Schandfleck oder Touristenattraktion

Der letzte Bahnhof

Die einstige Kontrollstelle Probstzella ist der letzte verbliebene innerdeutsche Grenzbahnhof. Doch auch dieses Stück Erinnerung wird nun abgerissen.

Bis zur Wiedervereinigung war der Bahnhof Probstzella im Thüringer Schiefergebirge Grenzübergangsstelle. Bild: dpa

PROBSTZELLA taz Dieter Nagel erinnert sich daran, wie er zum ersten Mal den Grenzbahnhof Probstzella betrat. Es war 1987, als er zu einem Onkel nach Westfalen reisen durfte und die "GüSt", die "Grenzübergangsstelle" passierte, die nur zehn Minuten Fußweg von seinem Haus entfernt lag. Da war der unfreundliche Beamte am Eingang, das mulmige Gefühl, als er allein in einem abgeschlossenen Raum wartete, bis die Transitreisenden abgefertigt waren.

Probstzella, ein Ort mit 1.500 Einwohnern am südlichen Rand Thüringens, war Sperrgebiet. Neben dem Bahnhof, durch den heute der ICE Berlin-München rast, steht der einzig verbliebene von ehemals sieben Kontrollposten, durch die die Zöllner und Passkontrolleinheiten der Stasi die Zugreisenden zwischen der DDR und der Bundesrepublik schleusten. Doch auch hier hat der Abriss begonnen.

Was kann Dieter Nagel dagegen haben, dass der Gemeinderat dieses unbehagliche und inzwischen völlig verfallene Gebäude 19 Jahre nach dem Fall der Mauer beseitigen will?

"Wir wollen Geschichte bewahren", sagt er, "ein Erinnerungs- und Demonstrationsobjekt schaffen, das die Zustände in der DDR dokumentiert und am authentischen Ort erfahrbar macht." Der 54-Jährige führt gemeinsam mit seiner Frau im Ort ein Unternehmen für Medizintechnik, in dem sie hundert Mitarbeiter beschäftigen. Ihnen gehört auch das größte Bauhaus-Ensemble Thüringens, das "Haus des Volkes", in dem sie ein Hotel bewirtschaften. Ihr Hotel, erzählt Nagel, sei vor der Sanierung in einem ähnlichen Zustand gewesen wie das Kontrollgebäude. Dessen schlechten Zustand lässt er daher nicht als Argument gelten.

Wenn er aus den Fenstern seines Hotels zum einstigen Grenzbahnhof schaut, sieht er einen bedrohten Schatz. Darum engagiert er sich in einem Förderverein, der das Kontrollgebäude sanieren und dort ein Grenzmuseum einrichten will.

Der stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins ist der Bürgermeister Marko Wolfram, 35, Sozialdemokrat. Er kommt regelmäßig her, um zu sehen, wie das Gebäude Stück für Stück verschwindet. Das Paradoxe: Er selbst hat die Bauarbeiter mit dem Abriss beauftragt.

"Aus Gemeindesicht war die Sachlage so, dass man nur für einen Abriss stimmen konnte." Man könnte auch sagen: Sie sind erst zu spät auf die Idee gekommen.

Denn noch im Mai 2007, als die Gemeinde das Gebäude vom Bund erwarb, war man sich einig, dass der Schandfleck wegmüsse. Erst später entdeckte ein Touristikberater das Kontrollgebäude als mögliches touristisches Kleinod und schlug die Errichtung eines Museums vor. Doch da hatte das Land Thüringen längst Fördergelder für den Abriss bewilligt.

Jetzt tragen Arbeiter weg, was von diesem Stück DDR-Geschichte übrig ist: Scheiben mit ovalen Öffnungen, durch die einmal Pässe gereicht worden sind, Linoleumböden, auf denen Wartende gestanden haben, Notstrombatterien. In den einstigen Schalterräumen liegen Steinhaufen, von der Decke tropft Wasser. "Der Roman kriegt die Krise, wenn er das sieht", sagt Wolfram.

Der "Roman", das ist Roman Grafe, Publizist und Autor, der die Geschichte des Grenzabschnitts Probstzella aufgeschrieben und die Fluchtversuche, die tödlich verlaufenen wie die geglückten, dokumentiert hat.

Durch die Tourismusstudie kam er auf die Idee, ein Konzept für ein Museum zu erstellen; zunächst für das ganze Gebäude, dann für den Kompromiss, nur einen Wartesaal und einen der beiden langen, an einen Bergwerksschacht erinnernden Kontrollgänge stehen zu lassen. Er wohnt nicht in Probstzella, aber sein Name taucht in jedem Gespräch über die "GüSt" auf.

Auch am Wohnzimmertisch von Ursula und Manfred Escherich. Das Ehepaar ist 66 beziehungsweise 75 Jahre alt und wohnt in der Nähe von Nagels Hotel oben am Hang in einem der typischen Häuser mit Schieferfassade. Aus dem Wohnzimmerfenster blicken sie auf die ehemalige Grenze zur Bundesrepublik am Hang gegenüber. Die Laubbäume zwischen den Tannen zeigen ihren Verlauf. Die frühere Grenze heißt jetzt "Grünes Band" und ist Teil des Touristikkonzepts der Region.

Bei Manfred Escherich wühlt der Kontrollbahnhof Erinnerungen an jene Zeit auf, die er nicht in Probstzella verbringen durfte. Er wurde 1961 aus dem Ort ausgewiesen. Wie 42 weitere Probstzellaer musste er eines Morgens seine Sachen in Laster packen und mit seiner damaligen Frau und den zwei Kindern umziehen. Seine Eltern blieben im Ort. Fast 20 Jahre lang durfte er nicht zurück.

Er holt tief Luft, bevor er davon erzählt, seine Stimme bricht und seine Augen hinter der Brille mit dem dicken braunen Rand werden feucht: "Ich durfte noch nicht einmal meinen Vater aufsuchen, als er noch lebte." Das war 1975, als der Hausarzt ihm schrieb, dass sein Vater im Sterben liege. Zur Trauerfeier ließ man ihn ins Sperrgebiet, wo er seine jetzige Frau kennenlernte. Obwohl sie zwischenzeitig geheiratet hatten, konnten sie sich fünf Jahre lang nur wochenends sehen, erst dann durfte er zu ihr ziehen. Warum er ausgewiesen wurde, weiß er bis heute nicht.

Den Kontrollbahnhof nennt er "Kasten". Er ist nicht sehr erpicht darauf, dass er stehen bleibt. "Es sei denn, es käme was raus, das für den Ort günstig wäre." Er schnäuzt in sein Taschentuch und Ursula Escherich spricht weiter: "Wenn dort unsere Empfindungen dokumentiert werden würden und was wir erlebt haben, das fände ich gut." Dass es dazu kommen wird, glaubt sie aber nicht. Es gebe kaum einen, der sich dafür engagieren würde.

Wenn sie die Atmosphäre in Probstzella schildert, verwendet sie Worte wie "mutlos", "engstirnig" und "ausgeblutet". Der Ort habe sich nicht davon erholt, dass "diejenigen, die Intelligenz und Engagement hatten, damals ausgewiesen wurden. Jetzt ist da kein Leben drin."

Im ehemaligen Kontrollgebäude sind Bürgermeister Wolfram und sein Gemeindemitarbeiter im dritten Stock unterwegs. An einer Wand steht in roten Buchstaben: "Unser Klassenauftrag wird in Ehren erfüllt." Sie diskutieren, wie man den Spruch von der Wand bekommen kann. Marko Wolfram glaubt nicht mehr daran, das Gebäudes erhalten zu können, und bezweifelt, dass auch nur ein Teil davon noch zu retten ist.

Auf dem Spendenkonto des Fördervereins waren Mitte Oktober 400 Euro eingegangen; 40.000 Euro wären nötig, um einen Kontrollgang und den Wartesaal vor dem Abriss zu bewahren und über den Winter zu bringen. Noch mal 300.000 Euro würde die Einrichtung des Museums kosten, schätzt Wolfram. Das thüringische Kultusministerium hat eine Förderung abgelehnt, weil man die bestehenden Projekte besser fördern wolle. Wolframs Alternative lautet, wenigstens im benachbarten Bahnhofsgebäude eine ständige Dokumentation einzurichten.

Damit könnte sich auch sein Gemeindemitarbeiter abfinden, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Er war Mitarbeiter der Reichsbahn und damit einer der wenigen Probstzellaer, die wussten, wie es hinter der Mauer aussah, die den Grenzbahnhof umgab. Wenn die Sirene ertönte, die Hundeführer ihre Kontrolle beendet hatten und der Zug gen Westen ausfuhr, musste er den Bahnhofsbereich verlassen. Er hat als freiwilliger Grenzhelfer gearbeitet, wies die Bewohner des Sperrgebiets darauf hin, dass sie ihre Leitern anketten müssen. Verraten habe er keinen, sagt er. Jetzt will er, dass endlich Ruhe ist.

Wolfram rüttelt an einer Schranktür. "Letztens war die noch offen", murmelt er. Hinter dem Metall verbirgt sich die Telefonanlage, die die Stasi-Mitarbeiter verwendet haben, um Gesprächen der Probstzellaer zu lauschen. Marko Wolfram kennt die Geschichten aus dem Sperrgebiet, duzt sich mit fast allen im Dorf. Seit zwei Jahren ist er Bürgermeister und kam für diesen Posten zurück in seinen Geburtsort. "Frischen Wind" habe er gebracht, sagen die Männer, die am Abend im einzigen geöffneten Gasthof in der Bahnhofsstraße am Stammtisch sitzen. Aber in Sachen "GüSt" sind sie anderer Meinung. Ein Schandfleck, der weg muss, das ist hier klar.

Aus dem Fenster blicken sie auf ein flaches Gebäude, das dieselbe Farbe wie das Kontrollgebäude trägt. Es steht leer, ebenso wie die Backsteingebäude des alten Bahnhofs nebenan. Die vier Uhren auf den beiden Bahnsteigen funktionieren zwar, zeigen aber vier verschiedene Zeiten an. Eines haben sie gemeinsam: Sie sind zu spät.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de