Friedlicher Protest im Westjordanland

Leben im Schatten der Mauer

Die Palästinenser im Westjordanland haben den Krieg in Gaza nur aus der Ferne beobachtet - den Glauben an eine Zweistaatenlösung haben viele längst verloren.

Scheinbar unüberwindbar ist die Mauer zwischen Israel und dem Westjordanland.  Bild: dpa

JERUSALEM taz Über dem leeren Marktplatz flattern die grünen Fahnen der Hamas und die gelben der Fatah träge im Wind, aus einem Kassettenrekorder scheppert eine Koranrezitation, die meisten Läden sind um die Mittagszeit geschlossen. Ni'ilin ist ein verschlafenes 5.000 Seelen-Kaff im Westjordanland, direkt an der Grenze zu Israel. Seit hier im Mai 2008 mit dem Bau der "Trennungsmauer" begonnen wurde, die eine israelische Siedlung umschließen, Ni'ilin aber in zwei Teile zerschneiden und ihm ein Drittel seines Landes nehmen wird, haben sich die Bewohner zum friedlichen Protest entschlossen - Hamas hin, Fatah her.

Die wöchentlichen Demonstrationen haben Ni'ilin, wie andere Grenzorte zuvor, zum Zentrum des gewaltlosen Protests im Westjordantal gemacht. Allenfalls mit Steinen wehren sich die Protestler gegen die israelische Armee, die mit Tränengas, Gummigeschossen und scharfer Munition gegen sie vorgeht oder eine komplette Ausgangssperre über den Ort verhängt.

"Wenn wir Gewalt anwenden wie in Gaza, dann bringen sie uns um. Wenn wir gewaltlosen Widerstand leisten, dann auch", sagt Hindi Mislah sarkastisch. Der 26-Jährige ist ein Film-Student aus Bethlehem, trägt einen roten Kapuzenpulli und hat im Internet eine Facebook-Gruppe gegründet, um auf die Proteste in Ni'ilin aufmerksam zu machen.

Mit Kameras haben seine Freunde die Gewalt der Armee dokumentiert: Der Fall eines Soldaten, der einem gefesselten Palästinenser in den Fuß schoss, machte im vergangenen Jahr sogar in Israel Schlagzeilen. Doch seit am 27. Dezember der 22-jährige Student Arafat Al Khuaja am Ortsausgang von einer Patrouille erschossen wurde, als er mit Freunden gegen den Krieg in Gaza demonstrierte, herrschen in Ni'ilin Trauer und Angst. Selbst die linken Aktivisten von den "Anarchists against the Wall" aus Israel, die sich aus Solidarität jede Woche an den Protesten beteiligen, trauen sich jetzt nicht mehr auf die andere Seite der Mauer.

Der junge Arafat Al Khuaja ist bereits das vierte Opfer der Auseinandersetzungen um Ni'ilin. Das dokumentieren die vier frischen Gräber vor der Moschee am anderen Ende des Ortes. "Es ist ja nicht so, dass uns unsere Kinder egal sind, wie Israel gerne behauptet", sagt Hindi Mislah resigniert. Dann führt er die Besucher über die Felder, um ihnen den Stand der Bauarbeiten der Mauer zu zeigen. Dort bekommen sie eine Kostprobe derjenigen Rituale, die den Kampf um Land in der Westbank so aussichtslos wirken lassen. Die kleine Gruppe erregt die Aufmerksamkeit einer israelischen Patrouille, die sie unwirsch zur Umkehr auffordert. Als einer der Jungen daraufhin mit ein Steinen nach den Soldaten wirft, antworten diese ohne Vorwarnung mit einer Ladung Tränengas.

Das Westjordanland ist eine absurde Landschaft: Gespickt von Checkpoints, Straßensperren und Wachtürmen, thronen auf vielen Hügeln israelische Wohnsiedlungen, die mit ihren akkuraten, abgezirkelten Reihenhausblocks wie eine Fata Morgana aus einer anderen Welt wirken. Wer dort wohnt, lebt in einer völlig anderen Realität als die Palästinenser in unmittelbarer Nachbarschaft. Die breiten, asphaltierten Hauptstraßen, die zu Siedlungen und Militärstützpunkten führen, sind für gewöhnliche Palästinenser gesperrt. Damit die ursprünglichen Bewohner des Westjordanlands überhaupt von einem Ort zum anderen gelangen, werden inzwischen Tunnel gebaut, die unter den Hauptstraßen und Autobahnen hindurch führen und quasi eine zweite Ebene bilden - Kafka in Palästina.

Wenige Kilometer, die zwischen zwei Dörfern liegen, verwandeln sich durch die vielen Hürden und Barrieren in eine erstaunliche Distanz. So dauert es mehr als eine Stunde, um von Ni'ilin ins östlich von Ramallah gelegene Dorf Yabroud zu gelangen. Dort empfängt das örtliche Frauenkommitee die Gäste im Raum der örtlichen Krankenstation. Kürzlich haben sie hier Sachspenden für die Opfer von Gaza gesammelt. Die fröhliche Ismahan Daoud, 43 Jahre alt und Mutter von zwölf Kindern, trägt Kopftuch und ein traditionelles Kleid. Vor zwanzig Jahren kehrte sie aus Kuwait, wo ihr Mann gearbeitet hatte, zurück in ihr Heimatdorf. Ihre Nachbarin Hanna Dalat Davut, 41, kam 1991, als die palästinensischen Gastarbeiter nach dem Irakkrieg aus dem Emirat herausgeworfen wurden. Damals kam sie nach Yabroud, ins Dorf ihres Ehemanns. Die Angehörigen der zierlichen Frau im züchtigen islamischen Dress leben im nahen Jordanien. Besuchen kann Hanna Davut ihre Verwandten nicht, nur anrufen - bei dem Gedanken daran röten sich ihre Augen. Gerade erst hat sie, die Mutter von sechs Kindern ist, nach 17 Jahren endlich eine Aufenthaltsgenehmigung von den israelischen Behörden erhalten und die will sie nicht wieder verlieren.

Da geht es ihr wie Hekmat Naji, Mitarbeiterin von medico international aus Ramallah, die Besucher durch das Westjordanland führt. Sie stammt ursprünglich aus Gaza, lebt heute aber in Ramallah, wo sie zum zweiten Mal geheiratet hat. Ihr Sohn sitzt in Gaza fest, nachdem er vor anderthalb Jahren dorthin gefahren ist, um seinen Vater zu besuchen. Jedoch wurde er nicht wieder herausgelassen. Jeden Tag ruft Hekmat Naji ihn an, um sich nach seinem Wohlbefinden und der Lage dort zu erkunden. "Die Leute dort trauen sich schon seit Jahren kaum aus dem Haus und ziehen sich auf den engsten Familienkreis zurück", sagt sie über den Effekt der jahrelangen Isolation des Küstenstreifens. Und: "Gaza braucht hundert Jahre, bis es sich von diesem Krieg erholt."

Auch Dr. Muhammad Iskafi, 48, war wegen der strengen Abriegelung der Region schon lange nicht mehr in Gaza. Er ist Direktor der Palestinian Medical Relief Society (PMRS), die in palästinensischen Dörfern mit mobilen Kliniken eine Art Basisgesundheitsdienst anbietet. Jetzt, da die Waffen schweigen, möchte er mit anderen Ärzten und Krankenschwestern in die Enklave am Mittelmeer fahren, um Nothilfe zu leisten und die Verletzten zu versorgen. Seit zwei Jahren, solange regiert dort die Hamas, haben die israelischen Behörden keinen der PMRS-Ärzte auf die andere Seite der Palästinensergebiete mehr gelassen, obwohl seine Organisation von der Abteilung für Humanitäre Hilfe der EU-Kommission (ECHO) gefördert wird. "In Gaza fehlt es jetzt an allem", weiß Mohammed Iskafi, der mit seinen Kollegen dort telefonisch in engem Kontakt steht. "Die Krankenhäuser von Gaza stehen unter Verwaltung der Hamas, aber für uns hat sich dadurch nichts geändert. Die Hamas behindert uns nicht, sie akzeptieren unsere Arbeit", sagt er.

Die Sonne senkt sich über der Mukat'aa, dem einstigen Amtssitz von Yassir Arafat in Ramallah, als Rafiq Husseini in das Konferenzimmer der "Palästinensischen Autonomiebehörde" bittet. Aus dem Fenster kann der rundliche Politiker, wenn er will, auf das kürzlich fertiggestellte, in hellem Sandstein erstrahlende Mausoleum des Beinahe-Staatsgründers blicken, an dessen Grab zwei ständige Wachposten unmerklich von einem Bein aufs andere treten. Rafiq Husseini ist Stabschef von Arafats Nachfolger, Präsident Mahmoud Abbas, der sich strikt der Gewaltlosigkeit und Verhandlungen mit Israel verschrieben hat - eine Linie, die sich bislang allerdings kaum ausgezahlt hat. "Israel tut alles, um die moderaten Kräfte zu schwächen und die Radikalen zu stärken", ärgert sich der Fatah-Funktionär. "Das haben alle Besatzer in der Geschichte so gemacht: Teile und Herrsche."

Rafiq Husseini weiß, dass viele Palästinenser im Westjordanland mit der Hamas sympathisieren. Die tun wenigstens etwas, um sich gegen israelische Willkür zu wehren, während sich Abbas' Politik der ausgestreckten Hand keine Früchte trägt - so lautet die weit verbreitete Meinung. Manche Palästinenser beschimpfen ihren Präsidenten schon als Kollaborateur, weil Abbas auch dann noch auf Distanz zur Hamas ging, als israelische Flieger ihre Bomben auf Gaza abwarfen. "Israel hat ein Interesse an der Hamas: Sie macht es ihnen leicht, alle Palästinenser als Terroristen darzustellen", ist Husseini überzeugt. Trotzdem beschwört er die palästinensische "Einheit" und spricht von Neuwahlen, um für den künftigen Kurs einen klaren Wählerauftrag zu bekommen. Außerdem hofft er auf die Unterstützung der Europäischen Union und Weltgemeinschaft.

Letztere honoriert die Haltung der Palästinensischen Autonomiebehörde jetzt schon, indem sie deren Regierung finanziell unterstützt. Vor allem der Sicherheitsapparat, die Ausrüstung und Ausbildung palästinensischer Polizisten, werden mit beträchtlichen Summen aufgepäppelt. Allerdings meinen manche kritische Stimmen hinter vorgehaltener Hand, dass sich das Westjordanland derzeit zügig in Richtung Diktatur entwickelt. Dass mancherorts, wo die Fatah die Regierungsgewalt trägt, die Proteste gegen den Krieg in Gaza von palästinensischen Polizisten niedergeknüppelt wurden, gilt ihnen als Beleg für diese Entwicklung.

"Wir wollen hier keine Zusammenstöße mit der israelischen Armee provozieren: Sie ist gerade in Schießlaune", wiegelt Rafiq Husseini ab. Doch trotz aller Apelle an die "Einheit" grenzt er sich deutlich von der Hamas ab. "Israel kann nicht durch Waffengewalt bezwungen werden, sondern nur, indem man die Ungerechtigkeit der Besatzung deutlich macht. Gandhi und viele andere haben das bewiesen." Gandhi als Vorbild für die Palästinenser? Rafiq Husseini sieht das als den einzigen Weg: "Wir brauchen die Unterstützung der Weltöffentlichkeit."

Allzu optimistisch ist er allerdings nicht mehr, was eine Friedenslösung angeht. Die Mauer wurde weit in die die Gebiete der Westbank gebaut, die Siedlungen breiten sich aus, die Zahl der Checkpoints hat zugenommen - alle Zeichen deuten auf eine verschärfte Trennung der palästinensischen Gebiete hin. "Israel möchte die Spaltung zwischen der Westbank und Gaza vertiefen", fürchtet Husseini. "Am liebsten würden sie den Gazastreifen den Ägyptern in den Schoß legen und die verbleibenden Teile der Westbank an Jordanien übergeben. Nach dem Motto: möglichst viel Land, aber möglichst wenig Palästinenser". Doch das würden Ägypten und Jordanien niemals mitmachen.

"Darum ist eine Zweistaatenlösung im israelischen Interesse", behauptet Husseini. "Denn wenn Israel uns keinen eigenen Staat gibt, muss es sich mit einer Einstaatenlösung arrangieren. Und zwar nicht so wie 1948, als es alle Palästinenser vertrieb. Sondern, indem Israel uns als Bürger mit gleichen Rechten akzeptiert", proklamiert er forsch. Ein neues Ziel der palästinensischen Bewegung sei das zwar noch nicht. Aber, so viel stehe fest, "wir sind hier, um zu bleiben".

 

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