Kommentar "Wolke 9"

Erwachsener Sex im Alter

Wer sich in seiner Jugend vom Summer of Love inspirieren ließ, wird sich auch 40 Jahre später die sexuellen Freiheiten nicht mehr ausreden lassen - wie Andreas Dresens neuer Film zeigt.

Die sexuelle Revolution ist super! Und trotz mancher Abgesänge ist sie, wie Andreas Dresens neuer Film "Wolke 9" zeigt, keineswegs vorbei. Untergründig arbeitet sie sich weiter voran. Erst sorgte sie dafür, dass Sex nicht mehr als Machtmittel und Instrument der Frauenunterdrückung gesehen werden muss. Dann wurde klar, dass sexuelle Orientierung reine Privatsache ist. Jetzt zeigt sich, dass die sexuelle Revolution auf lange Sicht auch die gesellschaftlichen Bilder vom Alter ändern wird.

Etwas weniger weise, dafür aber lebendiger werden ältere Menschen in Zukunft wirken. Wer sich in seiner Jugend vom Summer of Love inspirieren ließ, wird sich auch 40 Jahre später die errungenen sexuellen Freiheiten nicht mehr ausreden lassen. Vergessen wir dabei lieber gleich Verniedlichungen à la "Harold and Maude"! Die heutige Sandwichgeneration der Fourtysomethings kann sich daher schon mal darauf einstellen: Bei ihren Eltern werden sie nicht nur Erbschaftsregelungen und Pflegenotwendigkeiten managen müssen, sondern möglicherweise auch die Folgen emotionaler Eskapaden.

Andreas Dresens Film zeigt, dass es inzwischen die Chance auf einen erwachsenen Umgang mit Sex im Alter gibt. Kulturell wird diese Frage meist immer noch nach dem Schema "Älterer Mann hat Affäre mit viel jüngerer Frau" behandelt - Genaueres lässt sich in den späten Romanen von Martin Walser und Philip Roth nachlesen. Bei nichtbeteiligten BeobachterInnen löst dies Schema oft Häme aus, von Altersgeilheit ist abfällig die Rede. Bei Andreas Dresen aber begegnen sich Menschen auf Augenhöhe, sie entwickeln Gefühle, sie sind verwirrt, sie haben Sex - alles, was man jungen Menschen gerne zugesteht und nun auch bei älteren Menschen als normale menschlich-allzu-menschliche Verhaltensweise zu akzeptieren lernt.

Andreas Dresens Film ist ein Indiz für das, was mit so einer Akzeptanz alles anders werden kann: In seinen Bildern zeigt sich ein neugieriger Blick auf gealterte Körper. Jugendwahn wird es auch nach diesem Film noch geben. Aber vielleicht kann man ihn nach dem Kinobesuch ein bisschen souveräner den Menschen überlassen, die ihm unbedingt nachrennen zu müssen meinen.

 

Dirk Knipphals, Jahrgang 1963, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Kiel und Hamburg. Seit 1991 Arbeit als Journalist, von 1994 bis 1996 bei der taz.hamburg. Seit 1999 Literaturredakteur der taz. Essays. Literaturkritiken für Deutschlandfunk und Deutschlandradio. Moderationen. 2012 Mitglied des Jury des Deutschen Buchpreises.

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