Film über Afghanistan-Veteranen

Der Kampf geht weiter

Mit "Willkommen zuhause" traut sich der SWR an einen TV-Film über traumatisierte Afghanistan-Veteranen (Montag, 20.15 Uhr, ARD). Ein guter Film, der Debatten auslösen könnte.

Allein mit seinen Gewalterlebnissen: Afghanistan-Heimkehrer Ben (Ken Duken). Bild: swr/andreas böhmig

Am klassischen Termin des gehobenen ARD-Fernsehfilms senden das Erste und das ZDF neuerdings ziemlich oft Prestigestücke gegeneinander, am letzten Mittwoch um 20.15 Uhr etwa "Die Weisheit der Wolken" gegen "Die Fälscher". Und jetzt auch noch am Montag, dem klassischen ZDF-Termin.

Während am Montag der ambitionierte ZDF-Dreiteiler "Die Wölfe" weitergeht, läuft in der ARD statt der üblichen Naturreportagen der Fernsehfilm "Willkommen zuhause". So etwas werde nicht öfter als dreimal im Jahr vorkommen, wiegelt der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust ab, der als SWR-Intendant "Willkommen zuhause" verantwortet. Dieser Film sei nur verlegt worden, weil am ursprünglichen Sendetermin das ZDF "Ein Mann, ein Fjord" programmiert hatte. Gegen den massiv beworbenen Kerkeling-Film hätte der SWR-Film nicht die Zuschauer bekommen, die er verdient habe.

Verdient - in der Tat. Es geht um ein im Fernsehfilm seltenes Thema. "Bundeswehrsoldat Ben Winter kehrt aus dem Afghanistan-Einsatz ins friedliche Deidesheim zurück. Weder er noch seine Umgebung sind darauf vorbereitet, dass er von der Friedensmission unsichtbare Wunden mitgebracht hat", lautet die Inhaltsangabe. Es sei "der erste deutsche Fernsehfilm, der sich mit den Folgen von Auslandseinsätzen der Bundeswehr für die rückkehrenden Soldaten auseinandersetzt", wirbt die ARD.

Der erste - na ja. 2008 lief im Forum der Berlinale "Nacht vor Augen" von Regisseurin Brigitte Maria Bertele und Autorin Johanna Stuttmann. Dieses ebenfalls vom SWR koproduzierte Werk entstand an der Filmakademie Ludwigsburg und weist viele Ähnlichkeiten mit dem Fernsehfilm auf: Hier kehrt Soldat David aus Afghanistan in den Schwarzwald zurück. Wie dort Ben wird er von den etablierten Eltern, alten Kumpels und einer entzückenden Freundin (in "Nacht vor Augen" Petra Schmidt-Schaller, in "Willkommen zuhause" Mira Bartuschek) freudig begrüßt. Was die Soldaten erlebt haben, können sie nicht wissen. Es ergibt sich auch keine Gelegenheit zu ernsthaften Gesprächen, da die geselligen Südwestdeutschen immerzu grillen oder in der Kneipe hocken und die Freundinnen natürlich endlich Sex wollen. Über ihre Traumata sprechen David und Ben nicht. Ihre Gewalterlebnisse führen zu Ausbrüchen, die nichts ins geordnete Milieu ihrer Herkunft passen.

Ken Duken in der ARD, Hanno Kofler im Hochschulfilm spielen das ähnlich hervorragend. Die Handlungen unterscheiden sich nur leicht: Während David einen kleinen Halbbruder hat, der von Gleichaltrigen verprügelt wird, begegnet Ben im Primetimefilm der älteren, attraktiven Nachbarin (Ulrike Folkerts).

Die Projekte seien in unterschiedlichen Redaktionen parallel entwickelt worden, sagt die für "Nacht vor Augen" verantwortliche SWR-Redakteurin Stefanie Groß. Die "thematische Doublette" sei aufgefallen, "aber wir sind entspannt damit umgegangen, weil das Thema so wichtig ist, dass es zwei Thematisierungen verträgt". Er habe die Idee 2005 anhand eines Zeitungsartikels entwickelt, sagt "Willkommen zuhause"-Autor Christian Pfannenschmidt, und 2007 das Okay vom SWR bekommen. Im selben Jahr gewann das "Nacht vor Augen"-Skript den Baden-Württembergischen Drehbuchpreis. Die Filme sprächen verschiedene Zielgruppen an, sagt Redakteurin Groß, ein Hochschulfilm sei ja etwas anderes als einer für den Hauptabend.

Tatsächlich springen die Übereinstimmungen vor allem ins Auge, weil der ARD-Film durch dezente Machart überrascht. Obwohl von den Eventfilmspezialisten teamworx produziert, unterläuft "Willkommen zuhause" am TV-Mainstream orientierte Seherwartungen. Er arbeitet mit einfachen, aber eindringlichen Assoziationen. Und am Ende montiert Regisseur Andreas Senn (demnächst mit dem verschwurbelten Ost/West-Puff-Drama "Lilys Geheimnis" montags im ZDF) Aussagen ehemals und aktuell amtierender politischer Amtsträger über den deutschen Afghanistaneinsatz. Das bringt auf den Punkt, was beide Filme implizieren: Über das Paradoxon des Friedenseinsatzes, bei dem Soldaten, ohne zu kämpfen, Terroristen bekämpfen, gibt es die eigentlich nötige gesellschaftliche Verständigung nicht.

Insofern könnte "Willkommen zuhause", wenn auch nicht der allererste fernsehfinanzierte Film zum Thema, mal wieder einer sein, der aktuelle Debatten nicht nur als Krimikulisse verwendet, sondern Debatten auslöst. "Nacht vor Augen" wiederum, Gewinner etwa beim First-Steps-Preis 2008, ist in zwei Kategorien für den Deutschen Filmpreis 2009 vornominiert, wird aber wohl nicht ins Kino kommen. Antikriegsfilme finden kein Publikum, sagen Verleiher. Im Herbst feiert der Film in der SWR-Reihe "Debüt im Dritten" TV-Premiere und wandert anschließend vielleicht ins Erste. Dort dürfte dann schon der gerade abgedrehte "Bloch"-Film gelaufen sein, in dem Dieter Pfaff auf einen in Afghanistan traumatisierten Exsoldaten trifft. Das ist auch gut so, schließlich ist der Krieg, der nicht so genannt wird, ein wichtiges Thema, das mehrmals auftauchen darf.

Bloß ihren albernen Programmkrieg, in dem sie die vielen von den frisch erhöhten GEZ-Gebühren hergestellten Filme in direkter Konkurrenz zueinander senden, sollten ARD und ZDF bald beenden.

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