Kubanischer Schriftsteller über seine Heimat

"Man muss offen kritisieren können"

Der kubanische Schriftsteller José Miguel Sánchez, genannt Yoss, ist ein großer Rockfan, ein Kenner der Subkulturen und kämpft von Havanna aus weiter für politische Reformen.

Eine Familie radelt mit Hund durch Havanna: "Dass Reformen überfällig sind, ist offensichtlich." Bild: ap

taz: Sie sind bekennender Rockero. Denkt man an kubanische Musikstile, kommen einem Salsa oder Mambo in den Sinn, Rock dagegen weniger.

Yoss: Durch die Nähe zu den USA ist Rock n Roll früh in Kuba angekommen. Allerdings spielten die meisten kubanischen Rockbands zunächst englische Coverversionen. Darum war Rock nach der Revolution als Musik des Feindes verpönt und wurde zu einer Underground-Bewegung. Die Beatles waren im Radio tabu. Erst 1986 waren sie zum ersten Mal im staatlichen Fernsehen zu sehen und es setzte Tauwetter ein. Inzwischen wurde sogar eine kleine John-Lennon-Statue in Havanna errichtet.

Und wie bedeutend ist Rockmusik heute?

Rock ist hier immer noch eine wichtige Bewegung. Aber die Szene hat sich radikalisiert und meint mittlerweile vor allem Stile wie Black- und Trash-Metal.

2008 wurde in Kuba eine staatliche Rock-Agentur geschaffen. Wird so versucht, Kontrolle über die Szene zu behalten?

Das ist meines Erachtens die erste bedeutsame staatliche Hilfe für den kubanischen Rock und zumindest ein erster offizieller Akt der Nicht-Zensur. Hier können jetzt junge Bands mit professionellem Equipment auftreten. Bis vor kurzem haben sich jedes Wochenende Tausende von Jugendlichen an einer Straßenkreuzung getroffen, darunter auch viele Rockeros, weil es sonst keinen Treffpunkt gab. Wenn sich nun einige über eine staatliche Vereinnahmung beklagen, ist das für mich nichts weiter als die übliche jugendliche Zurückweisung von Institutionen. Wenn der Staat einen Konzertraum und moderne Technik bereitstellt, sage ich: Wunderbar! Das ist eine Art von Integration, die ich begrüße.

Neben den Rockeros gibt es mittlerweile auch andere jugendliche Subkulturen in Kuba, zum Beispiel die konsumorientierten Mikis.

Häufig bezieht sich die Übernahme jugendlicher Lebensstile allein auf das Äußerliche, darauf, wie man sich kleidet und schminkt. Aber es stimmt schon, dass es inzwischen mehr Urban Tribes gibt als früher. Am Ende nehmen wir in Kuba feine Unterschiede aber nicht so ernst. Ein Rockero würde bei einer Party jedenfalls auch zu Salsa tanzen.

Für internationales Aufsehen sorgte im Vorjahr der Prozess gegen Gorki Águila, Sänger der Punkband Porno para Ricardo.

Ich bin zwar mit dem, was Gorki singt, nicht immer einverstanden, aber Meinungsfreiheit ist demokratisches Grundrecht. Mich interessiert weder die Musik der Band, noch teile ich ihre Kritik am System. Eine radikale Attitüde hat ihre Berechtigung.

Als Schriftsteller werden Sie zur Generation der Novísimos, der Neuartigen, gezählt. Was war neuartig?

Ende der 80er-Jahre, als wir angefangen haben zu schreiben, verglich man uns thematisch wie stilistisch mit dem schmutzigen Realismus eines Charles Bukowski. Wir wollten das Leben auf den Straßen von Havanna ungeschminkt darstellen. Uns ging es darum, die Realität unter der geschönten Oberfläche zu beschreiben - die Prostitution, die um sich griff, oder Korruption in der Polizei, die in den Krisenjahren nach 1989 zugenommen hatte. Wir stellten auch Fragen, die unbeantwortet geblieben waren - zum Beispiel wollten wir wissen, was während des Krieges in Angola passiert war, wo tausende Kubaner umgekommen sind.

Es heißt, die junge kubanische Literatengeneration habe sich wieder mehr von der Realität abgewendet.

In der Literatur kommt es immer zu Wellen und Gegenbewegungen. Nach uns kam eine Generation, die als Post-Novísimo bezeichnet wurde. Sie wollte zumindest vordergründig keine journalistisch-realistische Beschreibung der Wirklichkeit betreiben, sondern lieber metaphorisch schreiben. Als Science-Fiction-Autor, der sich gleichwohl der Realität verpflichtet fühlt, war es merkwürdig, diese Entwicklung bei meinen jüngeren Kollegen zu beobachten. Am Ende kreisen wir alle um das gleiche Gravitationsfeld - und das ist die Wirklichkeit, in der wir leben.

Die kubanische Realität ist eigen. Es gibt etwa eine durch revolutionäre Phrasen politisierte Gesellschaft und ein halbes Jahrhundert unter der Führung einer Person. Wie schwierig ist es, ein differenziertes Bild dieser Realität zu zeichnen?

Jeder kreiert beim Beschreiben ein vereinfachendes Modell der Realität. Viele vergleichen das, was gerade in Kuba passiert, mit dem Leben in der DDR oder auch mit dem in Spanien unter Franco. Aber das sind nur Metaphern, also Annährungen an die Wirklichkeit. Ich lebe seit 39 Jahren auf Kuba, und für mich ist es bis heute schwierig, die komplizierte Realität des Landes zu verstehen. Kuba ist ein surrealistisches Land, das nicht logisch funktioniert.

Geht es bei den Reformen, die seit Fidels Rücktritt verstärkt gefordert werden, auch um mehr Rationalität bei den politischen Entscheidungen?

Dass Reformen überfällig sind, ist offensichtlich. Die kubanische Revolution hat sich schon vor Jahren in etwas Statisches verwandelt. Der politische Apparat ist absolut unbeweglich geworden. Das muss man offen kritisieren können, was ich auch mache. Denn es ist wichtig, dass man von Kuba aus für Veränderungen kämpft, statt zu emigrieren. Sich vom Ausland aus zu beschweren, ist einfach.

Gehört das politische System Kubas auf den Scheiterhaufen der Geschichte?

Zunächst muss die Regierung akzeptieren, dass es nicht nur zwei Positionen gibt - eine richtige und eine falsche konterrevolutionäre. Es muss auch endlich damit Schluss sein, dass aufmüpfige Jugendliche als problematisch abgestempelt werden. Meinungsvielfalt muss endlich anerkannt werden. Es heißt gern, die westliche, repräsentative Demokratie würde hier nicht funktionieren, da sie den Menschen ohnehin nichts brächte. Ich halte es da mehr mit Winston Churchill, der einmal gesagt hat, Demokratie sei die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen der anderen.

Glauben Sie, dass die unter Fidels Bruder Raúl Castro eingeleiteten Reformen schon für einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel ausreichen?

Mittlerweile bin ich da pessimistisch. Von einer biologischen Lösung wird ja schon seit Jahren geredet. Nun ist es so weit, dass Fidel als Halbtoter im Schatten steht, aber auch unter Raúl hat sich nichts Wesentliches geändert. Seit Kurzem dürfen wir bestimmtes technisches Equipment legal erwerben. Aber mit welchem Geld, muss man sich fragen, wo die staatlichen Gehälter in kubanischen Peso bezahlt werden und nicht viel wert sind.

Wenn die Regierung weiter in einer Starre ausharrt, wie sollen dann Reformen erreicht werden?

Vor allem muss der vertikalen, unipersonalen Regierungsführung ein Ende bereitet werden. Dafür sollte eine Versammlung zur nationalen Rettung einberufen werden, in der verschiedenste Persönlichkeiten mit nationalem Prestige vertreten sind. Es ist auch an der Zeit, dass eine Einigung mit den USA erzielt wird. Dafür muss auch mit dem Mythos des Wirtschaftsembargos aufgeräumt werden. Die USA sind schon längst einer der wichtigsten Handelspartner, von dem wir notwendige Nahrungsmittel beziehen. Unter Barack Obama stehen die Zeichen für eine Annäherung nicht schlecht.

Haben Sie Hoffnung, dass beim Kongress der Kommunistischen Partei im Herbst junge Politiker ins Rampenlicht rücken werden?

In dieser Hinsicht hege ich wenig Hoffnung, ich gehöre zu einer Generation, deren besser qualifizierte junge Leute das Land in Scharen verlassen haben, weil sie den Glauben an den kollektiven Traum der Revolution verloren haben.

Durch diesen Brain Drain verliert die Insel intellektuelles und kämpferisches Potenzial.

Daher ist es umso wichtiger, dass bald eine nationale Aussöhnung stattfindet. Für die Zukunft Kubas sind wir auf die Exilanten angewiesen. Fast vier Millionen Kubaner leben im Ausland und tragen mit ihren Überweisungen dazu bei, dass ihre Familien zu Hause überleben können. Fakt ist, der Kapitalismus ist längst in Kuba angekommen, weshalb die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft deutlich zugenommen hat. Doch das Letzte, was ich mir wünsche, ist der Einfall eines Raubtierkapitalismus. Keiner will, dass Kuba wie die Sowjetunion zerfällt und unter die Fittiche einer Mafia gerät, die mit den alten Funktionären zusammenarbeitet. Ich weiß leider nicht, ob es einen dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus geben kann, aber wir sollten versuchen, in diese Richtung zu gehen.

Sie haben ein Jahr in Italien verbracht. Warum sind Sie überhaupt zurückgekommen?

Eine Reise ist sinnlos, wenn es keinen Ort der Rückkehr gibt. Es gibt viele, die sich dazu berufen fühlen, das Land zu verlassen, ich nicht. Das wurzellose Leben eines Emigranten zu führen, liegt mir nicht. Ich will einfach nicht auf mein Land verzichten und denke, dass ich das Recht habe, hier zu bleiben, genau wie die Leute, denen es vielleicht lieber wäre, wenn ich gehen würde. Solange man mich nicht zur Emigration zwingt, werde ich weiterkämpfen.

Die kubanische Kultur scheint sich ständig zu erneuern, obwohl viele Künstler und Intellektuelle das Land verlassen. Woher kommt diese erstaunliche Kraft?

Für jedes Talent, das die Insel verlässt, gibt es eines, das etwa entdeckt, was für ein großartiges Instrument die Trompete ist. Bis heute kann jeder zu einem staatlichen Kulturhaus gehen, um dort ein Instrument zu erlernen. Ein Mädchen, das durch einen guten Lehrer die Magie der Literatur für sich entdeckt, hat die Möglichkeit, hier billig Bücher zu kaufen. Darin liegt meines Erachtens das Geheimnis der kubanischen Kultur.

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