Kommentar Elterngeld

Die Ideologie der "Neuen Väter"

Mit dem Elterngeld will die weiße, deutsche Mittelklasse ihre Hegemonie sichern. Nötig wäre aber, die kommende Generation unabhängig von ihrer Herkunft zu fördern.

Wenn es die ach so tollen Väter nicht gäbe, die zwei Monate lang ihren Kinderwagen durch Parks und Straßen schieben, dann hätte Ursula von der Leyen sie erfinden müssen. Die "neuen Väter" sind die zentrale Figur eines pseudoprogressiven Tarndiskurses für das rückwärts gewandte, wenn nicht gar rassistische Projekt namens Elterngeld, das jeder Idee von Gerechtigkeit spottet. Vor zwei Jahren wurde es eingeführt, jetzt wird es gefeiert.

Fangen wir mit der Gerechtigkeit an: Wie ist eigentlich zu begründen, dass arme Familien weniger Geld vom Staat für die Aufzucht ihrer Kinder bekommen als diejenigen, denen es gut geht? Noch weniger übrigens als vor der Einführung des Elterngeldes? Wie geht die Tatsache, dass das Gemeinwesen einer gut verdienenden Familie bis zu 1.800 Euro im Monat für die Betreuung eines Kindes transferiert, mit der Litanei zusammen, dass mehr Eigenverantwortung gefragt und die Kassen ohnehin leer seien?

Die neue bevölkerungspolitische Ideologie, die das Handeln Ursula von der Leyens motiviert, steht über solchen Widersprüchen, weil sie den zweiten Teil der Losung der Französischen Revolution bewusst unter den Tisch fallen lässt. Sie identifiziert die weiße, deutschstämmige Upper Middle Class offensichtlich als zu bevorzugendes Element der deutschen Gesellschaft. Der politisch korrekte Code für diesen qua Geburt zu Höherem berufenen Teil der Bevölkerung lautet "junge Akademikerin".

Wir alle kennen den Mythos von Prenzlauer Berg als angeblich geburtenstärkstem Bezirk der Republik. Er erfüllt uns insofern mit Freude, als uns Frank Schirrmacher vor einiger Zeit mächtig Angst eingejagt hat vor der demografischen Katastrophe: Wenn die "jungen Akademikerinnen" wieder mehr Kinder bekommen, gehts aufwärts mit Deutschland. In Wirklichkeit werden die meisten Berliner Kinder in Neukölln geboren. Also in der "bildungsfernen" Rütli-Welt armer Migranten, wo Gangsta-Rap, nicht Goethe regiert.

Hier liegt der Hund begraben. Wir wissen, dass im Jahr 2025 ungefähr die Hälfte der jungen Bevölkerung deutscher Großstädte migrantischer Herkunft sein wird. Wir wissen, dass arme Kinder in diesem Land relativ chancenlos sind. Und wir wissen, dass die sogenannte Unterschicht strukturell migrantischer ist als die Mittelschicht. Verantwortliche Politik würde schon im Sinne guten Wirtschaftens im eigenen Haus an einer ganz simplen Überlegung ansetzen: Wenn wir wollen, dass Deutschland auch in Zukunft ein "Industriestandort" ist, dessen work force gut ausgebildet und hochproduktiv ist, muss Geld zuallererst in die Hand genommen werden, um Talente egal welcher Herkunft und Klassenzugehörigkeit zu fördern.

Das Signal, das das Elterngeld aussendet, lässt aber wenig Hoffnung aufkommen, dass dieser Gesellschaft daran gelegen sein könnte, über den Rand des akkurat gedeckten Sonntagstischs hinauszudenken. Die Herstellung von Chancengleichheit interessiert außer den Autoren des "Nationalen Integrationsplans" anscheinend niemanden so recht. Wir feiern mit der Ministerin lieber dessen Gegenprojekt als "leise Revolution": das Hegemoniebestreben einer Schicht von Bürgern, die ihre Partikularinteressen erfolgreich zu einer Frage von nationaler Bedeutung stilisiert hat.

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Ulrich Gutmair ist Kulturredakteur der taz.

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