Marco Weiss veröffentlicht Buch

"Meine Tage im türkischen Knast"

Das Gericht in Antalya hat im Fall Marco Weiss noch kein Urteil gefällt. Der Angeklagte schon: Er sieht sich als Opfer einer lüsternen Engländerin. Und hat ein Buch geschrieben.

Vom Knast ins Buchregal: Marco Weiss. Bild: dpa

"Marco W. - Meine 247 Tage im türkischen Knast": Der Hamburger Kinderbuchverlag erweitert sein Angebot gerade um das Oeuvre eines eher jugendlichen Autoren. Die Eigenwerbung verspricht neben "Folter, Schlafentzug und harten Drogen" auch "die ganze Wahrheit".

Noch vor dem vermutlichen Ende seines Prozesses im April 2009 - aufgrund des Vorwurfs von sexuellem Missbrauch einer 13-jährigen Britin während seines Urlaubs in der Türkei im April 2007 - hat sich der mittlerweile 18-jährige Marco Weiss nun entschieden, seine Version des Geschehens öffentlich zu zementieren: Ich bin das Opfer! Das Opfer von Verführung, das Opfer türkischer Justiz.

Laut Verleger Carlos Schumacher hat sich Weiss auf den 200 Seiten des Buchs seine "traumatischen" Erlebnisse aus "medizinisch nachvollziehbaren Gründen von der Seele geschrieben". Schumacher ist Kardiologe.

Auf der Verlags-Website wird Marco so vorgestellt: "Ich bin Marco W., W. wie Weiss, mit Doppel-S, mein Nachname. Ich bin ein ganz normaler Junge, der unbeschwert aufwuchs, und ich dachte, dass mein Leben so unbeschwert weitergehen würde. Welch ein Irrtum! Denn ich habe Schlagzeilen gemacht. Mein Foto ist um die Welt gegangen. Der SPIEGEL hat eine Titelgeschichte über mich gedruckt. Ich habe einen diplomatischen Konflikt zwischen Deutschland und der Türkei ausgelöst, habe die Kanzlerin und ihren Vizekanzler beschäftigt, habe Millionen Deutsche mit meinem Schicksal berührt. Tausende unterschrieben Petitionen, beteten für mich in Kirchen, zündeten Kerzen an oder standen sogar bei Nacht vorm Brandenburger Tor in Berlin."

Das Buch - Startauflage 20.000 Stück - bezeichnet Schumacher für Marco Weiss als einen "fast therapeutischen Ansatz". Diese öffentliche Therapie liest sich in Auszügen, die die Bild-Zeitung bereits druckte ("Was wirklich in der verhängnisvollen Nacht mit der kleinen Engländerin geschah"), dann so: "Carolina knöpfte meine Jeans auf, zog den Reißverschluss nach unten" und "Ehe es richtig angefangen hatte, war bei mir schon alles vorbei."

Jetzt zieht Marco Weiss selbst den Reißverschluss runter. Und alle sollen es lesen.

In der Bild wird es mit einer Serie von weiteren Vorveröffentlichungen weitergehen: "Wie Gefangene von Mithäftlingen blutig geprügelt und terrorisiert wurden", "Dass alle zwei Wochen Drogen geschmuggelt und ein Gefangener fast gestorben wäre", "Warum Marco an Selbstmord dachte".

"Schon während seiner Haftzeit sind wir als Verlag an die Familie herangetreten, und auch Marco hat schon damals sein Interesse bekundet, ein Buch über seine Erlebnisse zu schreiben. Weil er erzählen wollte, was wirklich geschehen ist", erklärte Schumacher gegenüber der taz. Nur darum gehe es Weiss. "Wir sind ein kleiner Verlag. Wenn Marco wollte, hätte er als eine Berühmtheit, wie er es nun einmal ist, weit mehr Geld bekommen können." Und: "Seine Familie kümmert sich wirklich vorbildlich um ihn."

Ein zweiter Grund, warum Weiss unbedingt wolle, dass dieses Buch nun erscheint, sei dessen Wunsch, sich bei jenen zu bedanken, die ihn allein mit 20.000 Zuschriften bisher unterstützt hätten.

Effekt dieses 200 Seiten starken, mit intimen Details gespickten Danks: Das britische Mädchen - zwar mit anderem Namen - zerrt er nun selbst in die Öffentlichkeit, stempelt sie zur frühreifen Göre, die ihn mit ihren Lüsten überrumpelt und den Versuch einer Vergewaltigung anschließend ersponnen habe, weil sie "sauer" gewesen sei: " (…) wenn ich geahnt hätte, welche Geschichte Carolina ihrer Mutter auftischte (…)."

Weiss Anwalt Matthias Waldraff hat seine Konsequenzen bereits gezogen. Nach eineinhalb Jahren legt er sein Mandat nieder: "Ich bedaure das wirklich sehr. Aber allein die Art und Weise, wie dieses Buch angekündigt wird, konterkariert die Strategie, die ich und meine Kollegen bisher verfolgt haben", erklärte Waldraff gegenüber der taz. "Wir waren bisher immer darum bemüht, das Gericht in der Türkei nicht unnötig zu provozieren. Öffentliche Einmischung hochrangiger Politiker oder Aktionen der Bild-Zeitung, 18.000 Protest-Leserbriefe zum türkischen Gericht zu transportieren, waren schon damals, als Marco in Haft saß, nicht gerade hilfreich." Die Telefone im Verlag stehen kaum still: "Es gibt auch schon ein erstes Filmangebot."

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