Die Finanzkrise nach Karl Marx

Die Spielregeln, nicht die Spieler

Profitmaximierung und Konkurrenz werden immer wieder Krisen wie die gegenwärtige hervorbringen. Eine Verstaatlichung tauscht lediglich die Akteure aus, ohne die Strukur anzutasten.

Der Kapitalismus ist ein tückisch buntes Riesenrad, in dem es immer wieder nach unten geht. Bild: dpa

Nicht nur Politiker, auch Ökonomen haben ihre Not mit der Finanzkrise. Die an Universitäten und in Beratergremien vorherrschende neoklassische Wirtschaftstheorie kennt in ihren Marktmodellen überhaupt keine Krisen. Wenn es doch zu "Störungen" komme, dann nur durch Eingriffe von außerhalb des Marktes. Daher haben die Neoklassiker jahrein, jahraus den angeblich so effizienten Markt angepriesen, der, wenn man ihn nur ließe, alle unsere Probleme lösen würde - von der Arbeitslosigkeit bis zu den Kosten von Altersrente und Gesundheit.

MICHAEL HEINRICH, 51, ist Mathematiker und Politologe. Er ist Redakteur von Prokla - Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft und lehrt an der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft. Er schrieb "Die Wissenschaft vom Wert" (Westfälisches Dampfboot, 2003) und "Wie das Marxsche Kapital lesen?" (Schmetterling, 2008) u. a.

Inzwischen sind die Auftritte der radikalen Marktverfechter nur noch peinlich. So behauptet nun der aus unzähligen Talkshows bekannte Hans-Werner Sinn - derselbe Mann, dem in der Vergangenheit jede noch so niedrige Lohnforderung der Gewerkschaften zu hoch erschien -, er sei schon immer für mehr Regulierung des Finanzsektors gewesen und im Übrigen würden sich jetzt die Nachteile einer Lohnpolitik zeigen, die für den schwachen Binnenmarkt verantwortlich sei.

Keynesianer haben es etwas besser. Sie hatten schon immer auf die Grenzen des Marktes hingewiesen und betont, dass auch Lohnsenkungen nicht automatisch zu Vollbeschäftigung führten. Kapitalismus würde immer wieder Arbeitslosigkeit hervorbringen, da die Investitionen in der Regel nicht ausreichten, um alle Arbeitskräfte zu beschäftigen. Mit einem unerschütterlichen Vertrauen in die Möglichkeiten staatlichen Handelns forderten sie, dass der Staat mit Investitionsanreizen und Konjunkturprogrammen Krisen entgegenwirken solle.

Wer die Wirtschaftskrisen nicht ignorierte oder auf prinzipiell kontrollierbare Störungen reduzierte, war Karl Marx. Dass er jetzt wieder öffentliche Aufmerksamkeit erfährt, überrascht nicht. Zwar ist sein "Kapital" schon mehr als 140 Jahre alt, doch analysierte Marx nicht bloß den englischen Kapitalismus seiner Zeit. Dieser, so betonte er, diene ihm nur als "Illustration" der "theoretischen Entwicklung". Was er darstellen wolle, sei nicht eine bestimmte Entwicklungsphase des Kapitalismus, sondern dessen grundlegende Strukturen und Mechanismen.

Allerdings müssen die Marxschen Einsichten von den starken Simplifizierungen abgegrenzt werden, die man sowohl bei manchen Marxisten als auch bei vielen Marx-Kritikern findet. Oft wird Marx' Ansatz auf eine bloße Arbeitswert- und Ausbeutungstheorie reduziert, wobei seine Untersuchungen zu Geld und Kredit ignoriert werden. Dabei war die Arbeitswerttheorie bereits Bestandteil der klassischen Schule von Adam Smith und David Ricardo, auf deren Grundlage etwa die ricardianischen Sozialisten eine Theorie der Ausbeutung formulierten.

Marx kritisierte an all diesen Theorien, dass sie nur die Austauschrelationen betrachten würden, aber nicht den Charakter der "wertbildenden" Arbeit. Er selbst fragte nach der Art und Weise des gesellschaftlichen Zusammenhangs in einer auf Warentausch beruhenden Gesellschaft. Einerseits sind nämlich die produzierenden Einheiten (Einzelproduzenten wie auch ganze Betriebe) aufgrund der gesellschaftlichen Arbeitsteilung sachlich aufeinander angewiesen, andererseits erfolgt die Produktion "privat", das heißt unabhängig von den anderen. Erst im Nachhinein, auf dem Markt, zeigt sich, inwieweit diese private Produktion als Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit anerkannt wird, indem ihre Produkte nachgefragt werden.

Wo klassische und neoklassische Ökonomen mit den Wirkungen von Angebot und Nachfrage argumentieren, hält Marx zunächst einmal fest, dass sich am Markt die Tauschenden nur über ihre Produkte aufeinander beziehen und sich die gesellschaftlichen Charaktere ihrer Arbeiten daher nur als gegenständliche Eigenschaften der ausgetauschten Waren zeigen. Mit diesen gesellschaftlichen Eigenschaften ausgestattet, entfalten die Waren ein Eigenleben, dem die Menschen ausgeliefert sind: Gebannt starren die Produzenten auf die Entwicklung der Güterpreise, entsetzt blicken die Aktionäre auf die Kursstürze, als handle es sich um Naturereignisse.

Dieser Verselbstständigung des gesellschaftlichen Zusammenhangs, die Marx unter dem Stichwort "Fetischismus" analysiert, folgt er die drei "Kapital"-Bände hindurch in ihre Verästelungen und deckt eine Reihe "mystifizierter" und "verrückter" Formen auf. In der herrschenden Ökonomie werden die von diesen verrückten Formen ausgehenden "Sachzwänge" bewusstlos reproduziert ("Der Markt verlangt …", "Die Globalisierung erfordert …").

Allseitig aufeinander beziehen lassen sich die Waren nur durch Geld. Marx betont den grundsätzlichen Unterschied zwischen geldvermittelter Warenzirkulation und Produktentausch: Beim unmittelbaren Tausch A gegen B ist der Verkauf von A mit dem Kauf von B identisch. Beim geldvermittelten Tausch folgt aus dem Verkauf aber nicht automatisch die Verwendung des eingenommenen Geldes für einen Kauf. Die Zirkulationskette kann reißen. Mit der Geldvermittlung ist die "Möglichkeit der Krise" gegeben. Die Neoklassik hingegen reduziert Geld auf eine bloße Recheneinheit. De facto geht sie damit von einem nicht geldvermittelten Tausch aus und "beweist" dann, dass es in dieser Fantasiewelt keine Krisen geben kann.

Kapital ist zudem nicht einfach eine Wertsumme, sondern Wert, der sich verwertet, Mehrwert hervorbringt - durch die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft. Diese Verwertung kennt keine innere Grenze, sie ist maßlos. Der Druck der Konkurrenz zwingt den einzelnen Kapitalisten diese Maßlosigkeit auf, ob sie individuell besonders gierig sind oder nicht, spielt dabei keine große Rolle.

Die unmittelbaren Produzenten, die Arbeiter und Arbeiterinnen, sind in dieser auf immer mehr Verwertung ausgerichteten Produktion ein Kostenfaktor, den es zu reduzieren gilt, während gleichzeitig die Produktivität dieses Faktors immer weiter gesteigert werden soll. Diese Konstellation hat nicht nur äußerst zerstörerische Konsequenzen für die Arbeitskraft (wie auch für die Natur), sie bildet auch eine wesentliche Ursache der Krisenhaftigkeit der kapitalistischen Produktionsweise.

Der permanenten Steigerung der Produktivität, die meist eine Produktionsausweitung erfordert, steht eine Tendenz zur Beschränkung der Konsummöglichkeiten gegenüber, da aus Kostengründen Lohnhöhe und Beschäftigtenzahl gering bleiben sollen. Es ist, als ob man beim Autofahren Gaspedal und Bremspedal stets gleichzeitig betätigt, was auf Dauer nicht gut gehen kann. Nicht äußere Störungen, sondern das Ziel kapitalistischer Produktion, die beständige Steigerung der Kapitalverwertung, liegt der krisenhaften Entwicklung des Kapitalismus zugrunde.

Etablierte Wirtschaftswissenschaftler wie linke Kritiker gehen häufig davon aus, dass es sich bei der kapitalistischen Produktion einerseits und den Finanzmärkten andererseits um völlig verschiedene Welten handle. Hier die solide Produktion, dort die windige Spekulation. Dabei wird aber vergessen, dass auch die kapitalistische Produktion auf Spekulation beruht: Auch der Autoproduzent spekuliert beispielsweise darauf, dass die teuren Benzinfresser genug Abnehmer finden - eine Spekulation, die genauso schiefgehen kann wie die Spekulation auf steigende Aktienkurse.

Unzureichend sind auch die momentan gängigen Krisenerklärungen, dass es sich bei den Finanzmärkten um Einrichtungen handle, die der kapitalistischen Produktion zwar äußerlich seien, die aber durch zu viel Spekulation und zu große Risikobereitschaft der Banken und Fonds erheblichen Schaden anrichten könnten.

Derlei Erklärungen hält Marx entgegen, dass eine entfaltete kapitalistische Produktion ohne entwickeltes Kreditsystem gar nicht möglich sei. Was oft mit Bezug auf den Konsumgütermarkt gesagt wird, dass "Autos keine Autos kaufen können", lässt sich auf den Produktionsmittelsektor übertragen: "Maschinen kaufen keine Maschinen." So wie die Arbeitskräfte Löhne benötigen, um ausreichend Konsumgüter nachfragen zu können, benötigen auch kapitalistische Unternehmen Verkaufseinnahmen, um selbst kaufen zu können. Bei einer stark wachsenden Wirtschaft muss zumindest ein Teil dieser Einnahmen in Gestalt von Krediten vorgeschossen werden. Eine entfaltete kapitalistische Ökonomie ist nur bei sich ausdehnenden Kreditbeziehungen möglich. Ein entwickeltes Kreditsystem funktioniert aber nur, wenn der Kredit selbst, das heißt die verbrieften Schulden, zur handelbaren Ware werden, wenn es Finanzmärkte gibt.

Diese handelbaren Finanzprodukte (Aktien, Anleihen, Optionen etc.) bezeichnet Marx treffend als "fiktives Kapital". Während das "industrielle Kapital" für Produktionsanlagen und Löhne verausgabt wird, sodass Produkte oder Dienstleistungen produziert werden, die dann mit Gewinn verkauft werden können, stellt das "fiktive Kapital", kein wirkliches, irgendwo vorhandenes Kapital dar, sondern lediglich einen Anspruch auf bestimmte Zahlungen: bei Anleihen den Anspruch auf Zins- und Tilgungszahlungen, bei Aktien den auf Dividendenzahlung.

In den Börsenkursen werden diese Ansprüche "bewertet": Steigen die Gewinnerwartungen eines Unternehmens, steigt sein Aktienkurs. Erwartungen können sich in kürzester Zeit ändern, daher können auch Kurse so enorm schnell steigen oder fallen. Das fiktive Kapital entwickelt damit ein Eigenleben, das zwar immer auf die Verwertung des industriellen Kapitals bezogen bleibt, aber nicht als Abbild seiner gegenwärtigen Lage, sondern als Ausdruck der Erwartung seiner zukünftigen Entwicklung.

Daran wird deutlich, dass Finanzmärkte nicht viel mit Spielkasinos gemeinsam haben, wie in der scheinbar plausiblen Forderung "Das Kasino schließen" unterstellt wird. In einem Spielkasino sind Wahrscheinlichkeiten und Risiken weitgehend bekannt. So übersichtlich geht es an den Finanzmärkten nicht zu. Vor allem aber ist das Spiel im Kasino ein Nullsummenspiel: Dem Gewinn des einen Spielers stehen gleich große Verluste der anderen gegenüber. Im Kasino wird die Summe des Geldes nicht verändert, sondern nur umverteilt.

Anders sieht es mit den Kurswerten an der Börse aus. Habe ich gestern eine Aktie für 100 Euro gekauft, die heute für 110 Euro gehandelt wird, dann ist der Kurswert meines Aktienvermögens um 10 Euro gestiegen, ohne dass ein anderer 10 Euro verloren hätte. Zwar handelt es sich bei den Kurswerten zunächst nur um einen Buchwert; würden alle Aktienbesitzer versuchen, ihre Kursgewinne zu Geld zu machen, würden die Kurse sofort fallen. Trotzdem haben diese Kurssteigerungen ganz reale Auswirkungen. Die Aktienbesitzer sparen weniger und konsumieren mehr, was die Nachfrage belebt und die Unternehmen zur Ausdehnung der Produktion oder zu Preisaufschlägen veranlasst. Vor allem aber können die im Kurs gestiegenen Aktien in höherem Umfang beliehen werden, was häufig zum Kauf neuer Aktien genutzt wird. Das sind jene "Hebelgeschäfte", die die Eigenkapitalrendite und die Aktienkurse in so schwindelerregende Höhen treiben.

Die Welt des Kapitals scheint völlig in Ordnung zu sein, und nicht wenige Ökonomen bemühten sich darum, dies mit immer neuen mathematischen Modellen der Risikoberechnung auch zu "beweisen". Wenn aber schließlich zu viele Aktienbesitzer den Buchwert ihrer Aktien in hartes Geld verwandeln wollen, wofür es eine Vielzahl von Anlässen gibt, kehrt sich der ganze Prozess um. Ein guter Teil des "Werts" des fiktiven Kapitals verschwindet ins Nichts, die Aktienbesitzer verlieren, ohne dass andere gewinnen. Zusätzlich werden jetzt die Kredite, die wegen des Sinkens der Aktienwerte nicht mehr gedeckt sind, von den Banken zurückgefordert und treiben so manchen Aktionär in den Ruin und die Bank eventuell gleich mit, wenn sie zu viele Kredite abschreiben muss.

An dem grundlegenden Charakter des von Marx analysierten fiktiven Kapitals hat sich seither nichts geändert. Allerdings haben sich die Formen dieses Kapitals vervielfacht. Längst gibt es nicht nur Ansprüche auf Zahlungen, sondern davon abgeleitete Ansprüche ("Derivate"), also Ansprüche auf andere Ansprüche auf Zahlungen. Die Anspruchsketten lassen sich beliebig verlängern und komplizieren, wodurch die Bewertung eines Papiers von einer Vielzahl von Faktoren abhängig wird.

Zudem sind die Finanzmärkte in den letzten drei Jahrzehnten erheblich schneller gewachsen als die Produktion. Dieses enorme Wachstum ist unter anderem die Folge enormer Umverteilungsprozesse in den entwickelten kapitalistischen Ländern. Während die Reallöhne seit den Achtzigerjahren nur mäßig gestiegen sind, haben Unternehmensgewinne und die Einkommen aus selbstständiger Arbeit enorm zugenommen. Zugleich wurden viele Schwellen- und Entwicklungsländer zu Nettokapitalexporteuren. In Form von Zins- und Tilgungszahlungen exportierten sie weit mehr Kapital in die entwickelten Länder, als sie von dort in Gestalt von Direktinvestitionen und sogenannter Entwicklungshilfe erhalten haben. Immer größere Teile der wachsenden Unternehmensgewinne, der steigenden Einkommen der oberen Einkommensklassen und des den Drittweltländern entzogenen Kapitals flossen in die seit den Siebzigerjahren zunehmend deregulierten Finanzmärkte.

Wenn nun gefordert wird, die Banken und Finanzinstitutionen sollten sich doch auf ihre "eigentliche" Aufgabe konzentrieren, nämlich die Unternehmen mit Kapital zu versorgen, und sich nicht einer ausufernden Spekulation hingeben, dann gerät das Entscheidende aus dem Blick. Genauso wenig wie der Zweck der Automobilindustrie darin besteht, Mobilität herzustellen, besteht der Zweck des Bankensystems in der Kapitalversorgung. Die Automobilindustrie stellt Autos her, um damit Profit zu machen, Banken vergeben Kredite, um Gewinn zu machen. Beide versuchen ihre Geschäfte so einzurichten, dass der Gewinn maximal wird - nur damit können sie ihr ökonomisches Überleben sicherstellen.

Zu kurz gegriffen ist auch die Forderung nach einer Verstaatlichung des Bankensektors. Wenn eine staatliche Bank nicht permanent mit Steuergeldern unterstützt werden soll, kann sie sich im kapitalistischen Markt auch nicht viel anders verhalten als eine Privatbank. Nicht die jeweiligen Spieler (ob öffentlich oder privat) sind das Problem, sondern die Spielregeln. Soll versucht werden, über ein verstaatlichtes Bankensystem die kapitalistische Produktion in gesellschaftlich sinnvolle Bereiche zu lenken oder sie wenigstens weniger krisenhaft zu machen, dann muss auch in den kapitalistischen Charakter dieser Produktion eingegriffen werden. Die Verstaatlichung einiger Schlüsselindustrien (die sogar vom französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy in die Diskussion gebrachtwurde) würde nicht viel ändern.

Im Unterschied zu manchen Marxisten hatte Marx kein naives Vertrauen in Verstaatlichungen. Um die Spielregeln zu ändern, müsste die Produktion nämlich nicht nur gesellschaftlicher Kontrolle unterworfen werden (was etwas anderes ist als staatliche Kontrolle), vor allem müssten die Ziele und Mittel der Produktion neu bestimmt werden. Solange jedoch Profitmaximierung und Konkurrenz vorherrschen, werden wir immer wieder Krisen wie die gegenwärtige erleben.

 

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