den Erwerb des Stoffs nutzen. Statt Klatsch und Tratsch twittern sie Unterrichtsinhalte, Literaturhinweise, Thesen. Nicht nur Studenten im Klassenraum profitieren so von den Erkenntnissen, junge Ethnologen weltweit kommunizieren miteinander. Dabei lernen sie sowohl das Filtern und Einordnen des Stoffs, als auch das Erlernte druckreif und nachvollziehbar wiederzugeben. Neuer Text entsteht. Ganz ohne Printmedien wird akademisches Wissen zugänglich gemacht. Um das "Weltgeschehen" im Klassenraum sinnvoll ablaufen lassen zu können, müssen die Studenten auf Standardwerke der Ethnologie zurückgreifen - auch das online. Die Exzerpte werden wiederum ins Portal gesetzt.

Ein nicht enden wollendes Spiel entsteht, im Idealfall ergibt sich ein Gesamtbild von Ursache und Wirkung, und wie nebenbei wird die Networking-Fähigkeit ausgebaut.

Doch was hat das alles mit Lernen zu tun? Wird hier nicht die nächste Generation weltfremder Computerfreaks herangezüchtet? Michael Wesch hat solche Einwände bedacht. Die von ihm erwünschte Interaktivität endet deshalb nicht vor dem Rechner. Die neu erworbenen Informationen werden als Rollenspiel im Klassenraum umgesetzt. Spielerisch und erlebnisorientiert wird so Wissen erfahrbar gemacht. Der Klassenraum ähnelt eher einem Jahrmarkt denn der gängigen Stuhl-Tisch-Tafel-Anordnung. Der Lauf der Geschichte wird erschreckend schnell reproduzierbar, sobald man das Gedankengut in die Menschen einspeist: Ressourcenbesitz, Ressourcenaneignung, Kriege als Folge. Die Studenten erschaffen und erleben selbst, was sie sonst nur durch Newsticker erfahren: Informationen an Gefühle koppeln, eine der wichtigsten und effektivsten modernen Lernstrategien und für gewöhnlich ein Argument gegen den Einsatz neuer Medien.

Dieser Unterrichtsansatz fordert konventionelle Lehr- und Lerntugenden heraus. Selbst das Sprichwort, das einst als Angriff auf das Wissensgedächtnis galt, wirkt in Anbetracht dieser Veränderungen wie ein Berechtigungsschein fürs Altenheim: "Man muss es nicht wissen, man muss nur wissen, wo es steht". Denn mittels "tagging" finden Suchmaschinen den interessierten Anwender von selbst. Recherchen in Bibliotheken sind somit passé. Der Schüler oder Student von heute filtert im Netz die erwünschten Quellen und Suchbegriffe, die Informationen werden ihm zugeführt.

Im Internet erscheint jährlich so viel Textmaterial wie in 58.000 Bibliotheken zusammen stehen. Je eher die Studenten verstehen, dass ein Text nicht mehr in Büchern stehen muss und dass sich die Art und Weise verändert, wie Informationen publiziert werden, desto eher werden sie in der Lage sein, sich auf der Höhe der Zeit an der Gestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu beteiligen.

"Gesellschaftliches Zusammenleben" scheint ohnehin das Stichwort schlechthin für das Web 2.0. Verlässt man den universitären Bildungssektor in Richtung Corporate Identity, so spielt auch hier das neue, sogenannte informelle Lernen und Web 2.0 eine große Rolle. Jay Cross, einer der Vorreiter auf diesem Gebiet, verdankt seine heutige Arbeit der Rückständigkeit seiner ehemaligen Vorgesetzten. Vor zehn Jahren sagte er die Rolle des Internets für den Wirtschaftssektor bereits voraus und wünschte dieses produktiv für die Firma zu nutzen, in der er arbeitete.

Seinen Arbeitgebern klang das zu futuristisch. Jay Cross wurde gefeuert. Heute leitet er Workshops für Elitefirmen wie IBM, HP oder gar die CIA. Er weist Arbeitnehmer und Vorstände in innovatives Lernen ein. Cross Ansatz ist radikaler als der Weschs. Aus der formalen Lernweise sei in unserem Zeitalter nichts mehr zu gewinnen, so Cross. Man könne keinen Leithammel vor eine Horde selbstständig denkender Menschen stellen und dabei ein sinnvolles Ergebnis erwarten.

"Sinnhaftigkeit" ist ein weiteres Lieblingsstichwort der E-Learning-Gurus. Jay Cross könnte auch gut den Großvater im Ruhestand mimen. Doch Ruhe sei nicht das, wonach der Mensch strebe, vielmehr sei Leben, Lernen und Kommunikation der Schlüssel zum Wissenserwerb. Lebenslanges Lernen, auch das nichts ganz Neues. Lebenslanges E-Learning hingegen ist erst seit der Erfindung des Web 2.0 in der von Jay Cross gewünschten Form möglich. Denn das Web 2.0 ermöglicht einen weltweiten Austausch. Der Glaube an informelles Lernen geht so weit, dass Jay Cross dem Pausenhof mehr Lernpotenzial zutraut als dem Klassenzimmer.

Das Web übernimmt die Rolle eines weltweiten Pausenhofs. Spezialisten und Interessierte können dank modernen Medien ihr Wissen zusammenführen, man muss nur ein Forum erschaffen, das die Richtigen zusammenbringt. Firmen lösen so ihre Probleme, oft kostenlos, da sich Spezialisten aus Freude an ihrem Gebiet austauschen.

Internetplattformen als Bücherersatz? Es gehe vor allem darum, die blockierenden Erinnerungen an die starre Schulzeit abzustreifen und das Interesse an der Welt neu zu befördern. Dass Cross die Tugenden des alten Lernens und Wissenserwerbs für komplett überholt hält, bringt ihm nicht nur Zuspruch ein. Ein komplett neuer Bildungsansatz rüttelt am Ego der meisten Menschen, die einst mühevoll die Schulbank drückten. Wissen soll auch ohne harte Arbeit erlangbar sein? Das, so scheint es, möchte man nicht einmal den eigenen Kindern gönnen. Das Web 2.0 wurde zur wichtigsten Innovation seit der Gutenberg-Bibel erklärt. Michael Wesch und Jay Cross werden dem beipflichten.

Ohne das Web 2.0 hätten wir einen McCain als Präsidenten, insistiert Jay Cross. Nur dank der globalen Vernetzung seien Obama und die Welt dort, wo sie jetzt sind. Nicht umsonst war einer der engsten Berater des neuen Präsidenten einer der großen Köpfe von Google. Die heutige Welt wird von Informationen bestimmt. Wie man sie verbreitet und wen sie erreichen, ist das Schlüsselprinzip. Demokratisch sei das allemal, basisdemokratisch, würden radikale Verfechter behaupten, und natürlich verlangt Letzteres einen mündigen Bürger. Einen, wie ihn Michael Wesch zu erziehen versucht.

Jonathan Harris, Jahrgang 1979, ist ein hochbegabter Sprössling dieser Internetgeneration. Zweifellos ein genialer Programmierer, Datensammler und Kommunikator. Eines seiner erfolgreichsten Projekte ist die Sondierung der Gefühlslagen dieser Welt, indem er alle im Netz veröffentlichten Gefühlsäußerungen filtert und zusammenführt. Unzählige Daten, hübsch bebildert, darüber, wann und wo Menschen traurig, glücklich, angenervt, verlassen und betrogen werden. Die Gefühlslagen sind gekoppelt an zahllose weitere Informationen wie Wetter, Alter, Geschlecht. Das Universum eines jeden. Für jeden zugänglich.

Natürlich wirft das Fragen auf für unsere Demokratie, für Transparenz und Privatsphäre. Michael Wesch fordert in seinem YouTube-Video dazu auf, alte Konzepte neu zu überdenken. Eigentlich gibt es keine Wahl. Doch Deutschland liegt im Winterschlaf. Weder die Nutzung der Medien in Schulen noch die Aussagen der Medienwissenschaftler vermögen der Gesellschaft das Ausmaß dieser Neuerungen nahe zu bringen. Webgenies wie James Harris erheben Datenverwertung zu virtueller Kunst. Wir sollten sichergehen, dass uns niemand Äpfel für Birnen verkauft - doch dafür müsste man sich mit beidem auskennen.

 

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