„Glaube emanzipiert sich“

Vortrag über Jugendliche und ihren Glauben

taz: Herr Weiße, wie beeinflusst die Kommunikation über Smartphones und soziale Netzwerke den Umgang der Jugendlichen mit Religion?

Wolfram Weiße: Die analoge und die digitale Kommunikation unterliegen teilweise identischen Spielregeln. Aber im Netz kommt es eher zu einer Verschärfung der Meinung, auch im Hinblick auf Religion. Befragungen von Jugendlichen ergaben aber auch, dass sie sich zunehmend mit Themen der interkulturellen Verständigung und Toleranz auseinandersetzen.

Welche Bedeutung hat Religionsunterricht für Jugendliche?

■ 67, Professor für Religionspädagogik an der Uni Hamburg, seit 2010 Direktor der Akademie der Weltreligionen

Hamburg ist das einzige Bundesland, das den religionsübergreifenden Unterricht anbietet und das Interesse der Jugendlichen ist sehr groß. Es wird Raum für ein breiteres Wissen über religiöse Unterschiede und Gemeinsamkeiten geschaffen und der Dialog zwischen Schülern verschiedener Religionen angestoßen – das fördert den Respekt.

Spiegelt sich das Interesse der Jugendlichen an religiösen Themen auch in ihrem Umgang mit der Institution Kirche wieder?

Wer in den 1980er-Jahren der Kirche fernblieb, galt als ungläubig. Schon seit den 1990er-Jahren stellen wir aber fest, dass immer weniger Jugendliche an kirchlichen Veranstaltungen wie Konfirmationsunterricht oder Bibellesungen teilnehmen. Und heute emanzipiert sich der Glaube von festen Institutionen.

Gibt es auch Anzeichen für eine gegenläufige Entwicklung?

Sozial benachteiligte Jugendliche entwickeln öfter ein Interesse für religiöse Institutionen und deren Angebote. Sie nehmen häufiger am Konfirmationsunterricht teil, weil das den Jugendlichen ein neues Gemeinschaftsgefühl bietet.