DDR-Opfer kämpft gegen Verleumdung

Mario Röllig - der Wehrhafte

Beim Fluchtversuch aus der DDR wird Mario Röllig gefasst und kommt in Haft. Jahre später steht er zufällig seinem ehemaligen Vernehmer gegenüber. Ein Schock. Seither verfolgt ihn die Angst.

Früher eine "richtig rote Socke", heute "demokratischer Antikommunist": Mario Röllig. Bild: anja weber

1. Mai in Ostberlin, Kampftag der Arbeiterklasse, Demotag. Mario Röllig sitzt auf den Schultern seines Vaters, der große Mann trägt den Fünfjährigen durch die Menschenmenge in Richtung Tribüne. Da steht er, Erich Honecker. Der Vorsitzende des SED-Zentralkomitees streckt seine Hände den werktätigen Massen entgegen. Mario will ihn auch mal berühren, den Mann mit der Hornbrille, dessen Bild in seinem Kindergarten hängt. Vater Röllig versucht, seinem Sohn den Wunsch zu erfüllen. Er strebt, das Kind auf den Schultern, auf Honecker zu. An der Tribüne, zwischen roten Fahnen und Mainelken, reckt Mario die Arme, so weit er kann, nach oben. Aber er schafft es nicht, die Massen spülen Vater und Sohn weiter, die Karl-Marx-Allee hinunter, Richtung Alexanderplatz.

"Ich war eine richtig rote Socke", sagt Mario Röllig über seine Kindheit und Jugend in der DDR, "vermutlich wäre ich heute im Bundesvorstand der Linkspartei, wenn das alles nicht passiert wäre." Aber es ist so viel Schlimmes passiert, dass Röllig, einst überzeugter Pionier und FDJler, sich heute als "demokratischer Antikommunist" bezeichnet. Den hat die Stasi aus ihm gemacht.

Der Antikommunist sitzt in einer Bar in Berlin, die Sonne scheint schräg auf sein dunkles Haare. In Kombination mit dem weichen Kamelhaarmantel, der Designerbrille und Mopshündin Daphne zu seinen Füßen stellt er einen ebenso coolen wie noblen Hauptstädter dar. Röllig redet munter drauflos, nie käme man auf die Idee, dass dieser Mann ein psychisches Wrack ist, berentet wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung, die aus seiner Zeit im Stasiknast Hohenschönhausen herrührt. Er ist heute einer, dem auf der Straße beim Tuckern eines durch die Zeiten gekommenen Trabi-Zweitaktmotors übel wird, einer, der kein grelles Licht mehr verträgt, einer, dem manchmal einfach die Beine wegknicken. Vor Angst.

Er kämpft seit Jahren an gegen diese Angst. Macht als Zeitzeuge Führungen durch den Berliner Stasiknast, arbeitet ehrenamtlich in einer Opferberatung, tritt in der Potsdamer Theaterinszenierung "Staatssicherheiten" auf. Und am Donnerstag kämpft er Mann gegen Mann. Dann trifft er im Saal 143 des Berliner Landgerichts auf Wolfgang Schmidt. Röllig hat den ehemaligen Stasimitarbeiter verklagt. 5.100 Euro Strafe soll der zahlen, weil er Röllig auf seiner Website mfs-insider.de wiederholt verhöhnt und beleidigt hat. "Ich möchte Gerechtigkeit", sagt Mario Röllig, "meinen inneren Frieden."

Den versucht er in seinem konstruktiven Umgang mit der Angst zu finden. Eine Art Eigentherapie. Geblieben ist Mario Röllig die Angst aus seiner Zeit im Stasiknast Hohenschönhausen. Neunzehn Jahre ist er alt, als er 1987 bei einem Fluchtversuch an der ungarisch-jugoslawischen Grenze gefasst wird. Er ist jung, schwer verknallt in Gottfried, einen Mann aus Westberlin, und er hat keine Lust mehr auf dieses deutsch-deutsche Beziehungsdrama. Es soll endlich Schluss sein mit den verheulten Abschieden am Ostberliner Bahnhof Friedrichstraße, er will nur noch raus.

Die ungarischen Genossen übergeben den Republikflüchtling Röllig, Mario an die Ostberliner Staatssicherheit. In einem Gefängnistransporter, einem Zweitakter, fahren sie ihn vom Flughafen Schönefeld nach Hohenschönhausen, Ostberliner Sperrgebiet. Anfangs glaubt Röllig noch, das hier würde er "bis zur Abschiebung auf einer Pobacke absitzen". Aber sie drohen ihm: "Wir sind die Staatssicherheit. Wir müssen nicht nett zu Ihnen sein." Und sie machen ihm Angst. Beobachten ihn durch den Spion beim Toilettengang. Verhören ihn mal über Stunden, dann wieder tagelang gar nicht. Sie malen ihm in den schillerndsten Farben aus, wie es einem Schwulen im Knast ergeht. Einmal fixieren sie ihn für eine Untersuchung auf einem Tisch, das Licht der OP-Lampe knallt ihm ins Gesicht. In seiner Panik wird er ohnmächtig.

Es funktioniert. Mario Röllig kriegt richtig Angst. Er denkt an Chile, Griechenland, an Stalins Geheimgefängnisse, er fragt sich, ob er vielleicht der eine ist, den sie umbringen werden. Seine Familie weiß lange nicht, wohin man ihn gebracht hat. Die psychologisch geschulten Stasileute ordnen ihm einen Vernehmer zu, der seinem Geliebten zum Verwechseln ähnlich sieht. Nett, braune Augen, warme Stimme. "Das war das Schlimmste", sagt Mario Röllig.

Drei Monate bleibt er inhaftiert, im September 1987 wird er entlassen - in die DDR. Erst ein halbes Jahr später wird er freigekauft. Im März stoppt ein Interzonenzug kurz in Köthen bei Bitterfeld. Mario Röllig darf einsteigen, er ist frei. Im Westen wird sich Gottfried, der Geliebte, als Lügner erweisen, er ist verheiratet. Aber Mario Röllig überwindet den Schmerz. Er ist immer noch verdammt jung, vergräbt tief in seiner Seele, was die Stasi ihm angetan hat, er will jetzt leben. Von Angst erst mal keine Spur.

Elf Jahre vergehen. 1999 lebt Mario Röllig in Westberlin, er arbeitet als Verkäufer im KaDeWe. Ein Kunde verlangt Zigarren. Braune Augen. Warme Stimme. Sein Vernehmer. "Wir kennen uns", sagt Röllig. Seine Stimme zittert, die Angst greift hart nach ihm. "Woher denn?", fragt der Mann. "Sie haben mich in Hohenschönhausen verhört." - "Was wollen Sie von mir?" - Zögernd fragt Röllig nach etwas wie Reue. "Wissen Sie was", ätzt der schöne Mann, "Reue ist was für kleine Kinder. Wofür soll ich mich bei Ihnen entschuldigen? Sie sind doch ein Verbrecher." Es ist das Ende der Verdrängung. Mario Röllig bricht zusammen. Er schließt sich zu Hause ein, versucht zu sterben, Freunde finden ihn. Er wandert für Monate in die Psychiatrie. Die alte Angst hat ihn wieder ganz fest im Griff. Er ringt mir ihr, bis heute. Er will diesen Kampf gewinnen.

200.000 politische Gefangene gab es in der DDR. Einer davon ist Mario Röllig. Und es gab 91.000 hauptamtliche Stasimitarbeiter. Einer davon ist Wolfgang Schmidt, der Mann, den Mario Röllig verklagt hat. Der Exoberstleutnant war ab 1986 Leiter der "Auswertungs- und Kontrollgruppe" der Hauptabteilung XX, die Künstler, Kirchenmitglieder, Oppositionelle bespitzelte. Über seine 33 Jahre beim Geheimdienst erteilt Wolfgang Schmidt gern Auskunft, er hat Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck bei seinem Film "Das Leben der anderen" beraten. Ganz zufrieden war er nicht mit dem Ergebnis, der Film reihe sich ein in die seit 1989 anhaltende "pauschale Diffamierung des MfS und seiner Mitarbeiter", hat er nach der Premiere dem Magazin Cicero gesagt.

Von Diffamierung versteht Wolfgang Schmidt etwas. Auf seiner Website mfs-insider.de widmen sich ehemalige MfS-Mitarbeiter der "wahrheitsgemäßen Aufarbeitung der Geschichte". Die sieht so aus, dass Webmaster Schmidt im Internet unermüdlich nach Texten über die Stasi sucht, deren Autoren er gegebenenfalls belangt oder schmäht. Gefunden hat er da etwa den Exkursionsbericht einer Schulklasse aus Baden-Württemberg, die von Mario Röllig durch den Stasiknast geführt wurde. Die 17-Jährigen zitieren darin den Zeitzeugen ungenau: Röllig hatte über nach dem Krieg vom sowjetischen Geheimdienst inhaftierte "Jugendliche" gesprochen, der Exkursionsbericht redete von "Kindern".

Diese Steilvorlage lässt sich Kundschafter Schmidt nicht entgehen. In seiner Onlineglosse schreibt er, Röllig schildere offenbar gern Dinge, "die er selbst nicht erlebt hat, aber selbstverständlich völlig authentisch wiedergibt". Und er tritt nach: "Wer nun zu der Ansicht kommt, bei Herrn Röllig handele es sich um einen notorischen Lügenbold, sollte das lieber für sich behalten. Wer will schon in den Verdacht geraten, Opfer zu verhöhnen und zu beleidigen."

An sich eine der üblichen Unverschämtheiten, die die einst von der Staatssicherheit Gegängelten seit Jahren zu ertragen haben. Stasivereine wie die Gesellschaft für Bürgerrecht und Menschenwürde e. V., die Gesellschaft für rechtliche und humanitäre Unterstützung e. V. oder die Initiativgemeinschaft zum Schutz der sozialen Rechte ehemaliger Angehöriger der bewaffneten Organe der DDR e. V. machen Zeitzeugen das Leben schwer. Seit ihre Taten verjährt sind, klagen die Vereinsmitglieder gegen jene, deren Privatleben sie einst wie selbstverständlich zersetzt haben. Immer öfter müssen sich ihre Observationsobjekte heute vor Gericht dafür verantworten, dass sie die Namen ihrer Peiniger im Netz, in Ausstellungen oder in den Medien nennen.

Mario Röllig hat schlicht die Nase voll von dieser verkehrten Welt. Von den Drohungen, die er auf dem Weg zur Gedenkstätte Hohenschönhausen über den Gartenzaun zugezischt bekommt, von dem Selbstbewusstsein, das "Stasi-Opas" heute wieder zur Schau tragen. Er hat kaum noch Angst vor ihnen. Er klagt gegen Schmidt auf Unterlassung. Und er bekommt recht. Der Exoberstleutnant muss eine Erklärung unterschreiben, in der er sich verpflichtet, die Schmähung von Röllig aus dem Netz zu nehmen, bei Zuwiderhandlung drohen 5.100 Euro Strafe.

Drei Monate später steht der Text erneut im Netz. Röllig klagt, er will, dass Schmidt die Strafe zahlt. "Wenns umgedreht wäre - der würde auch klagen." Heute trifft er vor Gericht auf ihn. "Ich habe Mitleid mit ihm", sagt er über den Beklagten. "Ich kann heute wieder in Liebe leben. Er nicht."

Und Wolfgang Schmidt? Der 69-Jährige ist kurz angebunden am Telefon. "Ich weiß nicht, was ich erwarte", sagt er in sächsischem Dialekt, "ich bin dem Mann nie begegnet. Mir geht es um Wahrheit, Aufklärung dieser Sache." Gefragt, ob er Verständnis dafür habe, dass ein Opfer wie Mario Röllig … "Ja, ja", unterbricht er, "der ist ja das größte Opfer, das die DDR überhaupt hatte!" Wie meint er das? Er wird munter. "Hören Sie, der Mann war bloß drei Monate inhaftiert, dann wurde er amnestiert. Und dann durfte er legal in die BRD ausreisen."

So kann man das sehen.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben