Francos Gefängnis in Carabanchel

Abrissbirne gegen die Erinnerung

In Spanien soll das berüchtigte Gefängnis Carabanchel verschwinden. Dabei hatte sich die sozialistische Regierung den Erhalt von Gedenkstätten ins Programm geschrieben.

Das Gefängnis Carabanchel steht für die Repressionen der Franco-Diktatur. Bild: dpa

MADRID taz Carabanchel ist in Spanien ein Begriff. Der Name eines der Arbeiterstadtteile Madrids steht auch für den Kerker der spanischen Diktatur schlechthin. "Alle politischen Gefangen kamen nach Carabanchel", sagt Victor Díaz-Cardiel.

Der 72-jährige Kommunist und Metallgewerkschafter saß selbst viermal in dem Gefängnis im Südwesten der spanischen Hauptstadt ein. In den letzten Monaten führte er Wochenende für Wochenende Neugierige durch das verlassene Gebäude mit seinen sternförmig auf einen zentralen Wachposten zulaufenden acht Galerien, das Panoptikum, um Unterstützer gegen den geplanten Abriss zu gewinnen. Nun hat der Abriss unter Protest am Donnerstag begonnen.

Das Gefängnis Carabanchel wurde unter Franco in den 1940er-Jahren von Häftlingen errichtet. Zehntausende Gegner der Diktatur machten mit dem Untersuchungsgefängnis Carabanchel Bekanntschaft. In Madrid befanden sich in den Jahren der Diktatur die Gerichte, die Oppositionelle aburteilten. Nach monatelanger Untersuchungshaft wurden sie dann in andere Landesteile verlegt.

Wer auf einer Demonstration oder mit einem Flugblatt aufgegriffen wurde und eine gegen ihn verhängte Geldstrafe nicht zahlen konnte, musste die Buße ebenfalls in Carabanchel absitzen. Und wer gegen das "Gesetz für Faule und Übeltäter" verstieß - wie etwa Homo- und Transsexuelle -, kam auch in den Madrider Knast. Außerdem wartete hier so mancher der zum Tode Verurteilten auf seine Hinrichtung. Selbst wer von einem Landesteil in den anderen überführt wurde, verbrachte mindestens eine Nacht in Carabanchel.

Nach der Amnestie für politische Gefangene 1977 rebellierten die sozialen Gefangenen. Auch sie sahen sich als Opfer der Diktatur. 1998, 23 Jahre nach dem Tod des Diktators, wurde die Anstalt geschlossen. Nun beginnt der Abriss.

"Carabanchel steht für die Repression unter Franco wie kein anderes Gefängnis in Spanien. Das Gebäude muss erhalten werden. Wir wollen eine Gedenkstätte", sagen Kritiker wie Díaz-Cardiel. Doch die Regierung des Sozialisten José Luis Rodríguez Zapatero, die sich vor einem Jahr mit einem "Gesetz für das historische Gedenken" die Rückbesinnung auf die dunklen Jahre der Diktatur und der Opfer auf die Fahne geschrieben hat und in ihrem Wahlprogramm die Gedenkstätte Carabanchel unterstützte, will nichts mehr davon wissen.

Die Mauern des Gefängnisses im Madrider Stadtteil Carabanchel werden niedergerissen. Bild: dpa

Der mögliche Erlös aus dem Verkauf des Grundstückes ist zu verlockend. 70 Millionen Euro verspricht sich das Innenministerium für das 20 Hektar große Grundstück als Spekulationsgewinn. Die Gegner des Abrisses, zumeist ehemaligen Gefangene, genießen eine breite Unterstützung. Anwohnervereine wollen das Gebäude erhalten.

Sie fordern ebenfalls eine Gedenkstätte sowie soziale Einrichtungen für den vernachlässigten, überbevölkerten Stadtteil. Auch Architektenverbände unterstützen die Bewegung gegen den Abriss. Carabanchel sei ein herausragendes Beispiel für die Gefängnisarchitektur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und selbst der staatliche Verteidiger der Bürgerrechte, Enrique Múgica Herzog, wandte sich in einem Schreiben an das Innenministerium mit der Bitte, vom Abriss abzusehen. "Es ist notwendig, die Erinnerung an unsere Vergangenheit zu wahren, um aus ihr zu lernen für eine bessere Zukunft", meint der sozialistische Anwalt, der einst selbst in Carabanchel einsaß.

"In anderen spanischen Städten wurden die alten Gefängnisse erhalten", beschwert sich Carmen Ortíz, Anthropologin am staatlichen Hohen Rat für wissenschaftliche Forschungen (CSIC). Die Gebäude wurden neuen Bestimmungen zugeführt. In Oviedo und Avila wurden historische Archive eingerichtet, in Alicante und Valencia Büros der Verwaltung und in Granada ein Kulturzentrum. "Überall wurde etwas unternommen, nur hier in Madrid nicht", sagt Ortíz.

Als Anthropologin würde sie in den alten Gemäuern gerne ein Museum sehen, das neben der Diktatur auch dem gewidmet ist, was sie "verschiedene Gefängniskulturen" nennt. Die politischen Gefangenen organisierten sich weitgehend selbst, hielten Schulungen ab. So mancher der Freigelassenen hatte nach seinem Aufenthalt mehr Kontakte als vor seiner Verhaftung. Und die Gefangenenbewegung, die in den 80er-Jahren zu einer Gefängnisreform führte, ging ebenfalls von Carabanchel aus. Nun sollen Teile des Gebäudes am Wochenende besetzt werden.

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