Creative-Commons-Lizenz missachtet

Britischer Premier als Software-Pirat

Die britische Regierung will die Urheberrechte fürs Netz verschärfen, jetzt wird sie selbst von Bloggern des Software-Klaus bezichtigt: Für ihr Portal habe sie unrechtmäßig Design-Vorlagen benutzt.

Gordon Brown und sein Kabinett als Netzwilderer?: In der Blogger-Community ist man sich sicher, dass die britische Regierung gegen die Creative-Commons-Lizenz verstoßen hat. Bild: screenshot/no. 10.gov.uk

Zunächst schienen alle begeistert. "Downing Street No. 10" hatte vergangene Woche seine neue Website präsentiert: modernes Design, aufgeräumte Navigation, und auch an beliebte Web-2.0-Funktionen hatten die Macher gedacht: So spricht Premier Gordon Brown in Youtube-Videos zum britischen Volk; seine Fotos veröffentlicht er auf der Foto-Plattform Flickr. Und ganz nach dem Vorbild des US-Wahlkämpfers Barack Obama, der die Polit-Werbung im Netz perfektioniert hat, setzt Gordon Brown mehrmals täglich 140 Zeichen kurze Nachrichten aus der Downing Street auf dem populären Microblog-Dienst Twitter ab. Seine Fans dort - immerhin noch knapp 4.000 - können sich so per SMS darüber informieren lassen, was in der Umgebung des Premierministers gerade so Wichtiges und Unwichtiges passiert. Videos, Fotos, Twitter und "Tweets" - bei allen Info-Schnipseln haben die Web-Designer dafür gesorgt, dass diese gleich auf der Startseite des Premiers eingebunden werden. Polit-Blogger lobten das fortschrittliche Angebot.

Bis sich Anthony Baggett aus dem US-Bundesstaat Mississippi meldete. Baggett behauptete am Montag in seinem Blog: "Meine Designvorlage ist von der britischen Regierung verwendet worden, und es scheint so, dass sie sich nicht an die Copyright-Vereinbarung gehalten haben." Der US-Amerikaner, der Webdesign eigentlich nur als Hobby betreibt, hatte eine Design-Vorlage für die populäre Blog-Software Wordpress auf seiner Website zum Download veröffentlicht, damit Blogger diese - unter bestimmten Bedingungen - weiterverwenden dürfen. Die Bedingungen regelt eine Lizenz, die die Rechtshilfe-Organisation Creative Commons zur freien Verfügung stellt.

Die Idee von Creative Commons: Weil im Internet keine Kosten entstehen, wenn ein digitales Werk von A nach B kopiert wird, ist das herkömmliche Urheberrecht häufig strenger als nötig. Ein Blogger etwa, der für sein Blog gerne ein fremdes Foto nutzen möchte, müsste nach Recht und Gesetz erst den Urheber fragen und auf schriftliche Antwort warten. Da viele Autoren, Fotografen und Designer im Netz ihre kreativen Werke aber gerne mit anderen teilen möchten, sie sogar ausdrücklich weiterverbreitet sehen wollen, sind die Regeln des Urheberrechts eher ein Hindernis. Daher veröffentlichen immer mehr Urheber Werke unter einer Lizenz, die die Nutzung und Weiterverbreitung unter bestimmten Bedingungen freigibt. So auch Anthony Baggett. Seine Designs für das Redaktionssystem Wordpress sind frei verwendbar: kostenlos und für beliebige Zwecke - aber unter zwei Bedingungen: Baggett will als Urheber genannt werden - quasi die 15 Minuten Ruhm genießen, die laut Andy Warhol jedem zustehen - und erwartet, dass die Weiterentwicklungen, die andere aus seinem Werk erarbeiten, auch unter einer ähnlichen Lizenz zur Nutzung veröffentlicht werden.

Als Downing Street seine Website erneuerte, entschied sich die Agentur für das populäre Redaktionssystem Wordpress - auch unter einer ähnlichen freien Lizenz erhältlich. Und gleich mit für Anthony Baggetts Designvorlagen. Die Hinweise auf Baggetts Urheberschaft strich die Agentur gründlich. Doch im Quellcode ist erkennbar: Die Agentur hat sich nicht nur Inspiration bei Baggett geholt, sie hat großzügig kopiert. Ganze Verzeichnisse haben die gleiche Struktur, Namen lauten gleich, große Teile des Codes sind identisch. Die Agentur hätte für Baggetts Leistung zwar nicht zahlen müssen, wegen der freien Lizenz wäre die Nutzung im Prinzip in Ordnung, fehlten da nicht Hinweis auf Urheber und freie Weitergabe. Stattdessen: "Das Material dieser Site steht unter dem Copyright der Krone."

Baggett äußerte sich erst selbst verärgert in seinem Blog, etliche Blogger, auch in Großbritannien und Deutschland, schlossen sich der Kritik an. "Während die britische Regierung massiven Druck auf Internetprovider ausübt, streng gegen Tauschbörsen-Nutzer vorzugehen, übt sie sich selbst in Piraterie" äußerte sich ein Blogger. Im Web-2.0-Nachrichtenportal Digg schnellte der Blog-Beitrag auf der Aufmerksamkeitsskala nach oben.

Die beauftragte Agentur ging am Mittwoch in die Offensive: Die Kritik sei falsch, ein Mitarbeiter habe sich von Baggetts Vorlagen nur inspirieren lassen, Baggett gehe es nur um Aufmerksamkeit und Links, die Währung im Web, über die Google die Wichtigkeit von Webseiten bewertet. Die Behauptungen von Baggett und anderen Bloggern tat ein Agenturmitarbeiter als Gerücht ab. Dabei ist die große Übereinstimmung im Code der Downing-Street-Website mit Baggetts Vorlagen für jeden Amateur erkennbar.

Auch das Büro des Premierministers mag keinen Fehler erkennen. Auf Twitter verkündete Downing Street: "Our supplier is certain that there is no such issue concerning the new website." Ihr Auftragnehmer sähe kein Problem. "Danke für Ihr Feedback, weiter so."

Auf Nachfrage der taz wies ein Sprecher des Premierministers jede Kritik von sich. "Wir widersprechen den Behauptungen ganz und gar," so der Sprecher, "die Website ist völlig konform zur Creative-Commons-Lizenz." Wie man sich denn die Kritik erkläre? "Downing Street ist zu keiner weiteren Stellungnahme bereit."

Anthony Baggett und die Agentur haben ihren Streit wohl beigelegt. Baggett bedauert inzwischen in seinem Blog den Streit und entschuldigt sich für das Aufheben. An die Agentur gerichtet teilt er mit: "Mein Stolz ist es nicht wert, Sie schlecht ausschauen zu lassen."

Jan Michael Ihl

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