Kiepenheuer & Witsch finanziert Neuverlag

Von Eichborn zu Galiani

Die erfolgreichen Lektoren von Eichborn Berlin gründen den Galiani Berlin Verlag: Finanziert wird das neue Projekt von Kiepenheuer & Witsch aus Köln.

Auf der Suche: Eichborn sucht neue Cheflektoren. Bild: dpa

Wolfgang Hörner ist glücklich und traurig zugleich. Nach 18 Jahren verlässt er zum Jahresende den Eichborn Verlag und wird gemeinsam mit seiner bisherigen Kolektorin Esther Kormann einen neuen Verlag gründen, der Galiani Berlin heißen soll und den der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch finanzieren wird.

Diese Nachricht ist für die gesamte Branche von Bedeutung, denn der 44-jährige Lektor Hörner, der quasi aus dem Nichts zu einer für den Eichborn Verlag prägenden Figur geworden ist, hat nicht wenige Bestseller gemacht - wie die der Autoren Jenny Erpenbeck, Karen Duve oder Sven Regener - er hat, gemeinsam mit Kormann, in einem verhältnismäßig kleinen Büro in Berlin-Mitte ihre Manuskripte geformt und Vermarktungsstrategien entwickelt, die dann wiederum das Frankfurter Stammhaus mit all seiner Vertriebsmacht zu Erfolgen im Buchhandel verwandelte.

Der Eichborn Verlag, der einst vollmundig an die Börse gezogen und dort gescheitert ist, hatte in den vergangenen Jahren zunehmend von der kleinen Abteilung Eichborn Berlin profitiert. Als diese Abteilung in diesem Jahr ihren zehnten Geburtstag feierte, konnte man zu Recht darauf verweisen.

Dabei haben Kormann und Hörner auch immer etwas gewagt. Sie haben Max Aub für die Deutschen (wieder)entdeckt, Samuel Pepys "Geheime Tagebücher" veröffentlicht und Laurence Sternes "Tristram Shandy", Buchprojekte, die finanzielle Wagnisse waren. Die nicht leicht zu nehmenden Wolfgang Schlüter, Thomas Harlan und Germar Grimsen wurde von beiden promotet, und auch Frank Schulz fand bei Eichborn Berlin eine neue verlegerische Heimat, als der Haffmanns Verlag in Zürich zusammenbrach.

Nur dann, wenn Hörner und Kormann nicht ihrem Instinkt folgten und einem Hype aufsaßen, wurde es dumm, wie etwa bei "Endstufe" von Thor Kunkel, das nicht einmal zu dem Skandalbuch taugte, das sich der Literaturbetrieb herbeiorakelt hatte.

Dass die beiden nun einen Neuanfang wagen, dürfte Eichborn sehr schmerzen, zumal sich der Verlag gerade auch wegen der Erfolge des Eichborn-Berlin-Programms wirtschaftlich erholt hat. Der Eichborn-Verleger Stefan Gallenkamp sucht bereits seit der Buchmesse nach geeigneten Nachfolgern, die das Programm fortsetzen sollen. Davon wird sicher abhängen, ob Eichborn sich auch weiterhin eine Berliner Dependance erlaubt oder nun alle Aktivitäten im Frankfurter Stammhaus konzentrieren wird.

Und neben der Frage nach geeigneten Nachfolgern dürfte ihn noch eine weitere Sorge umtreiben. Zwar ist es üblich, Autorinnen und Autoren via Vertrag längerfristig an einen Verlag zu binden, andererseits aber sind diese oftmals sehr stark an ihre Lektorinnen und Lektoren gebunden. Daher ist nicht auszuschließen, dass sich in dem Programm des neuen Verlages auch Namen lesen lassen, die man jetzt noch im Eichborn-Berlin-Portfolio findet.

Doch zu dieser Frage mag sich Hörner nicht äußern. Lieber betont er, wie sehr er die langjährige Unterstützung der Frankfurter genossen hat. In einem Gespräch mit Helge Malchow von Kiepenheuer & Witsch habe sich aber plötzlich eine Chance aufgetan, die er nicht habe ungenutzt verstreichen lassen können. Denn das neue Label Galiani Berlin biete ihm Freiheiten, die er bisher nicht gehabt habe.

Man werde eine eigene Pressestelle und eine eigene Marketingabteilung haben, lediglich Vertriebsfragen würden zentral in Köln behandelt. Man wird Sachbücher herausgeben und nicht, wie bisher, auf Belletristik oder Essays beschränkt sein. Der Namengeber des Verlags, Ferdinando Coelestinus Galiani, ein Gelehrter aus dem 18. Jahrhundert, werde, so betont Hörner, "zwar nicht mit einer Werkausgabe, aber doch prominent im Programm vertreten sein." Ein erstes Programm werde bereits im kommenden Herbst vorliegen.

Zurzeit sind Kormann und Hörner noch damit beschäftigt, das Frühjahrsprogramm ihres alten Arbeitgebers vorzubereiten und die in diesem Jahr erschienenen Bücher im Weihnachtsgeschäft zu platzieren.

Inwieweit man wirklich in Freundschaft auseinandergegangen ist, wie alle Seiten immer wieder hervorheben, darüber kann nur spekuliert werden. Schließlich war Hörner erst in diesem Jahr zum Leiter der gesamten Belletristiksektion des Eichborn Verlages aufgestiegen. Doch man muss ihm und Kormann lassen, dass sie Eichborn nicht zu einem Zeitpunkt verlassen, an dem Krisenstimmung herrscht.

Im Gegenteil, sie hinterlassen ein gut bestelltes Haus. Bleibt für uns Lesende nur zu hoffen, dass Gallenkamp gute Nachfolger findet, sodass wir es im besten Fall mit zwei guten Verlagen zu tun haben, einem alten und einem neuen.

 

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