"Bettleroper" in Freiburg

Später gibt es Suppe

Recherche in der Bahnhofsmission und unter Flaschensammlern: Das Theater Freiburg übt sich mit einer "Bettleroper" in sozialer Zuwendung. Mit Blockflöten und Liedern von Bernadette La Hengst.

Am Abend der Premiere ist es kalt in Freiburg. Im Kleinen Haus des Theaters Freiburg rückt man für die "Bettleroper" zusammen, alle sind sie da, die lokale Politprominenz, Hartz-IV-Empfänger, das Premierenpublikum. Manche werden von den Darstellern auf der Bühne mit Handschlag begrüßt. Später wird es für alle Suppe geben.

Eine Litanei ist vom Band zu hören, die für jene um Vergebung bittet, die lügen und falsch sind und die auf ihren Musiksendern sexistische Videos laufen lassen. Ein Mann im Trenchcoat, die Lesebrille in der Hand, quetscht sich durch die Reihen und gibt den Zuschauern Anweisungen. "Kein Popreis, äh, Popcorn, später können Sie ja ins Kino gehen." Gehört das schon zur Inszenierung von Christoph Frick? Es gehört.

Solche Irritationen wird es im Verlauf des Abends noch des Öfteren geben. Hat sich das Team um den Regisseur und die Berliner Musikerin Bernadette La Hengst doch zur Recherche in die Welt der Bahnhofsmission und Kleiderläden aufgemacht und elf Hartz-IV-Empfänger, ehemalige Flaschensammler und Wohnungslose eingeladen, den Bettlerchor zu geben. Armut in Freiburg - das passt zwar weder recht ins Selbstbild der Breisgaumetropole, die sich als Wohlfühlstadt inszeniert, noch in die Wahrnehmung der Touristen und Durchreisenden. Doch es gibt sie, zwischen 600 und 800 Menschen haben in Freiburg kein festes Mietverhältnis.

Armut hat viel mit Scham zu tun. Aber auch mit Abgrenzung, erst recht während einer Wirtschaftskrise, die den Mittelstand um Arbeit und Ersparnisse bangen lässt. Christoph Frick zwingt die Zuschauer, genauer hinzusehen, die Bedürftigen einmal nicht als Verkörperungen der eigenen Abstiegsängste wahrzunehmen, sondern die Gesichter, die jeweiligen Eigenarten, aber auch ihr Potenzial zu erkennen. Von den konkreten Lebensgeschichten erfährt man dabei eher am Rande, Christoph Frick bedient keinen Voyerismus. Er nutzt die Vorlage von John Gays "Beggars Opera" als ästhetische Form, die Distanz schafft.

Ähnlich verallgemeinern die Lieder von Bernadette La Hengst, die für tanzbaren Agitpop und radiotaugliche Globalisierungskritik bekannt ist. Bereits im Juni 2007 war die Musikerin Gast am Freiburger Theater und gab mit Pastor Leumund und Bewohnern eines Altenstifts einen Abend über Utopien. Sie selbst hat in den 80er-Jahren als Schauspielerin in freien Produktionen mitgewirkt. Ihre Lieder, darunter ein Song zum Grundeinkommen, sind musikalisch reduzierter als man es von ihr kennt. Hannes Moritz begleitet die Sängerin und Gitarristin am Schlagzeug, Frank Albrecht ab und an auf der Blockflöte und Nicola Fritzen bearbeitet eine Mülltonne.

Einmal steht das gesamte Ensemble um die zusammengestellten Tische, auf denen eine Stadt aus Klötzchen gebaut ist (Bühne und Kostüme: Clarissa Herbst). Die Schauspieler befragen den Bettlerchor, Experten im Überleben, wo man unterkommen kann, wo es Kleidung, verbilligte Lebensmittel gibt und welche Sätze Passanten am ehesten zum Spenden bewegen.

Ansonsten ist viel Staatstragendes von den sechs Schauspielern zu hören, die an der vorderen Reihe an Tischen Platz genommen haben, während die Laien hinten sitzen. Später wird Bettina Grahs versuchen, am Pult einen Hartz-IV-Antrag auszufüllen, und wir werden erkennen, dass eine Bedarfsgemeinschaft überall sonst auf der Welt - nur nicht in der deutschen Behördensprache - eine Liebesbeziehung meint.

Was Verzicht bedeuten könnte, macht das Schauspielerensemble fühlbar, indem es die Jugendstilwohnung, den Urlaub auf den Kanaren, aber auch die Bücher, das Bett und das letzte Hemd in den Ring wirft. Das sind die Momente, in denen auch im Publikum die vermeintliche Sicherheit Schicht um Schicht abfällt und die psychische Dimension des Existenzminimums erkennbar wird.

Seit Barbara Mundel 2006 die Leitung des Theaters Freiburg übernahm, wird auf seinen Bühnen viel diskutiert. Im letzten Sommer kochten, saunierten und debattierten Wagenburgbewohner vor dem Theater mit den Bürgern der Stadt; nur einen Tag nach der Premiere der "Bettleroper" standen Roma-Jugendliche gemeinsam mit deutschen Jugendlichen auf der Bühne. Ein Hauch sozialer Utopie weht durch das Theater, auch in Christoph Fricks Inszenierung, die mit viel guter Laune zu einem neuen Miteinander auffordert.

Und doch ist das Theater keine politische Anstalt, sondern allenfalls Anstifter. Es bleibt ein Ungenügen zurück, schlicht, weil die sozialen Probleme nicht gelöst sind. An das Programmheft ist ein Schild aus Wellpappe getackert. "Thank you" steht darauf, für den unverzüglichen Einsatz in der Fußgängerzone. Man ist an diesem Abend wirklich sehr fürsorglich zueinander.

 

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