Neues Kreativhaus in Kreuzberg

Kreative beleben Moritzplatz

Der Materialgroßhändler Modulor will die frühere Klavierfabrik im Kreuzberger Bechsteinhaus zum Kreativzentrum umbauen. Der vernachlässigte Moritzplatz soll wieder zum Kietztreffpunkt werden.

Der Kreuzberger Moritzplatz ist ein Un-Ort: An einem Kreisverkehr treffen zwei vielbefahrene Straßenachsen aufeinander. Darum gruppieren sich Brachflächen, Billigmärkte und Mietshäuser. Die meisten Berliner nehmen den kriegszerbombten Moritzplatz mit seinen acht U-Bahn-Ausgängen nur als Verbindung zwischen Kreuzberg und Mitte wahr, Anlass zum Verweilen gibt er nicht. Der Kreuzberger Materialgroßhandel Modulor will das ändern und den toten Winkel zwischen Prinzen- und Oranienstraße wieder zu dem machen, was er um 1900 war: Eine belebter Treffpunkt für den Kiez.

Modulor will das Bechstein-Haus am südwestlichen Ende des Moritzplatzes vom Liegenschaftsfonds kaufen. In dem 14.000 Quadratmeter großen Gebäude, in dem die Firma Bechstein in den Achtziger Jahren Flügel produzierte, soll ein "Kreativuniversum" entstehen.

Den Zuschlag im Rahmen eines Direktvergabeverfahrens hat Modulor bereits in der Tasche, auch die Finanzierung ist gesichert: Eine vermögende Familie, die das Konzept überzeugte, konnte als Käuferin gewonnen werden, sagt Modulor-Geschäftsführer Andreas Krüger. Die Familie, die namentlich nicht genannt werden möchte, finanziert nicht nur den Kaufpreis von sieben Millionen Euro, sondern auch den ökologischen Umbau des Gebäudes für geschätzte acht Millionen. Bis Oktober soll der Vertrag mit dem Liegenschaftsfonds unterschrieben sein, danach muss das Bauvorhaben noch das Abgeordnetenhaus passieren. Der Baubeginn ist für Anfang 2009, die Eröffnung für Ostern 2010 geplant.

Ein "Themenhaus für professionelle Kreative". So beschreibt Krüger das Vorhaben seines bisher an der Gneisenaustraße ansässigen Unternehmens, das rund 80 Mitarbeiter beschäftigt. Modulor wird mit seinem von Architekten, Künstlern und Handwerkern gefragten Sortiment an Bastel-, Bau- und Dekomaterial rund vierzig Prozent des Gebäudes belegen. Dazu kommen ein Kurierservice und thematisch passende Gewerbe wie Holz- und Druckwerkstätten, ein Tapeten- und ein Farbenladen. Die Familie wird als Miteigentümerin rund 2.000 Quadratmeter Fläche mit einem Theater, einer Fachbibliothek, Künstlerateliers und einer 24-Stunden-Kita bespielen. "Unser Ziel ist ein rund um die Uhr offenes Haus, das für Einkaufende, Kulturinteressierte und Anwohner gleichermaßen interessant ist", sagt Krüger.

Die Anbindung an den Kiez will man mit einer Bar und Graffiti-Wänden schaffen. Außerdem sollen die Nachbarn vom ehrgeizigen Energiekonzept des Hauses profitieren. Ein Fahrradparkhaus soll es geben, in Zusammenarbeit mit einem Ökostromanbieter soll ein eigenes Blockheizkraftwerk Wärme und Strom für die Umgebung erzeugen. Langfristig denken die Kreativen sogar daran, den Moritzplatz zum Versuchsfeld für ein "open space"-Verkehrskonzept zu machen.

"Auch scheinbar Unerreichbares ist möglich" ist das Credo der Modulor-Geschäftsführer Andreas Krüger und Christof Struhk. Seit über einem Jahr trommeln die beiden in Bezirksverwaltungen und Ausschüssen für ihr Anliegen: Die kreative Wiederbelebung des Moritzplatzes. Teil ihres Plans: Auf der Brache gegenüber des Bechsteinhauses, auf der von 1913 bis 1945 das erste Wertheim-Warenhaus mit U-Bahnanschluss stand, will der Hamburger Immobilienentwickler "Hamcap" ein Einkaufszentrum errichten. Anstelle der üblichen Filialisten sollen dort hochwertige, inhabergeführte Läden zum Shopping locken. Den Segen des Bezirks hat "Hamcap" bereits. Doch bis zum Bau muss erst ein Bebauungsplan für das Areal abgewartet werden. Dieser sieht unter anderem auch den Einzug einer Musikalienhandlung in den bisherigen Aldi-Markt an der Oranienstraße vor. Der Moritzplatz dürfte schon bald nicht mehr wiederzuerkennen sein.

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„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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