Kommentar

Die Kirche hat doch noch Macht

Ein echter Hammer: Das Volksbegehren "Pro Reli" hat Erfolg in der Stadt der Atheisten.

Es ist sehr überraschend, was in den vergangenen Monaten in Berlin geschehen ist. Wobei das noch untertrieben ist. Denn dass "Pro Reli" einen Volksentscheid über Religion als gleichberechtigtes Schulfach erzwingen kann, ist nicht bloß eine Überraschung, sondern ein echter Hammer.

Denn ist nicht Berlin der Ort, der als "Stadt der Atheisten" verschrien ist? Ist das nicht die Stadt, in der schon ein Kreuzzeichen einen wie einen komischen Sektierer daherkommen lässt? Wo nur rund ein Fünftel evangelisch und noch nicht mal jeder Zehnte katholisch ist? Ausgerechnet hier also haben die großen christlichen Kirchen gezeigt, dass sie doch noch Macht haben, dass sie für eine Initiative mobilisieren können.

Es war allerdings ein Hopp oder Topp, auf das sich die evangelische Landeskirche und das katholische Erzbistum eingelassen hatten. Sie haben von der Kanzel Propaganda gemacht, sie haben per Massenpost Briefe verschickt und ihre Oberen an die Werbefront geschickt, sie haben Einzelne sogar so motiviert, dass sie unrechtmäßigerweise in der S-Bahn Unterschriften sammelten. Sie haben alles gegeben, was sie hatten. Hätte das nicht ausgereicht, um den Volksentscheid zu erzwingen, hätten sich die Kirchen damit selbst das Kainsmal politischer Machtlosigkeit eingebrannt.

So aber stehen die Kirchen erst einmal als machtvoller Player da. Und da nichts anziehender ist als der Erfolg, werden sie diese Rolle durchaus beibehalten können. Weitere Helfer werden dazukommen, weiteres Geld wird fließen. "Pro Reli" hat den großen Vorteil, bereits über ein - offensichtlich sehr gut funktionierendes - Kampagnenteam zu verfügen, das nun zusätzlich motiviert ist und durchstarten kann Richtung Volksentscheid. Die Gegner hingegen, inklusive des rot-roten Senats, stehen vor einem Kaltstart. Kommen sie nicht bald auf Touren, sind die Kirchen auch beim Volksentscheid selbst alles andere als chancenlos.

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Jahrgang 1967. Seit 2002 mit dreieinhalb Jahren Elternzeitunterbrechung bei der taz Berlin. Schwerpunkte: Abgeordnetenhaus, CDU, Grüne.

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