Rassistischer Mord in Mailand

Auf offener Straße erschlagen

Ein schwarzer Jugendlicher wurde ermordet. Der Ausländerhass in Italien wächst und die Opposition macht Berlusconis Regierungspolitik für die Hetze verantwortlich.

Offizielle Gastfreundschaft in Mailand - die Realität sieht anders aus Bild: dpa

ROM taz Erschlagen, weil er schwarz war? Entsetzt schaut Italien auf einen Mord, der am Sonntagmorgen im Zentrum Mailands geschah. Das Opfer, der 19-jährige Abdul Guibre, wurde dort auf offener Straße von dem Besitzer einer Bar und dessen Sohn mit einer Eisenstange verprügelt und erlag wenige Stunden später im Krankenhaus seinen schweren Kopfverletzungen.

Die zwei Freunde, die zusammen mit Abdul Guibre, dessen Eltern aus Burkina Faso immigrierten, Opfer der Attacke wurden, sagten bei der Polizei aus, die beiden Schläger hätten gebrüllt: "Drecksneger, Scheißneger, wir bringen euch um!" Die noch am gleichen Tag verhafteten Täter behaupten, sie seien auf die drei losgegangen, weil die vorher in der Bar ein paar Kekspackungen gestohlen hätten. Diesen Umstand aber streiten die zwei Freunde Abduls energisch ab: Es stimme nicht, dass der Prügelorgie ein Diebstahl vorausgegangen sei; sie seien ausschließlich ihrer Hautfarbe wegen attackiert worden. Unbestritten ist nur der unmittelbare Tathergang: Die drei Jugendlichen waren von den beiden Barbesitzern mit einem Wagen verfolgt worden, dann kam es zu der Schlägerei mit tödlichem Ausgang.

Dennoch beeilte sich die Mailänder Polizei, einen rassistischen Hintergrund kategorisch auszuschließen. Die Ermittler machten sich umgehend die Version der Täter zu eigen und sprachen von einem "gewöhnlichen Streit", der "entgleist" sei. Auch die Staatsanwältin teilt diese Einschätzung; sie verzichtete am Montag darauf, den erschwerenden Tatumstand rassistischer Motive geltend zu machen.

Selbst Letizia Moratti, Mailands Bürgermeisterin aus dem Berlusconi-Lager, sieht das anders. Akte solcher Grausamkeit stünden gegen die Kultur der Stadt, deren Werte "Toleranz, Aufnahme von Zuwanderern, friedliches Zusammenleben" seien, erklärte Moratti. Einen Schritt weiter geht die Linksopposition, die Berlusconis Rechte für die Fremdenfeindlichkeit in Italien verantwortlich macht. Oppositionsführer Walter Veltroni sieht den Mord als Frucht "eines drückenden Klimas" und macht die "mit vollen Händen geschürten Ängste gegenüber den Fremden" verantwortlich. Und Piero Fassino, Spitzenpolitiker der Demokratischen Partei, forderte: "Mögen diejenigen reflektieren, die täglich hysterische Angst vor den Immigranten verbreiten, mögen sie sich Rechenschaft darüber ablegen, welch furchtbare Verantwortung all die auf sich laden, die jeden Immigranten als Gefahr und als Feind hinstellen und so ein Klima des Hasses schaffen, in dem jede Horrortat möglich wird."

Gemeint sind Politiker wie Italiens Innenminister Roberto Maroni von der Lega Nord, der immer wieder zu "null Toleranz" gegenüber Einwanderern aufruft. Für Italiens Rechte hatte sich die fremdenfeindliche "Sicherheits"-Kampagne schon im Wahlkampf bezahlt gemacht; auch an der Regierung setzen Berlusconi und seine Partner auf das Thema: Im Sommer entsandten sie propagandawirksam 3.000 Soldaten in die Städte, um ihre Bereitschaft zu hartem Zupacken unter Beweis zu stellen. Den Preis zahlen die Ausländer. Ihnen gegenüber ist die Gewaltschwelle deutlich gesunken. So wurde vor wenigen Tagen in Rom ein Rumäne in seinem Auto von den Insassen zweier anderer Wagen gestoppt, die mit Baseballschlägern auf ihn losgingen und ihn als "rumänisches Pack" bezeichneten, das in Italien nichts zu suchen habe.

Die Lega Nord kehrt den Spieß jetzt kess um. Roberto Cota, Fraktionsvorsitzender der Lega im Abgeordnetenhaus, verkündet: "Die, die diese Tat in unwürdiger Weise instrumentalisieren, laufen Gefahr, eine gefährliche Dynamik in Gang zu setzen." Am Ende sind es wieder die Ausländer und ihre politischen Freunde, die sich nicht wundern dürfen, wenn sie eins aufs Maul bekommen, weil sie sich über ausländerfeindliche Gewalt beschweren. MICHAEL BRAUN

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