Kolumne Lidokino

Sadismus und Ironie

Insiderjokes, brutale Gewalt, dann wieder Distanzierung und Ironie: Ein wenig müde machen diese Zutaten des postmodernen Kinos.

Elitäres und populäres Genießen liegen am Lido dicht beieinander. In Sichtweite des Westin-Excelsior-Hotels mit seinen Terrassen, seinen Bars und seinen Pools befindet sich eine Kantine für weniger solvente Sommergäste. Jetzt, in den letzten Augusttagen, haben sie mehrere Wochen lang die Sonne auf sich scheinen lassen. Viele von ihnen sind älter, die Körper gehorchen keinem Schönheitsdiktat mehr, sie verlieren die Form, ohne es zu verbergen. Bäuche wölben sich, Speck rollt sich am Rücken, Bikinioberteile geben müden Brüsten gnädig Halt. Die Haut ist tiefbraun und wirft Falten; manchmal ergibt sich daraus ein irritierendes Zusammenspiel. Die Oberfläche der Haut ist gebräunt, in den Räumen zwischen den Falten scheinen helle Streifen auf.

Irritierend ist auch das Zusammenspiel von Ironie und Ernsthaftigkeit in zwei Filmen des Wettbewerbs: in Takeshi Kitanos Tragikomödie "Akires to kame" ("Achilles und die Schildkröte") und in Barbet Schroeders Thriller "Inju - Das Monster im Schatten". Beide Filme sind in Japan angesiedelt, dieser erzählt von einem französischen Bestsellerautor namens Alex Fayard. Fayard, gespielt von Benoît Magimel, reist nach Tokio, um sein neues Buch zu vermarkten. Er verehrt und imitiert einen japanischen Autor, der zurückgezogener lebt als Thomas Pynchon und in seinen Kriminalgeschichten dem abgrundtief Bösen die Hauptrolle zuweist. Dieser Autor scheint vom Sadismus seiner Fiktionen so infiziert, dass er den Schrecken seiner Bücher in die Wirklichkeit hinüberwandern lässt; den naiven, arroganten Fayard lässt er in zahllose Fallen tappen und versetzt ihn damit immer wieder in große Furcht. Um zu begreifen, wie düster die Pointen in "Inju - Das Monster im Schatten" sind, reicht ein Blick auf den Anfang: Ein Film-im-Film-Insert führt in ein Teehaus, eine Geiko kniet auf dem Boden, ein Mann nähert sich ihr von hinten, berührt sie, nichts Böses ahnend, an der Schulter. Ihr Kopf kullert vom Rumpf. Wenige Szenen später ringt der Mann mit dem Mörder der Geiko, die Schwerter fliegen und wirbeln, und noch einmal lässt Schroeder einen Kopf vom Rumpf kippen.

Kitanos Film ist nach dem Zenonschen Paradox von Achilles und der Schildkröte benannt. Diese von Jorge Luis Borges sehr geschätzte Denkfigur besagt, dass Achilles, obwohl schneller als das Tier, dieses nicht überholen kann, sobald es mit einem Vorsprung startet. Der Achilles des Films ist Machisu, ein Junge, der in behüteten Verhältnissen aufwächst. Beim Malen legt er großes Talent an den Tag, er wird darin von allen unterstützt, und es scheint nur eine Frage der Zeit, bis er einen arrivierten Maler übertrumpfen wird. Doch sein Vater, ein Seidenfabrikant, geht bankrott; er begeht Selbstmord, der Sohn landet bei einem Onkel, einem Bauern, der ihn zu harter Arbeit zwingt. Als junger Mann besucht Machisu die Kunsthochschule und arbeitet in einer Druckerei. Seine Kommilitonen und er starten im Namen der Kunst Aktionen, bei denen es nicht nur ernste Blessuren, sondern auch Tote gibt. Nach einem weiteren Zeitsprung gibt Kitano selbst Machisu, der inzwischen verheiratet und Vater einer pubertierenden Tochter ist. Noch immer widmet er sich obsessiv der Malerei, ohne je ein einziges Bild zu verkaufen, einen eigenen Stil findet er nicht. Einmal malt er das Bild einer Bucht mit Hafen, der Kunsthändler findet kein gutes Wort dafür, das Publikum in der Sala Perla freilich begreift den Witz: Die Bucht zeigt den alten Hafen von Cannes. Ob Machisu den Markusplatz gemalt hätte, hätte Kitano gewusst, dass sein Film für das Festival von Venedig ausgewählt wird?

Insiderjokes, falsche Fährten, brutale Gewalt, dann wieder augenzwinkernde Distanzierung und wohlfeile Ironie: Ein wenig müde machen diese Zutaten des postmodernen Kinos. Schroeders Film hat die Reize eines B-Pictures, aber zugleich fehlt ihm dessen Gradlinigkeit. Doch Kitano läuft Gefahr, dass dem Betrachter die Hauptfigur und damit der Film entgleiten, weil sie ihm gleichgültig werden.

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