Interview Jutta Allmendinger

"Wir haben Morgenröte gesehen

… ich hoffe nur, dass kein Sonnenuntergang draus wird", sagt die Präsidentin des Wissenschafts-Zentrum-Berlin. Ein Gespräch über Ungerechtigkeiten und Aufbrüche.

Deutschlands streitbarste Soziologin: Jutta Allmendinger Bild: dpa

taz.mag: Frau Allmendinger, ein Kritiker hat Ihre Berufung an die Spitze des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung so kommentiert: Sie macht viel Wind - und hinterlässt wenig Spuren. Empfanden sie das als dumm oder ungerecht?

Jutta Allmendinger: Weder noch.

Das ficht Sie nicht an? Die Chefin eines großen sozialwissenschaftlichen Instituts Europas quasi als flatterndes Huhn zu charakterisieren?

Finden Sie es so überraschend, dass Frauen als Hühner bezeichnet werden?

Sie gelten im Gegenteil als brillante Wissenschaftlerin.

Ich stelle keine Brillanzvermutungen über mich an.

Und Sie haben diese Gehässigkeit nicht wenigstens als ungerecht empfunden?

Nein, eher als eine Spiegelung der heutigen Gesellschaft. Gekränkt hat mich aber die Nachgeschichte dieser Kritik.

Und die verlief wie?

Ich bat ihn, mir das mal persönlich zu erläutern, was er mit seinem Urteil meinte.

Wie hat er reagiert?

Gar nicht. Und das hat mich richtig geärgert. Wenigstens hätte er das Rückgrat haben können, mit mir zu reden.

Apropos: Haben Sie das Gefühl, dass es zwischen den Geschlechtern heutzutage gerecht zugeht?

Wenn ich Gerechtigkeit so verstehe, dass Frauen und Männer gleiche Chancen haben, dann kann ich das auf alle Fälle verneinen.

Jutta Allmendinger ist die streitbarste deutsche Soziologin. Was ihr widersprüchliche Charakterisierungen eingebracht hat. Sie mache viel Wind, meinen die einen (FAS), sie ist ein "Hai im Karpfenteich" die anderen (taz).

Fest steht, dass Allmendinger früher schnell schwimmen wollte, sehr schnell - sie peilte für sich persönlich die Olympiade 1972 an. Irgendwann merkte sie, dass frau auch mit schnell Denken und Sprechen weiterkommen kann.

Jutta Allmendinger, geboren 1956 in Mannheim, studierte ebenda und in Wisconsin, später in Harvard Soziologie. Es folgten Wissenschaftlerinnen-Stationen erneut in Mannheim und Harvard, in Berlin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. An der Ludwig-Maximilians-Universität in München wird sie 1992 Professorin. Im Jahr 2003 wird sie Direktorin. Sie erklimmt die Spitze des Forschungsinstituts der Bundesanstalt für Arbeit, des IAB, wo sie unter anderem den Anteil von Frauen in Führungspositionen radikal auf 39 Prozent ausweitet.

Im Jahr 2006 erhielt sie den Ruf, das eher in Forscherkreisen bekannte, aber renommierte Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) zu leiten. Gleichzeitig ist sie Professorin für Soziologie an der Humboldt-Uni. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in sozialer Ungleichheit, Frauenforschung, Bildung und Lebensverlaufsstudien. Sie trat am WZB die Nachfolge des berühmten Historikers Jürgen Kocka an und ist seitdem so etwas wie die Chefin des noch viel berühmteren Sir Ralf Dahrendorf und 150 weiterer Forscher. Zum bevorstehenden 40. Geburtstag des WZB wird Frau Allmendinger einen mit 100.000 Euro dotierten Preis an die US-amerikanische Gerechtigkeitsphilosophin Martha Nussbaum überreichen. Zum 30. Geburtstag der taz wird Jutta Allmendinger auf dem tazkongress auftreten. Was ist das WZB? Eines der größten und besten außeruniversitären sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitute Europas. Gegründet von Bundestagsabgeordneten vor 40 Jahren, untersucht das WZB unter anderem die sozialen Erscheinungen und Systeme von Arbeit, Gesundheit, Märkten, Mächten, Demokratie, Innovationen und sozialer Sicherung, neuerdings auch von Bildung. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung wird zu drei Vierteln vom Bund und zu einem von Berlin finanziert. Insgesamt hat es ein Budget von 13 Millionen Euro. Es warb 2008 knapp 4 Millionen Drittmittel ein. Das WZB betreibt "problemorientierte Grundlagenforschung". Es entwickelt die Fragestellungen aus der wissenschaftlichen Diskussion heraus - anders als ein "Thinktank", der Auftragsforschung betreibt. Nicht wenige finden, dass Jutta Allmendingers größte Aufgabe am WZB darin besteht, das Institut bekannter zu machen. Das gehört zum selbstgestellten Arbeitsprogramm der Präsidentin, wenn auch indirekt. Allmendinger will das Institut internationaler machen, jünger, weiblicher und insgesamt sichtbarer. Im Ausland ist das schon mehr der Fall. Das WZB kooperiert mit Instituten überall auf der Welt, mit der London School of Economics, mit französischen Akademien sowie Berkeley und Harvard in den USA. Jutta Allmendinger wünscht sich für das WZB in zwanzig Jahren, dass es "noch stärker Impulse für Wissenschaft, Wirtschaft und Politik aussendet. Die starken Forschungsressourcen, das breite Disziplinenspektrum, die dichte wissenschaftliche Vernetzung und der eingeübte lange Atem werden dabei die Grundlage für die Vorreiterfunktion des WZB sein." Im Inneren soll das Institut "eine Organisation sein, die Beruf und Familie zu vereinbaren hilft und unterschiedlichen Menschen Kooperationsmöglichkeiten bietet, jungen und erfahrenen, Frauen und Männern, Deutschen und Internationalen, Behinderten und Nichtbehinderten." CIF

Warum?

Egal, ob ich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ansehe oder die doppelten oder dreifachen Belastungen von Frauen untersuche: Es geht nicht gerecht zu. Obendrein kommen noch kulturelle Unterschiede im Umgang von Männern mit Frauen hinzu.

Welche meinen Sie?

Nina Grunenberg, die ehemalige leitende Redakteurin der Zeit, hat dies neulich wunderbar deutlich gemacht. Sie sagte in ihrer Laudatio auf den scheidenden Generalsekretär des Wissenschaftsrats, Wedig von Heyden: dass eine seiner herausragenden Fähigkeiten war, Frauen normal zu behandeln. In gleicher Weise auf eine Frau zuzugehen, wie er es bei einem Mann tut. Sodass frau sich nie als irgendwie Spezielles oder Quotiertes fühlt.

Eine feine Geschichte. Aber was hat sie mit Gerechtigkeit zu tun?

Diese Geschichte beantwortet Ihre Frage. Frauen werden nicht gleich behandelt. Sie haben nicht die gleichen Chancen. Das ist unsere Realität.

Geht Ihnen das nah?

Ich habe ein dickes Fell. Sonst wäre ich nicht da, wo ich bin. Darüber hinaus zeigt es mir, dass ich Frauenförderung betreiben muss. Aber das reicht natürlich nicht. Es muss ein gesellschaftlicher Wandel her.

Sprechen wir weiter über Gerechtigkeit: Wo hapert es an ihr in Deutschland am stärksten?

Dass sich Deutschland zu einer verkrusteten Gesellschaft entwickelt hat, das ist die größte Ungerechtigkeit. Der Zusammenhang zwischen der Herkunft der Eltern und den Chancen der folgenden Generation wird immer enger.

Haben Sie eine Erklärung hierfür?

Es mischen sich verschiedene Faktoren. Erstens erkennen wir, dass der schulische Erfolg der Kinder stark von der Bildung und dem wirtschaftlichen Status der Eltern abhängt. Und zweitens kommen die Wirkungen der Langzeitarbeitslosigkeit vieler Eltern hinzu - sie beschert den Kindern miserable Chancen. Die Startbedingungen sind derart mies, dass für die betroffenen Kinder Korrekturen ganz schwer werden.

Ein Phänomen der sogenannten Unterschicht?

Nein, keineswegs. Menschen, die dauerhaft arbeitslos sind, verlieren generell Werte wie Mut, Zuversicht oder Aufstiegswillen. Und sie geben sie auch nicht mehr an Kinder weiter.

Das Bundessozialgericht hat kürzlich entschieden, dass die Hartz-IV-Sätze für Kinder verfassungswidrig sind - weil sie zu niedrig sind. Haben Sie sich über dieses Urteil gefreut?

Ja. Aber ich habe mich nicht gefreut, dass man das Geld in die Familien gibt. Ich bin eine starke Anhängerin von größeren Investitionen in die Infrastruktur, in die Bildung von früh an.

Was befürchten Sie, wenn das Geld direkt an die Familien ausbezahlt wird?

Ich befürchte nichts, Studien zeigen jedoch, was passiert: In den seltensten Fällen kommt dieses Geld direkt den Kindern zugute. Es wird für andere notwendige Dinge des täglichen Lebens ausgegeben.

Alkohol zum Beispiel?

Nö. Ein neues Bett oder einen anderen Kochtopf oder so etwas. Ich argumentiere hier nicht mit Alkoholismus, sondern mit Lebensnotwendigem.

Was wäre da in puncto Gerechtigkeit klug, politisch zu tun?

Ich bin dezidiert dafür, dass man Geld in die Infrastruktur steckt.

Was soll das bedeuten?

Dass das Geld für hochwertige Kinderkrippen und Kindergärten ausgegeben wird. Das würde besser helfen, den fatalen Zusammenhang zwischen den Chancen von Kindern und dem sozioökonomischen Hintergrund der Eltern zu lockern als höhere Hartz-IV-Sätze. Knapper gesagt: Investitionen in die frühe Bildungsinfrastruktur erhöhen die Chancen für Kinder deutlich.

Lässt sich Armut mit Bildungspolitik bekämpfen?

Das ist nicht Bildungspolitik im engeren Sinne, sondern eher präventive Sozialpolitik für diese Kinder. Dazu gehören verpflichtende Sprachtrainings für Menschen mit Migrationshintergrund. Wir brauchen eine stärkere Verflechtung von Schule und Elternhaus. Und wir müssen Schluss machen mit der Frontstellung, die wir immer noch haben: hier die Schule, da das Elternhaus.

Im Sinne des Credos: Yes, you can?

Ja. Wir müssen können wollen. Wir vermitteln diese individuelle Kompetenzen und diesen Mumm nicht. Man lernt das nicht in der Schule. Dort gibt es Noten, die für viele etwas Stigmatisierendes und Entmutigendes haben. Schulen sind ganz allgemein bei uns noch sehr viel stärker als in anderen Staaten durch Stereotypisierung geprägt. Das Schulsystem teilt die Kinder frühzeitig in Gruppen besserer und schlechterer Chancen ein …

das sind die Schulformen?

Ja. Damit verbunden ist, dass Deutschland immer noch stark an Zertifikaten festhält. Zeugnisse und Abitur sind immer noch entscheidend für den Hochschulzugang. Wir haben nicht gelernt, zu mehrdimensionalen Eingangskriterien an den Hochschulen überzugehen. Dabei haben Noten mit den Fähigkeiten der Kinder oft ganz wenig zu tun.

Konservative würden sagen, dass sich Leistung ja in irgendwelchen Chiffren ausdrücken muss.

Aber selbst Konservative können nicht mehr behaupten, dass es nur die eine Chiffre gibt, das Zeugnis. Das ist einfach Unsinn. Es kommt auf ganz viele Kompetenzfelder an, nicht nur auf Noten.

Können Sie uns erklären, warum die Vergötterung des Gymnasiums in Deutschland derart intensiv ist?

Die speist sich noch aus gesellschaftlichen Vorstellungen aus dem 19. Jahrhundert: Schuster, bleib bei deinem Leisten! Man geht davon aus, dass man den eigenen Status an die Kinder und Kindeskinder übergeben kann - und nicht höher hinaus soll.

Die Bundesregierung legt gerade ein Konjunkturförderprogramm auf. Vielleicht hilft das ja auch gesellschaftlichen Gruppen zum Aufstieg?

Noch weiß man das nicht, aber ich glaube nicht daran.

Sie sind uns eine schöne Pessimistin!

Realistin! Zuerst einmal betragen die Mittel für die Bildungseinrichtungen nur einen Bruchteil dessen, was man brauchte. Zweitens hat der Bund so gut wie keinen Einfluss darauf, ob das Geld wirklich sinnvoll investiert wird. Die Verteilungsmechanismen des Konjunkturpakets II sehen vor, dass 70 Prozent des Geldes an die Kommunen gehen. Somit geht ein Großteil an Kitas und Schulen, was ja erst mal positiv ist, weil man hier besonders früh im Bildungssystem ansetzt. Es ist aber nicht auszuschließen, dass mit der Gießkanne verteilt wird. Oder dass sich die am besten organisierten und ausgestatteten Einrichtungen und Kommunen zu Wort melden und die Gelder gerade nicht in die Sanierung und Verbesserung unserer vielen Rütlischulen fließen. Drittens ist zu erwarten, dass die jetzigen Ausgaben in den nächsten Jahren zu Einsparungen führen werden, etwas im Hochschulbereich. Das können wir uns angesichts der doppelten Abschlussjahrgänge und des allgemeinen Akademikermangels überhaupt nicht leisten. Man darf die verschiedenen Bildungsbereiche und die kurz- und langfristig wirkenden Investitionen nicht gegeneinander ausspielen.

Sie reden sich in Rage.

Ich mache mir wirklich Sorgen. Es gibt in diesem Konjunkturpaket kein weitsichtiges Konzept für die Verteilung der Mittel in die Bildung. Es kommt mir schon wieder total falsch herum gestrickt vor. Wie mir Deutschland oft falsch herum vorkommt.

Wollen Sie uns das konkretisieren?

Die Konjunkturgelder müssen in den Jahren 2009 und 2010 ausgegeben werden. Achten Sie mal darauf, wer in der Lage sein wird, den Arme hochzuheben mit tollen Projekten, die ja schon in der Schublade liegen müssen. Das sind weniger die Hauptschulen in den Problemgebieten als die Einrichtungen der gehobenen Mittelschichten und Gymnasien.

Wo würden Sie die 50 Milliarden Euro hinstecken?

Gezielt in die Problemgebiete, die es überall in Deutschland gibt. Dorthin, wo die Kindergärten verwahrlost sind, das pädagogische Personal fehlt, die Gruppen viel zu groß sind. Es gibt Orte, da kommen Kinder erst gar nicht in die normale Schule, die werden, vom Kindergarten kommend, direkt in Sonderschulen gesteckt. Das ist inakzeptabel. Und ein sicherer Indikator dafür, dass sich jene aufstiegsfeindlichen Milieus herausgebildet und verfestigt haben, von denen wir sprachen. Der Staat darf diese Milieus nicht auch noch bedienen, indem er deren Kinder auf die toten Gleise des Schulsystems setzt. Er muss für diese Kinder Ausgänge und Anschlüsse bereitstellen.

Der Ärger mit den gutbürgerlichen Vierteln ist Ihnen garantiert.

Den würde ich in Kauf nehmen, ich würde ihn sogar lieben.

Im Ernst?

Veränderung geht nicht ohne Ärger. Bin ich denn naiv? Warum soll ich annehmen, dass die gutbürgerlichen Viertel es großartig finden, wenn die Rettungsgelder in die Bildungsnotstandsgebiete fließen? Wenn vom Geld in den Kindergärten des Bürgertums nicht, was weiß ich, die zehnte Carrerabahn angeschafft oder Mandarinunterricht für Dreijährige angeboten wird?

Hamburg plant gerade eine Bildungsreform. Ziel ist unter anderem, Gettoschulen zu helfen. Dagegen macht eine Bürgerinitiative mobil. Warum wehren sich die Leute dagegen?

Der Widerstand wird sich auf lange Sicht nicht halten können. Es sind gesellschaftliche Veränderungen im Gange, die sich auch die reichen Hamburger nicht mehr lange cool mit anschauen können. Wir stehen vor einem gigantischen Fachkräftemangel. Und es kommen demografische Verwerfungen hinzu. Ich bin also sicher, dass sich der Diskurs über Bildungsarmut verändern wird. Nur dann wird schon vieles zu spät sein.

Aber weshalb erkennen die Hamburger es nicht schon jetzt?

Aus dem kurzfristigen Interesse nach Statussicherung. Hauptsache, das Geld bleibt in der eigenen Familie. Und die Chancen gleich dazu.

Dass ein Hamburger als Familienvater so handelt, okay. Aber wieso handeln die Hamburger als Hanseaten so? Eine superglobalisierte Stadt wie Hamburg kann es sich kaum leisten, massenhaft Risikoschüler zu produzieren.

Tonnen soziologischer Literatur verraten uns, dass diese Kurzsichtigkeit keine Hamburger Besonderheit ist. Die Leute denken nicht zehn bis fünfzig Jahre voraus. Nehmen sie die absehbare Energiekrise oder die globale Erwärmung. Der Planet sorgt nicht vor. Den Leuten das klarzumachen bedeutet Streit und Konflikt - da muss man durch.

Sie werden doch ständig eingeladen, nicht nur zum taz-Kongress. Hören die Leute auf die Präsidentin eines großen Forschungsinstituts?

Im Gegenteil. Die werfen mir vor, dass ich seit zwanzig Jahren immer das Gleiche erzähle - nur eben jetzt mit besseren Statistiken und raffinierter aufbereiteten Daten. Ich sage denen: "Und Sie hören mir seit zwanzig Jahren zu und unternehmen: nichts!"

Das muss für Sie frustrierend sein.

Frustration ist nicht mein Lieblingsgemütszustand. Manchmal möchte ich allerdings zur Publikumsbeschimpfung übergehen.

Zu welchem Zweck lädt man Sie dann ein?

Die wollen ihr Gewissen beruhigen. Die hören sich zu einem Festakt mal ein paar unangenehme Dinge über die Gesellschaft an. Dann gehen sie nach Hause - und alles bleibt, wie es ist.

Ein unerklärliches Phänomen, finden Sie?

Soziologisch ist es unterbelichtet, tatsächlich. Die Leute konsumieren beunruhigende Interpretationen gerade so, wie sie Süßigkeiten kaufen. Aber sie engagieren sich nicht selbst für Reformen, die sie verbal selbst durchaus wünschen. Deswegen wollen wir am Wissenschaftszentrum auch herausfinden, warum die Menschen, die gesellschaftliche Ungerechtigkeit erfahren, sie durchaus auch so bewerten, aber sich nicht dagegen wehren.

Mögen Sie uns jetzt schon sagen, wie die skizzierte Lethargie funktioniert?

Die Leute erkennen eine ungerechte Gesellschaft, aber innerhalb der Hackordnung finden sie immer noch ganz viele Menschen unter sich. Damit beruhigen sie sich.

Woher wissen Sie das?

Wir haben uns über tausend Familien angeschaut. Wir ziehen drei Stichproben, Empfänger von Arbeitslosengeld I, von Arbeitslosengeld II und normal Beschäftigte. Wir fragen sie: Wo ist eure gesellschaftliche Position? Achtzig Prozent der Befragten ordnen sich dann so ein, dass noch viele unter und relativ wenig über ihnen sind. Selbst wenn sich die Hartz-IV-Bezieher ein wenig weiter unten einordnen - auch sie gehen davon aus, dass noch welche unter ihnen stehen.

Eventuell haben sie die soziologische Frage nicht verstanden?

Nein, das glaube ich nicht. Das ist alles optisch sehr einfach aufbereitet. Wir bieten drei Modelle an: eine Zwiebel, wo nur wenige oben und unten stehen. Ein Modell, bei dem die Reichen, die Mittelschicht und die Armen gleich groß sind. Und eine Pyramide, wo es ganz wenige oben gibt und ganz viele unten. Alle Befragten wählen die Pyramide aus, um darin ihre gesellschaftliche Position abzubilden. Und ordnen sich dort exakt so ein, als lebten sie in einer ständischen Gesellschaft.

Der Arme sieht sich nicht als arm.

Doch, aber sie ziehen die Armutslinie eben so, dass viele Arme unter ihnen stehen. Das Abgrenzen nach unten ist wichtiger als das Empfinden, dass sie selber unten sind. Meines Erachtens erklärt das, warum das Reformpotenzial so niedrig ist. Sie sehen immer noch Leute, denen es dreckiger geht.

Warum steckt so wenig American Dream in den Leuten, so wenig Wille zum Aufstieg?

Zu große Sprünge auf der Karriereleiter nach oben sind innerhalb der Familien wenig akzeptiert. Maßvolle Statuserweiterungen, ja. Aber man kann das nicht nur den Leuten anlasten. Es geht auch um die systemischen Rahmenbedingungen.

Die wir wie verstehen sollen?

Andere Länder sind viel durchlässiger, während wir noch große Zäune zwischen den unterschiedlichen Systemen haben. Wir haben keine Reparaturmechanismen im Sinne einer zweiten Chance, die wir Menschen geben. Wir geben denen eine Chance am Anfang des Lebens. Aber wir sind extrem schlecht darin, diesen Leuten dann noch zu einer zweiten und dritten Chance zu verhelfen.

Was könnte man dagegen tun?

Es geht nicht um einzelne Details. Was derzeit in Deutschland zur Diskussion steht, ist das gesamte Bismarcksche Sozialstaatsmodell. Es ist ein in sich geschlossenes Konzept, das in Kombination mit dem deutschen Bildungssystem gesellschaftliche Mobilität nicht begünstigt.

Welche Gründe gibt es, dass in Skandinavien alles schichtdurchlässiger funktioniert?

Weil sie dort eine ganz andere Tradition des Sozialstaats haben. Das skandinavische Wohlfahrtssystem setzt zum Beispiel auf eine wesentlich stärkere Fluktuation zwischen Nichtarbeit und Arbeit. Die soziale Absicherung beruht auf Staatsbürgerrechten - und nicht auf der Dauer der Erwerbstätigkeit. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie bedeutend dieser Punkt in einer Welt der Arbeit ist, die von Teilzeitjobs und gestückelten Beschäftigungsphasen geprägt ist.

Für den Laien: Wie ist es hier?

Bei uns passen die abgeleitete Kranken- und Rentenversicherung, das Halbtagsschulsystem, das Ehegattensplitting und die Steuerklassen perfekt zusammen. Dieses System begünstigt, ja belohnt, wenn sich die Mutter als Chefin der Familie nachmittags um die Kinder kümmert. Ein Konzept übrigens, das immer weniger mit den Ansprüchen von Frauen und ihrer sozialen Wirklichkeit zu tun hat.

Sehen Sie keine Morgenröte? Mädchen machen die besseren Schul-, Berufs- und Uniabschlüsse.

Ich habe diese Morgenröte ja in einer Studie selbst formuliert. Die Frauen von morgen sind selbstbewusst, stark und lassen sich nicht mehr manipulieren. Sie wollen einen Beruf und eigenes Geld, und sie wollen fast alle Kinder. "Ich weiß, dass ich gut bin" - das denken 99 Prozent der Befragten von sich.

"Diese Frauen werden die Gesellschaft wachrütteln", haben Sie bei der Vorstellung der Brigitte-Studie gesagt.

Genau. Wobei man sich immer noch wundern kann …

Pardon, was meinen Sie?

Es war eine Brigitte-Studie. Mancher Rezensent hätte am liebsten "Igitte" gesagt. Aber das ändert nichts an der Aussage. Wir haben Morgenröte gesehen - ich hoffe nur, dass kein Sonnenuntergang daraus wird.

Was zweifeln Sie?

Unser empirisch unterlegter Optimismus rührt daher, dass wir das Zusammenspiel von demografischer Entwicklung, Bildungserfolgen von Frauen und Arbeitsentwicklung betrachtet haben.

Wo ist das Problem?

Frauen sind unabdingbar notwendig für den Arbeitsmarkt von morgen. Arbeitgeber sind ausschließlich aus Gesichtspunkten wirtschaftlicher Notwendigkeit auf Frauen angewiesen.

Ist doch gut, oder?

Ein Drittel der Frauen im Job sagt, sie wollen später in die Chefsessel. Es ist also alles da! Ich weiß dennoch nicht, ob die interviewten 20- bis 27-jährigen Frauen nicht aufgerieben werden von einer Gesellschaft, die das immer noch nicht als Normalität ansieht. Ich weiß nicht, inwieweit diese Frauen das Rückgrat haben, diese Positionen durchzuhalten und nicht in die Knie gehen.

Warum sollten sie das tun?

Ich gebe Ihnen ein kleines Beispiel. Ich habe eine Stelle am WZB ausgeschrieben, eine hervorgehobene administrative Stelle - und bin bestürzt, wie viele Frauen sich bewerben, die mit "summa cum laude" promoviert haben. Ich würde sagen, das sind die Sterne am Professorenhimmel von morgen! Aber sie bewerben sich auf eine Verwaltungsposition. Das macht mich ratlos.

 

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