Irakische Flüchtlinge in Syrien

Hoffen auf Europa

Etwa 1,5 Millionen irakische Flüchtlinge leben in Syrien: Schiiten, Sunniten, Christen. In Damaskus leben sie wie früher Tür an Tür. Dort sind sie zwar sicher, aber ohne Perspektive.

Irakische Flüchtlinge in Syrien. Bild: dpa

DAMASKUS taz Die "Straße der Iraker" in Damaskus Vorort Seida Zeynab. Läden, Büros und Handwerksbetriebe sind hier in irakischer Hand, auf der Straße bieten fliegende Händler Pistazien, gekochte Maiskolben und frisches Obst an. An einer Hauswand sitzt Fallah und wartet auf Kunden.

Die Zahl der Irakflüchtlinge beträgt nach Schätzungen des Flüchtlingshilfswerks UNHCR etwa 2 Millionen Menschen, hinzu kommen noch mal so viele Binnenvertriebene. Die meisten geflohenen Iraker leben in Syrien (1,5 Millionen) und Jordanien (750.000), Ägypten hat 80.000 aufgenommen, andere Golfstaaten 200.000. Syrien ist das einzige Land der Region, das bis Oktober 2007 alle Iraker ohne Einschränkungen aufgenommen hat. Sie leben überwiegend in den Vorstädten von Damaskus. Etwa 3.000 irakische Palästinenser harren in drei Lagern im syrisch-irakischen Grenzgebiet unter schwierigsten Bedingungen aus.

Das UNHCR bezeichnet den Umgang der Syrer mit den Flüchtlingen als vorbildlich. Wegen steigender Lebenshaltungskosten wächst jedoch der Unmut in der Bevölkerung, die sich von der internationalen Gemeinschaft mit dem Flüchtlingsproblem alleingelassen fühlt.

Im Sommer 2007 floh der 37-Jährige mit seiner Frau und zwei Kindern aus Bagdad, nachdem er in seinem Mobilfunkgeschäft überfallen worden war. "Zwei Bewaffnete kamen herein und schossen um sich", erzählt der Sunnit. Radikale Islamisten, vermutet er, die Handys als "haram", verboten, betrachteten. Eine Kugel traf Fallahs Wirbelsäule, seitdem ist der Familienvater brustabwärts gelähmt. Er sitzt im Rollstuhl und verkauft weiterhin Handyzubehör - in einer kleinen Vitrine auf einer Straße in Damaskus statt im eigenen Laden in Bagdad. Zwei bis drei Dollar verdient er damit pro Tag.

Wie Fallah haben nach staatlichen Angaben 1,5 Millionen Iraker in Syrien Zuflucht gefunden. Viele von ihnen seien inzwischen auf internationale Hilfe angewiesen, sagt Philip Leclerque, der stellvertretende Leiter des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen UNHCR in Damaskus. Ihre finanziellen Reserven seien verbraucht und arbeiten dürften die Flüchtlinge offiziell nicht, so Leclerque. "Früher fuhren die Iraker noch ab und zu nach Bagdad, verkauften ein Auto oder holten sich ihre Rente ab", erzählt der UN-Vertreter. Aber seitdem Damaskus im Oktober 2007 die Visumspflicht einführte, um die bis dahin uneingeschränkt ins Land stömenden Flüchtlingsmassen in den Griff zu bekommen, fielen diese Einnahmequellen weg, sagt Leclerque.

Auch Wijdan hat deshalb weniger Geld. Der 34-jährigen Witwe steht die Rente ihres verstorbenen Mannes zu, doch die muss sie persönlich in Bagdad abholen. Ein zu großes Risiko für die Mutter von drei kleinen Kindern. Die Schiitin sitzt in ihrem einfachen Wohnzimmer auf dem Sofa, auf dem sie nachts auch schläft. Ihr Mann wurde von Anhängern der schiitischen Badr-Brigaden ermordet. Sein Vergehen: Er war in den 80er Jahren Kampfpilot im Iran-Irak-Krieg gewesen. Grund genug für die vom Iran unterstützte Schiitenmiliz, ihn mehr als 20 Jahre später hinzurichten. "Er war kurz einkaufen gegangen, da hörte ich Schüsse", erinnert sich Wijdan. Sie dachte an ein Gefecht und fürchtete, ihr Mann könnte aus Versehen getroffen worden sein. Doch als sie vor die Tür trat, sah sie seine Leiche völlig zerschossen auf der Straße liegen. "Ich schrie, meine Kinder warfen sich auf ihn und weinten. Aber keiner half uns."

Zwei Jahre lang blieb Wijdan mit den drei Kindern im Haus ihres Mannes wohnen - als einzige Schiitin in einer sunnitischen Gegend. Früher hätte das niemanden interessiert, erzählt die sportlich gekleidete Frau, doch dann wurden Bagdads Wohnviertel nach und nach konfessionell "gereinigt". Gegen den Willen der Bewohner, die oft seit Jahrzehnten in guter Nachbarschaft zusammenlebten, betont sie. Sunniten, Schiiten und Christen sollten nicht mehr gemischt, sondern getrennt voneinander wohnen. Wer sich weigerte, umzuziehen, wurde mit Gewalt vertrieben. Als ihr Verwandte in Europa versprachen, sie finanziell zu unterstützen, floh Wijdan nach Syrien. Dort traf sie ihre Mutter, zwei Schwestern und ihren jüngsten Bruder Ali wieder.

In Damaskus ist die schiitische Familie zwar sicher, aber ohne Arbeit und Ausbildungsmöglichkeiten kann sie sich keine neue Existenz aufbauen. Wijdans Mutter, die als Einzige in der Familie ein Kopftuch trägt, betet dennoch für eine Verlängerung der syrischen Aufenthaltsgenehmigung. Sie ist überzeugt, dass eine Rückkehr zum jetzigen Zeitpunkt ihren Tod bedeuten würde. "Wohin sollen wir zurückgehen?", fragt die 65-Jährige, ihr Haus sei längst von Milizen beschlagnahmt worden. Die Beteuerungen des irakischen Ministerpräsidenten al-Maliki, Bagdad sei sicher, bezeichnet sie als Lüge.

Auch das UNHCR hält die Lage in Teilen des Iraks nicht für sicher genug, als dass die Flüchtlinge bedenkenlos zurückkehren könnten. Wer sich jetzt auf den Weg zurück mache, gehe meist nicht aus Überzeugung, sondern weil er die Miete nicht mehr bezahlen könne oder seine Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen sei, sagt Philip Leclerque. "Jede Rückkehr in den Irak sollte freiwillig und unter würdigen Bedingungen erfolgen", betont der UNHCR-Mann. Und das sei im Moment eindeutig nicht möglich.

Ali, Wijdans 20-jähriger Bruder, möchte nicht in den Irak zurück. Er fürchtet, die Islamisten könnten das Denken der Menschen dort nachhaltig beeinflusst haben. Der 20-Jährige will nach Deutschland zu seinem Bruder. "Wir leben lieber mit Christen als mit radikalen Muslimen zusammen", sagt Ali. In deren Denkweise gebe es nur Tod und Zerstörung.

Bis heute hat der junge Iraker Kontakt zu seinen christlichen Freunden aus Bagdad, von denen einige wie er nach Syrien geflohen sind. Sie wohnen in Dscharamana, neben dem schiitisch geprägten Seida Zeynab der zweite Vorort von Damaskus, in dem sich viele Iraker niedergelassen haben. Hilfsorganisationen schätzen, dass die Flüchtlinge in diesen beiden Stadtteilen bis zu 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

In Dscharamana tragen die jungen Mädchen auf der Straße enge Jeans, kurze Röcke und tief dekolletierte Tops. Doch die vermeintlich liberale Lebensart beschränkt sich auf Äußerlichkeiten. In ihrem Denken seien irakische Christen genauso rückschrittlich wie ihre muslimischen Landsleute, meint Schwester Antoinette, die im Auftrag der Caritas seit Jahren Flüchtlinge betreut. "Jungen bekommen Kleidung, Bildung und Geld zum Ausgehen, während die Mädchen zu Hause sitzen und Hausfrauen werden sollen", erklärt die Katholikin und betont, dieses Rollenverständnis habe mit Kultur und nicht mit Religion zu tun. Um den jungen Irakerinnen in dieser Situation zu helfen, hat die Caritas zusammen mit dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen ein Ausbildungszentrum in Dscharamana eingerichtet. Mädchen zwischen 12 und 18 Jahren können dort Computer-, Englisch-, Frisör- und Handarbeitskurse belegen. Das Projekt ermögliche den Teenagern, aus dem Haus zu kommen und dabei etwas Nützliches zu lernen, so Schwester Antoinette.

Stefanie ist mit Begeisterung dabei. Sie will Frisörin werden und hat sich im Kurs so geschickt angestellt, dass sie jetzt im Friseursalon ihrer Ausbilderin mithelfen darf. "Ich verdiene zwar kein Geld, aber ich lerne etwas", sagt die 17-jährige irakische Christin zufrieden.

Ihre jüngere Schwester wurde in Bagdad auf dem Weg zur Schule entführt, die Familie zahlte Lösegeld und floh nach Syrien. Stefanies Vater hat wie die meisten irakischen Männer keinen Job gefunden. Oft müssten deshalb die Kinder für geringen Lohn schwarzarbeiten, statt dass sie die Schule besuchen könnten, sagt Schwester Antoinette. Schlimmer noch als die Kinderarbeit sei die wachsende Prostitution. In manchen Familien herrsche so große Not, dass Eltern ihre Töchter im Rotlichtmilieu von Damaskus anschaffen ließen. Die Söhne werden nicht selten kriminell.

Um diesen sozialen Abstieg zu verhindern, müssten die Hilfsangebote für Iraker verstärkt werden, fordert Schwester Antoinette. Dafür braucht das UNHCR jedoch mehr Geld. Sollte die internationale Gemeinschaft ihre finanzielle Unterstützung nicht erhöhen, könnte die Lage in Syrien kippen, warnen ausländische Helfer in Damaskus. Denn inzwischen sei auch für die gastfreundlichen Syrer die Grenze der Belastbarkeit erreicht. In den Schulklassen sitzen durchschnittlich 45 Schüler, die Mieten haben sich mehr als verdoppelt, die Preise für Lebensmittel, Benzin und Heizöl sind deutlich gestiegen.

Ein paar Straßen vom Ausbildungszentrum der Caritas entfernt wohnt Salwan mit seiner Frau Mariam. Im Regal des komfortabel eingerichteten Wohnzimmers erinnert das Hochzeitsfoto des jungen Paares an unbeschwerte Zeiten. Dass diese vorbei sind, zeigen Salwans dunkle Schatten unter den Augen und Mariams abgemagerter Körper. Jahrelang hatte Salwan die Kirchen Bagdads mit Öl beliefert und war so ins Visier der Islamisten geraten. "Am Telefon beschimpften sie mich als Kirchendiener und drohten, mich umzubringen", erzählt Salwan. Seitdem leidet er unter Panikattacken und Kopfschmerzen, nachts kann er vor Angst nicht schlafen. Als die Extremisten Salwans Vater an seiner Stelle auf offener Straße erschossen, floh der Ölhändler mit seiner Frau nach Syrien. Mariam war damals schwanger und verlor ihr Kind durch eine Fehlgeburt. Wie viele Iraker würden die beiden Christen gerne in Europa ein neues Leben beginnen. Sie hoffen deshalb auf eine großzügige Aufnahme irakischer Flüchtlinge in die EU. Dabei wollen Salwan und Mariam jedoch nicht bevorzugt werden. Christen wegen ihres Glaubens aufzunehmen, folge derselben konfessionellen Logik wie Christen wegen ihres Glaubens zu vertreiben, meint das Paar.

In der "Straße der Iraker" in Damaskus Vorort Seida Zeynab sehen die Menschen das genauso. Auf die Frage, warum sich Sunniten, Schiiten und Christen in Bagdad gegenseitig bekämpften, gibt es hier eine einhellige Antwort: Die USA und der Iran hätten im Kampf um Einfluss und Macht die Menschen gegeneinander aufgehetzt und die religiöse Gewalt geschürt. Die Iraker selbst hätten mit dem Konfessionalismus nichts zu tun. Der beste Beweis dafür sei das problemlose Zusammenleben der verschiedenen irakischen Gruppen in Syrien, betont Rollstuhlfahrer Fallah. "Ich habe keine Ahnung, was für Leute hier stehen - ob sie Kurden, Sunniten, Schiiten oder Christen sind", sagt Fallah. Sie seien einfach Iraker.

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