Homophobie in der Schule

Wo "schwul" ein Schimpfwort ist

Von religiösen Fundamentalisten, "dumpfbackigen" Argumenten und Integration bei Ikea: In Bremen wollte man über Homophobie in der Schule und den Kampf dagegen sprechen. Weil sich kein örtlicher Kollege dazu bereitfand, musste ein schwuler Lehrer aus Berlin für das Podium geholt werden.

Garantiert nicht schwul: Auch von Vorbildern wie dem Berliner Rapper Bushido bekommen Jugendliche die vermeintliche Minderwertigkeit von Homosexualität vermittelt. Bild: DPA

So also sieht ein schwuler Lehrer aus. In den hinteren Stuhlreihen der voll besetzten Aula einer Bremer Gesamtschule stehen ein paar Jungs auf, um ihn sich genau anzugucken. Detlef Mücke trägt ein kariertes Jacket über dem weißen Hemd, einen gestutzten weißen Bart - sein Äußeres verrät vielleicht den Lehrer, nicht aber den Schwulen-Aktivisten, der mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Aus Berlin ist der 64-Jährige angereist, um auf Einladung des Schulzentrums Walliser Straße vor Oberstufenschülern über sein Lebens-Thema zu sprechen: den Kampf gegen Homophobie an Schulen.

Dass der noch längst nicht gewonnen ist, lässt sich daran ablesen, dass sich in Bremen kein Lehrer, keine Lehrerin findet, die sich auf einem solchen Podium outen würde. Schon gar nicht hier am Rand der Stadt, in einer Schule, in der die Eltern oder Großeltern der meisten Kinder nicht in Deutschland geboren wurden; viele glauben an Allah.

Dass diese häufiger als andere Homosexualität als "unnatürlich" oder "sündhaft" ablehnen, das hat eine Umfrage unter Jugendlichen an genau dieser Schule ergeben. 85 Prozent der befragten Muslime stimmten danach der These "Küssen von Homosexualität in der Öffentlichkeit ist ekelhaft" zu - weit mehr als in jeder anderen Gruppe unter den 968 befragten Schülerinnen und Schülern.

Mücke, wie auch der Politiklehrer Wolfram Stein, Initiator der Umfrage und der Diskussionsrunde an diesem Donnerstag, bemühen sich, Muslime nicht pauschal als Lesbenfeinde und Schwulenhasser hinzustellen. "Wir können nicht alle Ausländer und Muslime in eine Ecke stellen, dazu gibt es unter ihnen zu unterschiedliche Meinungen", sagt Mücke und erntet donnernden Applaus. Er spricht lieber von "orthodoxen Gruppen in den Religionen", die Homosexuellen das Leben schwer machen - vor allem von evangelikalen Christen, die radikalen Muslimen in Sachen Homophobie in nichts nachstehen.

"In der Bibel wird Homosexualität sechs Mal erwähnt", zählt er auf, "im Koran nur drei Mal." Dieselbe Rechnung nutzt er später, als ein Jugendlicher ihm mit Adam und Eva kommt. "Gott hat ja nicht Hans und Peter erschaffen", argumentiert der Junge, der sich als "Marco" vorgestellt hat und bekundet, "eine andere Meinung zu vertreten: Also ich bin gegen Homosexualität." Mücke versucht gar nicht erst, ihm diese Einstellung auszureden, sondern hält Marco nur entgegen, dass es "uns immer gegeben hat", dafür seien auch die Bibelstellen ein eindeutiger Beleg. Marco fällt dazu nicht mehr viel ein, außer sich selbst zu widersprechen: "Man muss ja nicht alles wörtlich nehmen, was in der Bibel steht."

Als "dumpfbackig" und "ein abenteuerliches Bibel-Verständnis", beschimpft Mückes Bremer Kollege Stein - der sich als heterosexuell outet - später Einstellungen wie die von "Marco". Ob sein Gepolter wirklich eine Auseinandersetzung mit Vorurteilen und Ängsten bewirkt? Fraglich. Aber er erfüllt damit eine Forderung seiner Schüler und Schülerinnen: Die hatten darum gebeten, den Mund aufzumachen, wenn jemand als "schwul" beschimpft wird.

Eine andere Strategie verfolgt Mücke, der sich 1976 outete - "damals noch als Junglehrer mit roten Haaren und lila Latzhose" - und sich seitdem immer dieselben Fragen und Vorurteile anhört. Und darauf eingeht. Freundlich lächelnd, als hätte er nicht schon tausend Mal darauf hingewiesen, dass nicht jeder Geschlechtsverkehr dem Zweck dient, ein Kind zu produzieren und es deshalb mit der angeblichen Naturgegebenheit von Heterosexualität etwas haarig sei. Er zitiert die Position der katholischen Kirche, die Sex nur im Dienste der Reproduktion erlaubt und erzählt von seinen polnischen Schülerinnen, die vehement gegen Abtreibung waren, aber nichts gegen die Pille hatten. Er verurteilt weder diese noch den Schüler, der ihn gerade nach dem Sinn des Lebens gefragt hat: "Ich meine wozu hat Gott uns sonst geschaffen?" Mücke sagt, die Frage sei wichtig. Aber jeder müsse selbst entscheiden, wie strikt er sich an religiöse Gebote halte.

Viel mehr Schüler kommen nicht zu Wort, dafür sitzen auf dem Podium zu viele Politikerinnen, Behördenvertreter und Wissenschaftler. Und dann sollen auch noch die zwei Abgesandten von Ikea sagen dürfen, wie integriert Homosexuelle in ihrem Konzern sind. So bleibt offen, ob es tatsächlich nur die christlichen und muslimischen Fundamentalisten sind, die dafür sorgen, dass sich so wenige Teenager und Lehrkräfte als schwul oder lesbisch outen mögen.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de