Seniorenstudium

Alte studieren nicht anders

Seniorenstudenten leiden unter den gleichen Problemen wie die jungen: Das Studium ist abstrakt und wenig handlungsorientiert. Manche nutzen das Studium zum Neustart ins Arbeitsleben.

Unterscheiden sich alte Studenten etwa doch nur optisch von den Jüngeren? Bild: ap

Im Wintersemester 2007/2008 waren an deutschen Hochschulen 38.400 Gasthörer eingeschrieben. Während die Zahl der Gasthörer insgesamt stagniert, wuchs die Gruppe der über 60-Jährigen um 57 Prozent an. Sie macht jetzt fast die Hälfte aller Gaststudierenden aus. Über 50 Universitäten bieten ein Seniorenstudium an. Manche öffnen Teile ihrer regulären Lehre für Ältere, andere haben spezielle Lehrveranstaltungen, getrennt vom Regelstudium. Die Uni Ulm bietet ein strukturiertes Programm, fachliche Begleitung und die Möglichkeit eines Abschlusszertifikats.

www.zawiw.de

Die siebzigjährige Frau ist ganz zufrieden. "Ich hoffe, dass ich bei privaten Veranstaltungen mit dem Wissen ein wenig glänzen kann", sagt sie. Mit ihrer Eitelkeit ist die Seniorenstudentin nicht allein - Studenten geben ja gerne mit ihrem Wissen an. Die Frau hat zwei Veranstaltungen über Venedigs Gebäude und Malerei in jeweils anderthalb Wochenstunden besucht. Und schon fühlt sie sich akademisch gebildet. "Das war ein sehr kenntnisreicher Doktor", erzählt sie, "der uns auch gar nicht aufforderte, irgendwas vor oder nachzubereiten."

Seniorenstudium ist in. In den letzten zehn Jahren ist ein regelrechter Run auf die Hochschulen ausgebrochen. Um fast 60 Prozent stieg die Zahl der grauen Panther im Hörsaal an (siehe Kasten). Aber viele Universitäten öffnen einfach einen Teil ihrer Veranstaltungen für Senioren. Eigene Seminare gibt es kaum.

Der ehemalige Kriminalkommissar mit Mittlerer Reife bereitet zu Hause mühsam die Seminarinhalte nach. Sonst kann er von dem Lehrstoff kaum profitieren. Dabei zahlt er viel Geld. Als Gasthörer an der Uni Mainz bezahlt er 140 Euro für bis zu vier Semesterwochenstunden und eine reduzierte Gebühr von 100 Euro für jedes "Studieren 50 Plus"-Angebot. Selbst eine zweistündige Einführung in die Nutzung der Universitätsbibliothek kostet ihn 40 Euro.

"Die Alten, die gehören nicht an die Uni. Die nehmen uns die Plätze weg", das hat der Seniorenstudent schon öfter gehört. "Da diskutiere ich dann gar nicht drüber, weil, ich bezahle ja auch hierfür."

Das Seniorenstudium ist angeblich eine wertvolle Angelegenheit. Es "fördert die gesellschaftliche Partizipation und den Erhalt von Leistungsvermögen im Alter" - so argumentiert die Bundesarbeitsgemeinschaft Wissenschaftliche Weiterbildung für Ältere. In der AG sind die für die Weiterbildung älterer Erwachsener verantwortlichen Institutionen zusammengeschlossen. Die soziologische und psychologische Alternsforschung habe den Nutzen bewiesen, teilt die AG mit. Aber trägt ein Seminar über die Architektur griechischer Tempel zur gesellschaftlichen Partizipation bei? Und erhöht die Lektüre von Novalis-Fragmenten das Leistungsvermögen im Alter?

Carmen Stadelhofer sagt: Es kommt drauf an, wie man es macht. "Ich glaube, dass das rein rezeptive Lernen überhaupt nichts bringt", sagt die Geschäftsführerin des Zentrums für wissenschaftliche Weiterbildung an der Uni Ulm. Sie hat ein Konzept des forschenden Lernens für Senioren eingeführt. In Arbeitskreisen suchen die Seniorenstudenten nun Antworten auf selbst gewählte Fragen. Geforscht wird in regionalgeschichtlichen Arbeitskreisen zur Situation der Ulmer Kriegswitwen nach 1945 oder zu Fragen der Humangenetik. Da die Teilnehmer sich stark mit ihren Themen identifizieren, investieren sie auch Zeit und Geld in Recherchereisen.

Die Entwicklungspsychologin Ursula Staudinger beschäftigt sich mit Bildung und Lernen jenseits der 50. Für Erwachsene sei besonders Handlungslernen wichtig, sagt die Professorin der Jacobs University in Bremen. "Etwa, wenn uns ein Bekannter eine neue Funktion seines Handys erklärt." Umwelt- oder Gemeindeprojekte im Rahmen des bürgerschaftlichen Engagements bieten nach Staudingers Meinung gute Möglichkeiten für Handlungslernen. "Aber man tut dies spielerisch, weil man ein Handlungserfolgsziel im Kopf hat. Und nicht: Ich sitz jetzt in dieser Vorlesung und will begreifen, was vermittelt wird. Ich glaube, dass das für die Mehrzahl der Älteren vielleicht der bessere Weg ist, neue Dinge zu lernen und sich geistig fit zu halten."

In Frankfurt/Main gibt es an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität seit 1982 die "Universität des 3. Lebensalters" (U3L), ein Verein, der akademische Weiterbildung mit Forschung auf dem Gebiet der sozialen Gerontologie verbindet. Das Programm beinhaltete lange auch 350 normale Seminare der Uni, die für Seniorenstudenten offen waren. 2005 schloss die Unileitung die offenen Veranstaltungen - denn bei über fünfzig Prozent Seniorenstudenten in manchen Hörsälen sahen die Jungen ihren Erfolg gefährdet. "Die Finanzlage erlaubt es immer weniger, die Senioren auf Steuerkosten im Hochschulsystem sozusagen unauffällig mitzunehmen", begründet ein Rektor, warum nun auch die Alten unter der Finanzkrise der Unis leiden.

In Frankfurt müssen die Senioren seitdem Gasthörergebühren zahlen. Die U3L erweiterte daraufhin ihr Programm, warb verstärkt Universitätsdozenten an und finanziert einzelne Lehraufträge der Fachbereiche - so dass nun die Jungen Gäste der Universität des 3. Lebensalters sind. Vereinsbeiträge und 100 Euro Semestergebühr werden vor allem für Raummiete und Dozentenhonorare aufgewendet. Das Seminar über die moderne deutsche Kurzgeschichte schließt eine "gattungspoetologische Reflexion" ein - also nicht der beliebte "literarische Spaziergang", der auch im VHS-Programm steht.

Seit 2006 gibt es aber auch eine Alternative zur Universität: Das "Europäische Zentrum für universitäre Studien der Senioren" im lippischen Bad Meinberg bietet neben einem einjährigen Studium generale die Studiengänge "Management im bürgerschaftlichen Engagement" und "Senior Consultant" an. "Die universitäre Weiterbildung befähigt Praktiker zu einer längeren Beschäftigung und zur Übernahme neuer Aufgaben", wirbt Bad Meinberg. Seniorenstudium nicht als intelligenter Ausklang - sondern als Neustart ins Arbeitsleben. Das Meinberger Angebot wird finanziert aus Zuschüssen von Land, Kreis und Stadt sowie den Teilnehmerbeiträgen von 1.500 Euro für den Kurs. 2007 wurde Bad Meinberg für seine Seniorenuniversität im deutschlandweiten Wettbewerb "365 Orte im Land der Ideen" ausgewählt. Die Robert-Bosch-Stiftung zeichnete die Initiative mit einem Preis zum Thema "Zukunft Alter" aus. Begründung: Sie gebe älteren Menschen Raum, ihre Kompetenzen in verantwortungsvolles Handeln für das Gemeinwesen einzubringen.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de