Berliner Ökoporno-Aktivisten

Ficken für Wald in Ecuador

Mit ihrer Porno-Wir-AG will ein skandinavisches Paar von Berlin aus den Regenwald retten. Nur: Von "Fuck For Forest" will sich mancher ungern helfen lassen.

Erotischer Umweltschutz? So präsentieren sich die Ökoporno-Aktivisten im Netz. Bild: Screenshot www.fuckforforest.com

Sie leben höhlenähnlich in einer Zweizimmerwohnung im "schicken" Friedrichshain. In einem Stadtteil Berlins, wo die Dichte an Kinderwagen extrem hoch ist. Es ist dunkel, die Menschen in der Wohnung sind nur als Schatten durch Kerzenschein zu erkennen. Überall stehen Sachen herum, überall Stolperquellen. In der Luft liegt ein süßlich-herber Geruch. So lebt das Ökokollektiv von "Fuck for Forest", zu Deutsch "Ficken für den Wald".

Die Gründung: Leona Johansson, 26, und Tommy Hol Ellingsen, 32, gründeten 2004 ihre Ökoaktivismus-Porno-Internetseite in Norwegen. Das Paar lernte sich auf einem Konzert kennen, und nach langen Gesprächen war die Idee für "Fuck For Forest" geboren.

Der Skandal: Im Sommer 2004 vögelten die Aktivsten während eines Rockfestivals im südnorwegischen Kristiansand auf der Open-Air-Bühne vor 3.000 Zuschauern. Darauf hin wollte der WWF das Geld der Umweltschützer nicht mehr annehmen. Außerdem brachte der Auftritt Johansson und Ellingsen ein Gerichtsverfahren wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses ein.

Die Seite: Bis zu 1.000 Mitglieder monatlich zahlen den Beitrag von 15 Dollar. Im Jahr 2005 verdienten sie damit 100.000 Dollar.

Der Regenwald: Weil keine Regenwald-Organisation ihr Geld annehmen wollte, entschied das Ökopornokollektiv, selbst aktiv zu werden. Sie gaben dem Wiederaufforstungsprojekt SeedsDream Reforestation Project in Ecuador Geld und kauften in Costa Rica sogar Land; dort suche man nach einem geeignetem Projekt. Derzeit sind ein paar Aktivisten in Brasilien, um nach weiteren Projekten zu suchen.

Die Skandinavier Leona Johansson und Tommy Hol Ellingsen gründeten ihr Projekt 2004. Zu der Zeit erhielten sie dafür finanzielle Unterstützung von der norwegischen Regierung. Sie strich die Gelder, nachdem sie herausfand, womit es die Umweltschützer verdienen, nämlich mit Sex vor der Kamera. Vor vier Jahren kamen sie dann ins Berliner Exil. Sie wurden in ihrer Heimat wegen Sex in der Öffentlichkeit zu einer Strafe von 1.000 Euro verurteilt und mussten fliehen. In Norwegen, wo das Paar lebte, sind deren Pornofilme verboten.

Johansson und Ellingsen betreiben mit fuckforforest.com eine etwas andere Porno-Internetseite. Bis zu 1.000 Mitglieder zahlen monatlich für die Ökopornografie mit Botschaft. Das Geld, das sie damit verdienen, ist für die Rettung des Regenwaldes bestimmt. 15 Dollar kostet der monatliche Zugang zur Seite, davon sollen höchsten 3 Dollar für Verwaltungskosten anfallen.

Schon seit Anbeginn des Internets gehen die virtuelle Welt und die Pornografie Hand in Hand. Menschen mit sexuellen Einstellungen, Präferenzen oder Identitäten, die nicht dem gesellschaftlichem Mainstream folgen, finden im Internet ihre Plattform. Das Netz bietet somit die ideale Möglichkeit zur Selbstdarstellung. Vor allem kostenlose Amateur-Sex-Internetportale erfreuen sich dabei großer Beliebtheit. Fuck For Forest will sich aber nicht als normale Pornoseite verstehen. Die Botschaft sei das Wichtige.

Eine Botschaft, die nicht neu ist. "Lust, Sex und Politik gehören zusammen", so ein altes Motto der 68er-Bewegung. Auch sie kämpfte mit Nacktheit für eine bessere Welt. John Lennon und Yoko Ono, Vorbilder für Johansson und Ellingsen, sorgten 1968 mit einem Plattencover für Furore: Auf "Two Virgins" posierten sie nackt. In ihren legendären Happenings, den Bed-ins, protestierten sie im Bett - allerdings im Pyjama - gegen den Vietnamkrieg.

Auch heute noch werden Nacktheit und Sex politisch benutzt. Es gibt Körper gegen Kriege, Babes against Bush, Breast not Bombs, Ständer im Widerstand und Titten gegen Rassismus.

Fuck For Forest platziert sich genau hier - knallharter Sex mit politischer Botschaft. "Natur und Sexualität werden ständig unterdrückt", sagt die 26-jährige Johansson. Dagegen wollen sie angehen. Das Ziel: Rette die Welt und zeige die Schönheit der Sexualität! Deswegen sind die Bilder und Videos auf fuckforforest.com amateurhaft, aber authentisch. Penetration mit Möhren und Gurken, Gruppensex, homosexueller Sex - all das findet man auf der Seite. Ständig wird der harte Sexualakt, ob im Freien, in Clubs oder in der eigenen Wohnung, unterbrochen, um die politische Botschaft mit ernster Miene zu verkünden: "Sex ist so gar nicht ökonomisch. Handelt! Rettet den Regenwald", lautet eine, oder "Universelle Liebe sollte bedingungslos sein", eine andere.

Es ist keine Hochglanzpornografie, und das soll es auch nicht sein. Aber auch Fuck for Forest ist den gängigen Gepflogenheiten der Pornografie unterworfen. Die Frauen haben alle rasierte Schamhaare, die Männer ejakulieren auf den Gesichtern der Frauen. Doch es sind keine schönen Aufnahmen mit Schauspielern, die wie Hollywoodstars aussehen. "Es sind überwiegend unsere Freunde, die sich vor der Kamera ausziehen und Sex haben", sagt die Schwedin, "wir bekommen aber auch E-Mails mit Bildern, die dann auf unserer Seite landen." Es sind die freiwilligen Helfer, die Fuck for Forest mit Bildmaterial beliefern. Keiner wird dafür bezahlt. Es sind Menschen, die diesen Idealismus teilen oder einfach nur gerne Sex vor der Kamera haben. Johansson und Ellingsen finden sie auf Partys, in der U-Bahn oder bei ihren Performances.

Dass fuckforforest.com auch von Nutzern besucht wird, die sich nur aufgeilen wollen, darüber ist sich Johansson im Klaren. "Natürlich schauen sich Leute die Seite an und masturbieren dabei. Der andere Teil unterstützt aber unsere Idee." Jede Woche präsentiert sich das Kollektiv in einer Live-Webcam-Show. In der wird dann zum Beispiel mal vegetarisch gekocht. "Wir wollen Menschen zeigen, wie sie richtig und gesund kochen, und das in einer witzigen Art und Weise", sagt Johansson. Witzig bedeutet, es mit Sex zu verbinden. Dabei penetrieren sie sich oft mit Gemüse. Mit organischem, wie sie betont. An dieser Stelle sieht sich das Kollektiv in der Verantwortung. Sie wollen Menschen zur gesunden Ernährung erziehen. Wenn es um das Thema Sex ohne Kondom (auch "barebacking" genannt) geht, hört der erzieherische Tatendrang auf. "Tommy und ich treiben es ohne Gummi. Wenn wir aber mit anderen Partnern Sex haben, benutzen wir schon welche", sagt Leona Johansson.

Sie würde aber bei Orgien nicht den Leuten verbieten, ohne Kondom Sex zu haben - das müsse jeder selbst entscheiden. Die Videos und Bilder davon dann auf ihre Seite zu stellen, damit habe sie keine Probleme. Auf ihrer Seite wird nämlich Pornografie richtig verwendet.

Wie Sex falsch eingesetzt wird, sieht die 26-Jährige vor allem, wenn es um die Vermarktung von Produkten gehe. Johansson ärgert sich darüber. Dem Vorwurf, sie würden mit Fuck for Forest aber auch absichtlich provozieren und Sex als Marketingwaffe benutzen, widerspricht sie gewaltig: "Es ist ein Spiel. Wir wollen Spaß haben und zeigen, dass Sex schön ist. Unser Ansatz ist authentisch." Zur Echtheit gehört dann auch, ohne Unterhose durch Berlin zu laufen, in der U-Bahn ihre Brüste zu entblößen, in der Öffentlichkeit zu vögeln und auf Spielplätzen ohne Unterwäsche die Rutsche runterzugleiten.

Doch nicht jeder freut sich über den Ökoaktivismus, sie stoßen oft auch auf Widerstand. Feministinnen werfen ihnen vor, wie der Hochglanzpornografie übrigens auch, die Frauen zu unterdrücken und als Sexobjekte zu missbrauchen. Sie werden häufig beschimpft. Meist glaubt man ihren Rette-die-Welt-Aktionismus nicht und hält sie für ganz normale Exhibitionisten, die es gerne vor der Kamera treiben und die Welt daran teilhaben lässt. Auch ihr "hart erarbeitetes" Geld will keine Organisation annehmen. Die norwegische Regenwaldstiftung lehnte die Spende ab, nachdem Johansson und Ellingsen im Sommer 2004 mit vollem Körpereinsatz auf der Bühne eines Rockfestivals für ihr Projekt warben und daraufhin festgenommen wurden. Auch der niederländische und norwegische World Wilde Fund For Nature (WWF) schlug das Geld aus. In dem Schreiben - das auf der Seite nachzulesen ist - hieß es dazu: "Wegen unserem Grundsatz können wir unseren Markenname und Logo nicht mit manchen Organisationen koppeln." Den Regenwald durch den Verkauf von Bierkästen zu retten, scheint dem deutschem WWF allerdings nicht zu stören. Dass der Akt des Ökoporno-Aktivismus nicht jedem gefalle, würde noch mehr für unsere unterdrückte Gesellschaft sprechen, sagt Johansson. Doch wohin mit dem Geld? Laut eigenen Angaben fließen die Einnahmen jetzt in ein Wiederaufforstungsprojekt in Ecuador. Auf der Internetseite des SeedsDream Reforestation Project wird Fuck For Forest als Beitragszahler aufgelistet. In Costa Rica hat das Paar sogar Land gekauft und will dort tatkräftig werden. Jetzt gerade sei eine Gruppe ihrer Porno-Umweltschützer in Brasilien, um nach neuen Projekten Ausschau zu halten. Die Mitglieder der Internetseite werden in Onlinetagebüchern und durch Fotos über die Entwicklungen laufend informiert. Wirklich überprüfbar ist das allerdings nicht.

Wie die Pornos entstehen? "Wir planen nicht. Es passiert alles spontan", sagt Johansson. Ein wenig naiv und weltfremd ist das schon. Die Aktivisten lassen sich komplett von der Lust leiten. Fakt ist: Mit ihren Ökopornos sorgen sie für Aufsehen. Ob das reicht, um den ganzen Regenwald zu retten? Wohl kaum. Um den eigenen Exhibitionismus zu befriedigen, aber allemal.

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